Szene Nur die Liebe zählt

Wie der Berliner Broken Hearts Club mit seinen Partys in Zeiten der Krise das Lebensgefühl junger Menschen trifft

Von Matthias Kalle Fotos Olivier Roller

Man muss sich das ganze als Therapie vorstellen, als eine Art Trost: Junge, hübsche Menschen reden, lachen, tanzen, finden zueinander – und für die Dauer einer Nacht spielt die Welt und wie sie gerade ist keine Rolle, denn die Welt kommt nicht vorbei am Türsteher des Broken Hearts Clubs. Die Welt muss draußen bleiben.

Vor drei Jahren war die Welt von Ingrid Junker, Niki Pauls und Conny Opper, alle Anfang, Mitte 30, ein mieser, unfreundlicher Ort. Alle drei hatten Liebeskummer, sie litten an gebrochenen Herzen, und in einer Berliner Bar überlegten sie, was man gegen diesen Zustand tun könnte. Sie brauchten einen Ort, zu dem das Böse keinen Zutritt hatte, und deshalb erfanden sie den Broken Hearts Club, eine Party-Reihe gegen eine Art von Leere, die sie damals in ihrem Leben spürten.

Damals, vor drei Jahren, fand der erste Broken Hearts Club in der 8mm Bar statt, einem wohnzimmergroßen Raum, es kamen nur Freunde von Ingrid, Conny und Niki, sehr viele Freunde, die Party zog dann um ins Ballhaus Berlin, es kamen noch mehr Freunde, und irgendwann fühlte sich wohl tatsächlich jeder mit jedem befreundet, denn man spürte eine Gemeinsamkeit, sie definierte sich darüber, eine junge Avantgarde zu sein, die in den Bereichen Kunst, Mode, Musik und Medien arbeitete – und die alle Möglichkeiten hatte.

Jetzt, in Zeiten der Krise, gibt es eine neue Gemeinsamkeit: das diffuse Gefühl der Angst. Die Angst muss aber auch draußen bleiben, die feiert nicht mit – das ist momentan das Lebensgefühl dieser jungen Avantgarde, und die wird es durch ihre Berufe weitertragen. Der Broken Hearts Club ist vielleicht so etwas wie der Geburtsort dieses Gefühls.

Das Konzept des Clubs ist einfach: Alles Kalte, alles Anonyme wird verbannt. Die DJs legen Liebeslieder auf, Soul, Discomusik. "Wir wollen, dass da Musik läuft, an die sich die Menschen erinnern, wir wollen, dass sie sich emotional berührt fühlen", sagt Niki, die im Hauptberuf Art-Direktorin ist und für die der Club ein Hobby ist, so wie für die anderen Macher auch.

Jede Party steht unter einem Motto, "Army of Lovers" oder "Love hurts". Man erfährt von der nächsten Party nur durch E-Mails, trotzdem wird die Schlange vor der Tür jedes Mal länger, junge Menschen aus Irland, den USA, Griechenland wollen dabei sein, der Broken Hearts Club ist zu einem Mythos geworden, über den junge Menschen aus der ganzen Welt Bescheid wissen, wenn sie nach Berlin kommen.

Aber dieser Mythos kommt auch zu ihnen, der Broken Hearts Club ist eine Art Wanderzirkus geworden, der Stammsitz ist immer noch in Berlin, aber der Club war bereits in Paris, in Miami, in Barcelona, in New York, in Stockholm und in Los Angeles. Für dieses Jahr sind Partys in Moskau und China geplant. Denn was als Trost begann, hat sich inzwischen in ein Versprechen verwandelt, es lautet: "Egal, wie hart und kalt die Welt da draußen ist – bei uns findest du etwas Besseres." Und deshalb erzählt der Broken Hearts Club auf eine eigene Art von der Zeit der Krise, in der wir gerade leben.

Berlin, im Dezember. Es beginnt so langsam schiefzulaufen, die Politik diskutiert über Konjunkturpakete, die Menschen ahnen so langsam, dass das kommende Jahr anders, schlechter, entscheidender wird, dass sich die Dinge ändern. Und in der Hafenbar in der Chausseestraße feiern junge, hübsche Menschen, als ob sie etwas Neues, Großes begrüßen würden. Die Mädchen tragen Barack-Obama-T-Shirts, die Jungs Woody-Allen-Brillen, sie trinken Sekt und Champagner und Wodka. Lena ist 27, sie tanzt alleine, ausgelassen, sie sagt, der Broken Hearts Club sei für sie wie eine große Familie. Und sie sagt einen Satz, den man im Nachtleben eigentlich nicht so häufig hört: "Wir besinnen uns auf neue Werte."

Neue Werte. Ist es das, was junge Menschen auf einer Party suchen? Weil sie spüren, dass es nichts werden könnte mit der grandiosen Zukunft, die ihnen einmal versprochen wurde? Brauchen sie diese Werte in einer Zeit, in der es möglicherweise von allem zu wenig geben wird, zu wenige Möglichkeiten, zu wenige Hoffnungen? Möglicherweise ist dies das Gefühl dieses Augenblicks.

Conny, einer der Macher, der in Berlin bereits mehrere Clubs betrieben hat, sagt, dass es beim Broken Hearts Club um das Schaffen von "magischen Momenten" gehe. Er sagt auch, dass der Broken Hearts Club "echt" sei, dass sie damit tatsächlich den Nerv dieser Zeit getroffen hätten. Und dass das irgendwann vorbei sein werde. "Es fühlt sich jetzt richtig an. Und irgendwann eben nicht mehr." Im Moment aber sei es wie ein Tanz auf dem Vulkan.

Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da – das war der große Hit des Films Tanz auf dem Vulkan von 1938, eines Revuefilms, in dem Gustaf Gründgens die Hauptrolle spielt und das Lied singt. Wenn man den Film heute sieht, dann wundert man sich ein bisschen, dass er es vorbeischaffte an der Zensur der Nazis, denn es geht um ein Kabarett, in dem es wild zugeht und in dem gegen das herrschende System angelacht und angetrunken wird. In dem Lied heißt es: "Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da / Die Nacht ist da, dass was gescheh’ / Ein Schiff ist nicht nur für den Hafen da / Es muss hinaus, hinaus auf hohe See / Berauscht euch Freunde trinkt und liebt und lacht und lebt den schönsten Augenblick / Die Nacht, die man in einem Rausch verbracht, bedeutet Seligkeit und Glück."

Seligkeit und Glück. Vielleicht sind auch das die neuen Werte, etwas, das man gerade jetzt gut gebrauchen kann, nicht nur in Berlin.

Anfang Dezember war der Broken Hearts Club auf der Kunstmesse Art Basel Miami Beach, da war schon klar, dass der Kunstmarkt nie wieder so werden würde wie vor zwei, drei Jahren, und Ingrid, die in der Modebranche arbeitet, sagt, dass man schon merkt, dass die Leute jetzt viel konzentrierter arbeiten, dass der Druck, kreativ zu sein, zugenommen hat. "Die Leute feiern nicht mehr so exzessiv und planlos, sie wollen sich unterhalten, sie suchen auch im Feiern nach einem Sinn." Karrierebewusster und zielstrebiger seien sie in den letzten Jahren geworden.

Gerade war der Broken Hearts Club in Paris, zum zweiten Mal, und auch zur Berliner Fashion Week, findet wieder eine Party statt. Drinnen werden junge, hübsche Menschen sein, und die Welt und die Angst werden draußen bleiben. Das Motto der Pariser Party lautete: "Boys don’t cry". Jungs weinen nicht. Mädchen auch nicht. Wenigstens nicht im Broken Hearts Club. Auch eine Art Trost.

 
Leser-Kommentare
  1. Hallo,

    Ich hab mir die myspace Seite des Clubs angesehen: http://www.myspace.com/TH...

    dort steht in der Vorstellung des Clubs, dass dekadent gefeiert wird. Ausserdem ist ein Foto zu sehen wo einer halbnackten Frau Geld zugesteckt wird. Ich bin kein Moralist obwohl dieser Umstand mich stört. Vor allem in Bezug darauf, dass in dem Artikel von neuer Werten geredet wird, einer Umbesinnung. Nun ist es wohl mit sovielen guten Dingen, dass auch dieser Club zu einer Ware für die Massen geworden ist und kein privater Ort mehr der Romantik, Freundschaft und Magie. Wohl ist der Club einfach nur noch ein annonymer Ort zum Saufen und Daten. Eine Möglichkeit die Sau rauszulassen wie es soviele, vor allem, in Berlin gibt. Nun hab ich den Club nie kennengelernt, aber ihr könnt mich ja eines Besseren belehren.

    Vielen Dank für Eure Zeit

    Matthias

    • keox
    • 01.02.2009 um 18:58 Uhr

    "...dass die Leute jetzt viel konzentrierter arbeiten, dass der Druck, kreativ zu sein, zugenommen hat. "Die Leute feiern nicht mehr so exzessiv und planlos, sie wollen sich unterhalten, sie suchen auch im Feiern nach einem Sinn." Karrierebewusster und zielstrebiger seien sie in den letzten Jahren geworden."

    Heißt im Klartext: "Die Leute werden gefeuert, jeder hat Angst um seinen Job und reißt sich das Gesäß auf bis zum vierten Knopf".

    Kein Wunder, daß da Kuschelparties boomen.

    Ein Geier kommt selten allein.

  2. Das ist mit Abstand der schlechteste Text, den ich seit langem in der Zeit gelesen habe. Der Autor ist wohl völlig dem ach-so-coolen, kreativen und pseudo-intellektuellen Berliner Schein verfallen. Mit Recherche hat der Text ja ohnehin nix zu tun. Und das Lebensgefühl, dass hier krampfhaft versucht wird, zu beschreiben, ist 3 meeeeega-hippen Berliner Studenten zu verdanken. Mann, bin ich froh, nicht zu dieser jungen "Avantgarde" zu gehören!

    Was für ein völliger Schwachsinn! :-)

  3. oder was soll uns dieser Artikel suggerieren,wird in der allgemeinen Krisenhysterie jetzt auch die Vergangenheit ein wenig verklärt?
    Man möchte es fast annehmen das einigen daran gelegen ist, den "Glamour"der Zwischenkriegszeiten wieder heraufzubeschwören,
    vielleicht machen sich diese jungen hübschen Menschen einfach mal Gedanken darüber ,weshalb sie kontinuierlich mit "brocken Hearts"durch diese ach so bösze Welt laufen

  4. Auch ich war schon im Broken Heats Club, mehrmals schon, und es ist auch schön dort, doch die hier beschriebenen »neue Werte« sind mir dort noch nicht begegnet, zum Glück nicht.

    Es ist doch vielmehr so, dass hier fortgeführt wird, was schon füher gemacht wurde. Dafür spricht doch auch, dass die Veranstalter nicht neu im Geschäft sind. Ich denke, dass der BHC gar nicht so verschieden ist von den vielen anderen Clubs und Parties in diesem Umfeld. Das sind die gleichen DJs, das ist die gleiche Crowd, seid Jahren schon, und das ist auch OK so.

    Dass hier nun versucht wird, dem ganzen ein Mäntelchen umzuhängen, von Sinnsuche und einer daraus resultierenden Seligkeit in Krisenzeiten, das finde ich gelinde gesagt traurig. Das ist kleinbürgerliche Ideologie. Wo sollen diese neuen alten Werte und diese Seligkeit denn hinführen?

    Wer selig werden will, soll in die Kirche gehen. Think big, gerade in Krisenzeiten!

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  • Quelle DIE ZEIT, 29.01.2009 Nr. 06
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