»Es sind nichts als Lügen, Lügen, Lügen. Nicht ein einziger Jude wurde durch Gas in Gaskammern getötet.« Das sind Worte des Engländers Richard Williamson, eines mehrfach auffällig gewordenen Holocaust-Leugners, gegen den Regensburger Staatsanwälte wegen Volksverhetzung ermitteln. Williamson ist keiner der üblichen Geschichtsleugner; er ist katholischer Bischof und einer von vier Abtrünnigen, die Papst Benedikt XVI. in »väterlicher Einfühlsamkeit« am Wochenende in den Schoß der römisch-katholischen Kirche zurückgeholt hat. Zur Erinnerung: Williamson war 1988 exkommuniziert worden, nachdem er sich unerlaubt von Marcel Lefebvre zum Priester hatte weihen lassen – jenem französischen Erzbischof, der sich aus Protest gegen das Zweite Vatikanum mit seiner Priesterbruderschaft St. Pius X. von Rom abgespalten hatte.

Nun ist der Aufruhr groß, und die Entscheidung des Papstes sorgt nicht nur bei den jüdischen Gemeinden für Entsetzen. Selbstverständlich verurteilt auch der Vatikan Williamsons Äußerungen, aber er betrachtet sie als »rein privat«. Das soll sagen: Was persönlicher Natur ist, könne juristisch kein Hinderungsgrund dafür sein, eine Kirchenstrafe rückgängig zu machen, die ausschließlich Verstöße gegen die Rechtgläubigkeit zu ahnden habe. Kurzum, glaubt man dem Vatikan, dann besitzt der wieder eingegliederte Williamson einen doppelten Körper. Mit dem einen ist er Privatperson und darf, übrigens in vollem Ornat, seine Obszönitäten verbreiten; mit dem anderen Körper ist er kirchlicher Würdenträger, der armen Seelen den Segen spendet.

Das ist bizarr, und man kann dem Vatikan nicht die Frage ersparen, warum er lateinamerikanische Befreiungstheologen verstößt, während er einen Holocaust-Leugner mit offenen Armen empfängt wie einen verlorenen Sohn. Und warum? Weil Befreiungstheologen von jeher im Verdacht stehen, sie wollten noch vor der Ankunft des Herrn die Menschheit erlösen. Deshalb ist das, was sie sagen, für die Kirche nicht privat, sondern ein gefährlicher Verstoß gegen die reine Lehre. Ganz anders im Fall von Williamson: Bei ihm handelt es sich um eine vortheologische Verirrung, die die wahre Lehre naturgemäß gar nicht berührt.

Man sieht, die päpstliche Unterscheidung zwischen Amt und Privatperson ist in ihrem Kern keine kirchenjuristische, sie ist eine theologische – und zwar eine, die noch einmal das zwiespältige Erbe des Katholizismus ans Licht zerrt, die Mitleidlosigkeit seiner Heilsmetaphysik. In dieser Heilsmetaphysik sind die wahrhaft Gläubigen immer schon erlöst, weshalb das Elend der Welt, ihr himmelschreiendes Unrecht, theologisch gesehen kaum ins Gewicht fällt. Ein Bischof, der die Welt ändern will, verstößt gegen die katholische Heilsmetaphysik. Wer die Judenvernichtung leugnet, der täuscht sich lediglich über ein trauriges Faktum in der unerlösten Welt.

Die Aufhebung der Exkommunikation, sagt der Papst, diene der »Einheit der Kirche«. Aber um welchen Preis? Am Ende zählte die Einheit der Kirche mehr als die Wahrheit ihrer christlichen Botschaft, und dann stünde die ecclesia una sancta auf dem ewigen Fels ihres purpurnen Ruhms und blickte in erhabener Gleichgültigkeit auf die heillos verfallene Welt. Die Wahrheit, die sie verkündet, aber wäre kalt und leer.

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