Die Frage ist nicht, ob wir vor einem postamerikanischen Zeitalter stehen. Das postamerikanische Zeitalter ist bereits angebrochen. Es ist noch gar nicht so lange her, da hatte Amerika die Vorstellungskraft vieler, vor allem junger Menschen auf der ganzen Welt in Bann geschlagen. Das Land galt als Leuchtfeuer von Freiheit und Demokratie, als Verteidiger hoher Werte und der Interessen der Menschheit. Rund um den Erdball lebte es in den Herzen der Menschen.

Dieser Zauber ist nach dem Ende des Kalten Krieges rasch verflogen, denn die Vereinigten Staaten haben die Welt zwei Jahrzehnte lang rücksichtslos im Stich gelassen. Das Wohlwollen, das man Amerika einmal entgegenbrachte, ist darüber kontinuierlich zusammengeschmolzen. Stattdessen gibt es heute in vielen Teilen der Welt, besonders unter den 1,2 Milliarden Muslimen, ein stattliches Potenzial an antiamerikanischem Hass. Die Enttäuschung ist tief und gewaltig. Dennoch verstehen die meisten Menschen in den USA und Europa nicht, wie sehr sich bei den 5,6 Milliarden Erdbewohnern, die nicht im Westen leben, die Einstellung gegenüber Amerika so verändert hat.

Wie tief die Kluft zwischen der westlichen und der restlichen Welt ist, möchte ich mit einer kleinen Anekdote illustrieren. Anfang 2005 veröffentlichte ich in New York ein Buch mit dem Titel Nach dem Zeitalter der Unschuld: Wie sich zwischen Amerika und der Welt wieder Vertrauen herstellen lässt . Die Financial Times brachte eine halbseitige Rezension des Buches, die darauf hinauslief, dass sich der Stapel antiamerikanischer Schriften um ein weiteres Exemplar erhöht habe.

Zufällig war ich zwei Wochen nach dem Erscheinen dieser Kritik in der Türkei. Ich traf mich mit meiner türkischen Verlegerin. Als ich sie fragte, wann das Buch erscheinen würde, sagte die junge Dame: »Es ist ja schon erschienen. Es ist übersetzt worden.« Ich drängte sie erneut, mir den Veröffentlichungstermin zu verraten. Da wand sie sich auf ihrem Stuhl und sagte: »Wir haben da ein Problem. Die Stimmung in der Türkei ist sehr antiamerikanisch. Ihr Buch ist zu amerikafreundlich, um es in Türkei herauszubringen.«

Diese Begebenheit belegt die Tiefe der Kluft zwischen Amerika und der Welt. Ein Buch, das die Financial Times als antiamerikanisch verwirft, scheint zu proamerikanisch zu sein, um in der Türkei publiziert zu werden – also einem moderaten muslimischen Land, das Mitglied der Nato ist. Meinungsumfragen bestätigen, dass sich Amerikas Ansehen in allen Teilen der Welt deutlich verschlechtert und der Antiamerikanismus entsprechend ausgebreitet hat. Wenn man die Ergebnisse des Washingtoner Pew Global Attitudes Project, das regelmäßig weltweite Stimmungslagen erfasst, aus den Jahren 2000 und 2008 vergleicht, ergibt sich folgendes Bild: Die Zahl derjenigen, die eine positive Einstellung gegenüber den Vereinigten Staaten haben, ist in Deutschland von 78 auf 31 Prozent, in der Türkei von 86 auf 68 Prozent, in Argentinien von 50 auf 22, in Indonesien von 75 auf 37 und in Pakistan von 23 auf 19 Prozent zurückgegangen.

Wie wird sich die Präsidentschaft Barack Obamas auf dieses Negativimage auswirken? Wird sie eine dauerhafte proamerikanische Welle auslösen? Natürlich hat die Tatsache, dass der Sohn eines Afrikaners in das mächtigste Amt der Welt gewählt wurde, die globale Vorstellungskraft gewaltig erregt. Viele Menschen und besonders viele Afrikaner flüsterten sich zu, dass so etwas »nur in Amerika« möglich sei. Ja, der Antiamerikanismus wird eine Weile keinen weiteren Zulauf erhalten. Während der Flitterwochen seiner Präsidentschaft wird man Obama überall auf der Welt feiern.