Am 8. Oktober 2008 war die Krise noch jung, man möchte fast sagen: unschuldig. An jenem Mittwochabend luden die Bundeskanzlerin und ihr Finanzminister die Chefs der wichtigsten Zeitungen ins Kanzleramt, um ihnen eine Botschaft zu übermitteln. Die lautete: Wir wissen zwar nicht genau, was in zwei oder drei Wochen ist, aber würden doch sehr herzlich um Ihr Vertrauen bitten und vor allem darum, dass Sie keine schlechte Stimmung machen, denn dazu ist die Lage zu ernst.

Die beiden trugen ihr Ansinnen auf beinahe schüchterne Weise vor, wahrscheinlich wussten sie, wie brüchig ihr Konzept war: den Banken einen Schirm aufspannen, ein kleines Konjunkturprogramm auflegen und den Menschen keine Angst machen, auf dass sie schön einkaufen gehen. Funktioniert hat immerhin das Letzte: Die Deutschen blieben cool und kauften zu Weihnachten wie üblich viel mehr, als sie brauchten. Ob das nun an den Zeitungen lag, sei dahingestellt, doch konnte man damals an die patriarchalische Vision glauben, dass die Eliten dem Volk nicht alles sagen – um es, mit Scheuklappen versehen, rasch durch die Krise zu führen.

Es ist zweifelhaft, ob diese patriarchalische Vision in einer demokratischen und transparenten Gesellschaft wie unserer je Sinn hatte. Sicher ist: Diese Phase der Krise ist vorbei. Die vertrauliche Äußerung eines Spitzenmannes der SPD bringt es auf den Punkt. Die Stimmung, meint er, ist besser als die Lage. Er sagt es mit Sorge, weil er fürchtet, die Leute seien zu wenig vorbereitet auf das, was bevorsteht.

Am Dienstag dieser Woche hat die Regierung bereits das zweite, noch größere Konjunkturpaket verabschiedet, während sich die zweite Welle der Bankenkrise gerade gewaltig auftürmt. Spätestens im März wird Deutschland voll von der Wirtschaftskrise erfasst, dann werden sich die Firmenpleiten häufen und die Arbeitslosenzahlen steigen. Die Leute ahnen das, ihnen schwant, dass die Regierung keinen rechten Plan hat, so wenig übrigens wie die Zeitungen.

Die Wahrheit drückt sich durch. Darum wird das Land nicht mehr aus der Krise kommen, indem viele nicht alles wissen, sondern eher dadurch, dass alle alles wissen, was man wissen kann. Es ist an der Zeit, alle Karten, auch die gezinkten, auf den Tisch zu legen. Was ist die Natur der Krise, was wissen die Politiker, die Banker und die Experten, was sind die Motive ihres Handelns?

1. Diese Krise ist ohne Beispiel
Niemals seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs war die komplette Weltwirtschaft im Abschwung. Das ist neu und hat mit der enorm gewachsenen wirtschaftlichen Verflechtung der Welt zu tun – und mit der mentalen. Es gibt eine Weltwirtschaft, es gibt aber auch ein Weltgefühl, und dieses Gefühl sagt Milliarden Menschen zurzeit: Vorsicht! Damit verschärfen sie die Krise, vor der sie sich wegzuducken versuchen.

Die Krise verläuft rasend schnell, verändert dabei unablässig ihre Gestalt und wirft ihre eigenen Regeln über den Haufen. Man sieht das zum Beispiel an Thomas Oppermann, dem Parlamentarischen Geschäftsführer der SPD. Er begründete die etwas langwierige Arbeit der Regierung am zweiten Konjunkturpaket damit, dass man ja nur noch einen Schuss frei habe. Nun aber braucht man womöglich einen zweiten Schuss. Und danach einen dritten.