Internet Zwitscher mir was
Jetzt gibt’s Geld fürs Bloggen. Und Vögelchen fliegen durchs weltweite Netz

So niedlich sieht das Twitter-Logo aus
Mit Publikationen im Internet könne man in Deutschland kein Geld verdienen, mit Blogs erst recht nicht, so erzählt es sich die Medienbranche. Nun hat Robert Basic bewiesen, dass es doch geht: 46.902 Euro bekam er vor ein paar Tagen bei einer eBay-Auktion für sein Weblog Basic Thinking. Dort hatte er seit dem Jahr 2005 viele kleine Informationshäppchen veröffentlicht, in erster Linie waren das Neuigkeiten anderer, die er kurz und mit vielen Verlinkungen aufbereitete.
Mehrmals täglich, oft bis spät in die Nacht, suchte der Mann aus Frankfurt am Main das Netz nach Neuigkeiten ab, oft war er der erste deutsche Blogger, der englische News übersetzte, während alle anderen noch schliefen. Manch einer aus der Netzgemeinde nannte sein Tun abschätzig "Durchlauferhitzerblog" – ein stetiger Informationsquell, weitgehend ohne eigene Meinung, eigene Recherche jenseits des Netzes und auch ohne jede politische Aussage – ein Abbild der meinungsarmen deutschen Blogosphäre.
Den Lesern oder Nutzern gefiel das offensichtlich, Basic Thinking war im Januar das deutsche Blog unter Hunderttausenden, auf das am meisten verwiesen wurde, von 1500 anderen Webseiten führten Links zu ihm hin. Neue Eigentümerin ist nun eine Firma, die Internetspeicherdienste anbietet, Intergenia aus Hürth bei Köln. Ihr ging es beim Kauf wohl ebenso sehr um den Medienrummel wie um die Möglichkeit, ein eingeführtes Weblog mit vielen Tausend Beiträgen, Verlinkungen und Kommentaren übernehmen zu können.
Ob es überhaupt einen Sinn ergibt, ein Blog zu kaufen, das eine Einzelperson geschrieben hat? Basic wäre ein schlechter Geschäftsmann, würde er das verneinen. Er hat bereits ein neues Blog gestartet.
Sind Weblogs überhaupt noch en vogue? Landauf, landab macht sich bereits das nächste Massenphänomen bemerkbar: Es wird gezwitschert, bis sich die Leertasten biegen. Twitter ist der Name eines sogenannten Mikrobloggingdienstes. Mikrobloggen ist zwar ein längeres Wort als Bloggen, heißt aber, dass mit maximal 140 Zeichen, abgeleitet aus der Kurznachrichtenlänge im US-Mobilnetz, jeder schreiben kann, was er möchte. Das geht vom Computer, vom Mobiltelefon und von jedem internetfähigen Gerät aus. Jeder Nutzer entscheidet, wessen Nachrichten er lesen möchte, und sammelt sich so ein eigenwilliges Informationsmikroversum zusammen, einen Strom stetiger Nachrichten von "Twitterern", die ihn interessieren. Medienphilosophen fürchten seit Jahren die Fragmentierung der Öffentlichkeit; hier erfüllt sich ihre Sorge nun geradezu vorbildlich.
Drei Millionen Menschen, und es werden täglich mehr, beteiligten sich derzeit an diesem Mikroexhibitionismus. In der Mischung aus Bloggen, Chatten und Social Networking produziert und geriert sich ein jeder selbst. Die einen nutzen es als Privatspaß, die anderen als Teil ihrer Arbeit, Hauptsache, kurz.
Schon tun sich neue Möglichkeiten in der Medienwelt auf: Als vor zwei Wochen ein Airbus im Hudson notwasserte, sah dies Jason Krums, der zufällig Passagier auf der Fähre war, die dem Flugzeug zur Hilfe eilte. Krums twittert. Mit seinem iPhone schoss er ein Foto des Flugzeuges, auf den Tragflächen und den Notausgangspontons die Passagiere der Maschine. Das beeindruckende Bild schickte er mit einem kurzen Textkommentar per TwitPic, einer Erweiterung für Twitter, ins Netz. Von dort fand es – über Leser von Krums, Leser seiner Leser und so weiter in Minutenschnelle seinen Weg um den Globus.
An einem Punkt dieser Informationskaskade sprang es über in die klassischen Massenmedien. Ähnliches hatte sich wenige Wochen zuvor bei dem Terroranschlag im indischen Mumbai ereignet, als Mikroblogger zu Berichterstattern einer Sache wurden, in die sie nur zufällig hineingeraten waren.
Was das für die Informationsgesellschaft bedeutet? Man kann nur spekulieren und diskutieren. In Hamburg trafen sich am vergangenen Wochenende 200 Mikroblogbegeisterte, um über die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und publizistischen Auswirkungen der Twitterei zu sprechen. Schon denkbar, dass Twitter nur der Anfang von etwas ist: Es gibt bereits etliche Erweiterungen für den Dienst, und die Verknüpfung mit anderen Seiten im Netz wie Facebook oder Netvibes ist Teil seines Erfolges.
Andere Dienste aggregieren nicht nur die Mikroblogbeiträge ihrer Nutzer, sondern gehen noch weiter: Netzwerke wie FriendFeed oder soup.io rühren alle möglichen Netzaktivitäten eines Benutzers zu einem großen Informationspotpourri zusammen, den interessierte Dritte dann verfolgen können.
Eine Frage wurde in Hamburg nicht diskutiert, oder jedenfalls wurde davon nichts in die Welt hinausgezwitschert: Ob man erfolgreiche Mikroblogaccounts auf eBay versteigern könnte? Natürlich twittert auch Robert Basic – unter dem Pseudonym RobGreen und sehr viel persönlicher, als er es in seinem verkauften Blog je getan hat.
- Datum 19.04.2009 - 19:35 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 29.01.2009 Nr. 06
- Kommentare 6
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1. Erstmal: ich bin ZEIT-online sehr dankbar. Ist man krank und kann noch halbwegs denken und zudem etwas schreibwütig, macht das richig Spaß. Tolle Sache..
2. Stichtworte Exhibitionismus .. -- hm, ist das so? Und wohin geht die Mediengesellschaft. Verblödung durch 140 Zeichen? Was passiert mit uns, wenn wir Gedanken, Erkenntnisse, Gefühle, Einsichten, Erlebtes auf 140 Z. reduzieren? Was passiert dann im Gehirn? Und verändert es gar unsere Wahrnehmung. Ja und Nein.
Vorhin beim Spazieren im Wald, stellt ich fest: JA. Ich dachte in kurzen "Anekdötchen". Heraus kam irgendwie so etwas, wie: "Life is short - we have to burn". Nun ja.. oder "Life is like a 'Streichholz' - we have to burn." Nun, was zeigt das. Die Interpretation muss doch wohl jeder selbst vornehmen. Das kann man als Pop-Mist verbraten, aber auch als tiefsinnige theol. Aussage ("... es ist der tiefste Sinn des Lebens, (...), wie die Kerz in Licht und Glut." R. Guardini) nehmen oder als Aufforderung von Terrorist A. für Terrorist B., jetzt im irgendwo eine Bombe zu zünden. Letzeres hoffe ich nicht. Darin sehe ich eher eine große Gefahr. Nicht der Verfall von nicht vorhandenen Kompetenzen [das Internet an und für sich ist ja wohl nichts "schlechtes"], aber die Gefahr des Mißbrauchs einiger irrer und fanatischer Menschen.
Du kannst nicht zwei Pferde mit einem Hintern reiten.
P.S.: was er wohl dazu sagt..? Und er wirklich spanisch twittert.. wohl kaum.
Woody Allen
Ist es nicht sehr ich-bezogen, sich selbst zu kommentieren.. - wo bleibt ihr denn alle? Luca Hammer, Dominik..?!!
Nun, kl. Anmerkung: krank im Sinne von Nachwirkungen eines grippalen Infektes.
Böser Virus auch im realen Leben sein Unwesen treibend..
Wer ist eigentlich "geraldine"? 'The doctor is in'..? Hm, Lucy van Pelt war allerdings weitaus bösartiger.. auf doch irgendwie liebenswürdige Art und Weise
Du kannst nicht zwei Pferde mit einem Hintern reiten.
Woody Allen
Endlich. Hat sich. Der Häppchen-Journalismus. Da hingeschlichen. Wo er als Bloggeschichte. Kurz Karriere machen wird. Eh die High-Tech-Weltrevolution. Gleichsam einer Karawane. Weiterzieht.
twittert er Martenstein nun getarnt in ZEIT-online..? Liest sich so.. ;-)
[ich mag Herrn Martenstein, so oder so..!]
Du kannst nicht zwei Pferde mit einem Hintern reiten.
Woody Allen
Wer sich dafür interessiert wie Twitter funktioniert und was man damit machen kann, findet in diesem Blog eine gute Einführung:
und hier der Link:
http://www.personalberate...
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