Ich habe einen Traum "Die Schulen wären bunt"

Der israelische Popmusiker Aviv Geffen wäre gern Bildungsminister und würde Araber und Juden nebeinander auf eine Bank setzen

Als ich zwölf war, schenkte meine Mutter mir eine Kette, die ich seitdem trage: ein Peace-Zeichen. Ich hatte gerade die Schule geschmissen, der Unterricht hatte mich zu Tode gelangweilt. Meine Englischlehrer suchte ich mir lieber selbst aus: Leonard Cohen, Bob Dylan und Tom Waits. Ich wollte Popstar werden.

Peace-Zeichen und Schule: In meinem Traum ist beides verwoben. Denn seit damals, seit meiner Kindheit, träume ich jede Sekunde vom Frieden.

In diesem endlosen Traum bin ich Bildungsminister von Israel. In meinen Schulen säßen Araber und Juden nebeneinander. Schon im Kindergarten hätten sie Hebräisch und Arabisch gelernt. Die Grundlage für einen richtigen Frieden ist der Respekt zwischen den Menschen, nicht irgendein kaltes Blatt Papier mit den Unterschriften von Politikern drauf. Die Schulen wären bunt angestrichen. In den Klassenräumen gäbe es keine Propaganda. »Es ist gut, für sein Land zu sterben«, dieser zionistische Spruch hing früher in vielen Schulen. Verfluchte Gehirnwäsche. Bei meinem ersten Fotoshooting als Musiker ließ ich mich nackt ablichten, nur mit einer Gitarre, und auf meinen Körper schrieb ich: »Es ist gut, für sich selbst zu sterben.« Das war ein Skandal.

Den Lehrplan würde ich umkrempeln. Mehr Lyrik! Aber keine alten Gedichte von noch älteren Männern, sondern Songtexte von Kurt Cobain. Jeder Schüler bekäme eine Wochenstunde mit einem Psychologen. Therapie für die Seele ist wichtiger, als die Geografie des verdammten Heiligen Landes zu lernen.

Ich träume davon, die jungen Israelis aus ihrer Lethargie zu reißen. Meine Generation hat keine Träume. Ein Leben wie in einem riesigen McDonald’s: Alles ist schnell, billig, geschmacklos.

1995 wurde Jitzchak Rabin bei einer Friedensdemo erschossen, ich hatte gerade gesungen und stand direkt neben ihm. Ich war danach voller Wut und wollte die Jugend Israels auf den Straßen sehen. Vielleicht zwei Wochen haben die Demonstrationen gedauert, sah ja auch gut aus, im Fernsehen, mit Kerzen in der Hand. Dann hat wieder die Faulheit gesiegt.

Wenn ich morgens aufwache, liegt neben mir mein iPod, auf der Straße steht mein Auto, gleich nebenan ist eine Espressobar. Ein paar Kilometer weiter, in Gaza-Stadt, wacht auch einer auf – im Nichts. Das ist eine Schande. Als Bildungsminister im Frieden würde ich die Millionen, die wir jetzt für Waffen ausgeben, im Gaza-Streifen investieren.

Es wäre toll, wenn ich meine Freunde anrufen und sagen könnte: »Hey, lasst uns morgen nach Damaskus fahren!« Aber manchmal glaube ich, dass ich der Einzige bin, der noch vom Frieden träumt. Selbst viele meiner Freunde finden das naiv. Aber war es nicht auch naiv, mit zwölf davon zu träumen, Popstar zu werden?

Aufgezeichnet von Anna Kemper

Aviv Geffen, 35, ist Israels berühmtester Popmusiker. Sein Großonkel war Mosche Dajan, Verteidigungsminister Israels im Sechstagekrieg 1967. In seinen Songs ruft Aviv Geffen Mütter auf, ihre Söhne nicht in den Krieg zu schicken, er selbst verweigerte den Militärdienst und setzt sich öffentlich für einen Frieden mit den Palästinensern ein

 
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