Arbeit
Allein unter Shampoos
Ein neues Buch schildert den Alltag in Frankreichs Supermärkten. Und wie ist es bei uns? Eine Verkäuferin berichtet
Die bekannteste Supermarkt-Angestellte Frankreichs heißt Anna Sam. Über den Job, mit dem sie ihr Literaturstudium finanzierte, schrieb sie den . Wir haben eine hiesige Verkäuferin gefragt, ob sie ihren Alltag in dem Buch wiedererkennt. Haldis Thierolf, 54, arbeitet in der Schlecker-Filiale Hamburg-Hamm.
DIE ZEIT: Ihre französische Kollegin Anna Sam berichtet, das Einstellungsgespräch sei eine Sache von Minuten gewesen. Sie wurde noch nicht mal gefragt, ob sie kopfrechnen konnte.
Haldis Thierolf: Das war bei mir genauso. Ich wurde dann noch gefragt, ob meine Kinder schon groß sind und ob ich schon mal im Verkauf gearbeitet habe, aber das war es dann.
ZEIT: Am Anfang scheint im Supermarkt alles zu schnell zu gehen. Doch Anna Sam behauptet, "ein Monat genügt, und Sie haben das Gefühl, eins mit Ihrer Kasse zu sein".
Thierolf: Die Finger gehen automatisch ins richtige Geldfach, das Ziehen über den Scanner macht man, ohne darüber nachzudenken. Aber wehe, wenn dann mal etwas nicht am richtigen Platz ist, das Fußpedal für das Laufband mal verrutscht oder so. Dann kommt man völlig raus.
ZEIT: Ihre Kollegin hat nachgerechnet: "Im Tagesdurchschnitt sagen wir 250-mal Guten Tag, 250-mal Auf Wiedersehen und einen schönen Tag noch, 500-mal Danke, 70-mal Geben Sie bitte Ihre Geheimzahl ein."
Thierolf: Wenn man etwas so oft wiederholt, wird es zu einem einzigen Satz, den man automatisch runterspult. Ich erwische mich manchmal, dass ich das auch sage, wenn ich irgendwo einkaufe. So geht das in Fleisch und Blut über.
ZEIT: Das Buch spottet über "die Kampfshopper, die morgens vor der Öffnung schon füßescharrend vor der Pforte warten, und die Superlässigen, die sich grundsätzlich Zeit lassen, bis der Markt schließt."
Thierolf: Das morgens kommt selten vor. Aber die Kunden abends rauskriegen! Die kommen zwei Minuten vor sieben und wollen gucken. Wenn die dann um zehn nach sieben auch noch mit EC-Karte zahlen, koche ich innerlich. Ich werde ja nur bis viertel nach sieben bezahlt und muss bis dahin noch die Kasse abrechnen.
ZEIT: Anna Sam berichtet von "Problemartikeln" – Monatsbinden, Kondome, Toilettenpapier –, die manche Kunden aus der Fassung bringen.
Thierolf: Gerade junge Männer oder Frauen finden es peinlich und legen dann eine Tafel Schokolade auf die Kondome. Ich finde es witzig, dass das heute noch so ist, versuche aber, möglichst diskret zu sein. Lustig sind auch die, die sich schämen, Toilettenpapier zu kaufen. Die bringen große Taschen mit, in die das reingepackt wird, bis auch ja nichts mehr zu sehen ist.
ZEIT: Kunden, die an der Kasse telefonieren, gaben Anna Sam das Gefühl, unsichtbar zu sein.
Thierolf: Es gibt auch diejenigen, die ein Telefonat beenden, bevor sie zahlen. Aber die meisten legen einfach nur das Geld hin und reden weiter. Ich finde das sehr unhöflich. Ich würde auch nicht auf die Idee kommen ranzugehen, wenn an der Kasse mein Handy klingelt. Warum muss ich mir anhören, was der Kunde vergangenes Wochenende mit seiner Freundin gemacht hat?
ZEIT: Wurden Sie auch schon als "Schlampe" beschimpft?
Thierolf: Manchmal hört man schlimmere Wörter. Bei manchen Kunden merkt man richtig, dass sie einen schlechten Tag im Büro hatten. Man denkt dann vielleicht "du Idiot", aber das würde ich nie laut sagen.
ZEIT: Sind die Sitten rauher als früher?
Thierolf: Die Leute sind gedankenloser geworden, und es gibt immer mehr Hektik. Alles muss ganz schnell gehen, besonders bei den Leuten im mittleren Alter.
ZEIT: Helfen sich die Kolleginnen untereinander?
Thierolf: Kolleginnen sehe ich nur, wenn sie zur Ablösung kommen, meistens bin ich allein. Aber als kleiner Laden haben wir zum Glück viel Stammkundschaft, da erzählt auch mal jemand, dass er beim Arzt war. So wird man aus der Monotonie rausgerissen. Ich versuche auch, so oft wie möglich aufzustehen und mal von der Kasse wegzukommen, Ware in den Regalen vorzuziehen oder einem Kunden was zu zeigen. Manchmal rede ich auch mit meiner Kasse. "Waren wir aber fleißig heute." Oder ich erwische mich, dass ich mit der Ware spreche. Aber natürlich nur, wenn keine Kunden im Laden sind. Ich will ja nicht abgeholt werden.
ZEIT: Anna Sam beschreibt, wie schwer es ist, sich von der Kasse zu entfernen. Sie fühlte sich wie in der Grundschule: "Sie müssen mal? Haben sie auch um Erlaubnis gefragt?"
Thierolf: Ich muss nicht um Erlaubnis fragen, aber wenn ich allein im Laden bin, kann ich nicht mal eben verschwinden. Wenn’s bis oben steht, muss ich hoffen, dass der Laden kurz leer wird, und dann rennen. Aber wenn Kunden da sind, muss man eben weinen und warten.
ZEIT: Wie halten Sie das aus?
Thierolf: Wenig trinken. Im Sommer kann das dann schon mal gefährlich werden. Im Grunde ist das entwürdigend, ich würde auch lieber ohne Angst meinen Durst stillen können. Wir Kassiererinnen scherzen manchmal untereinander, wir könnten ja Windeln tragen.
ZEIT: Wie fühlt es sich an, nach acht Stunden aus der Filiale zu treten?
Thierolf: Herrlich, die frische Luft. Aber man ist völlig unkonzentriert. Ich bin dann auch schon mal mit dem Bus zu weit gefahren.
ZEIT: Hatten Sie selbst je das Bedürfnis, Ihre Erfahrungen aufzuschreiben?
Thierolf: Bei manchen Sachen habe ich schon gedacht: Das wäre es jetzt wert, auf Papier zu stehen. Man erlebt ja viel, und wenn man es nicht aufschreibt, vergisst man es wieder.
ZEIT: Was möchten Sie den Kunden noch mitgeben?
Thierolf:
Vergessen Sie nicht, dass Kassierer auch nur Menschen sind – mit Fehlern und Schwächen wie alle anderen auch.
Das Gespräch führte Chris Köver
Aus dem Französischen von Elisabeth Liebl,
Riemann Verlag, München 2009, 169 S., 12,50 Euro
- Datum 30.1.2009 - 08:40 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 29.01.2009 Nr. 06
- Kommentare 4
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... mir tun die Damen und Herren immer leid, massig Stress, oft schlechte Bezahlung, miese Arbeitszeiten, langweilige Tätigkeit.
Gehört wohl zu den wenigen Fliessbandjobs, die es noch gibt. Die waren alle nicht besser. Eigentlich müsste man darauf hinarbeiten solche stupiden Tätigkeiten mit Maschinen zu ersetzen. Zumindest wenn da nicht bereits der vorherrschende Arbeitsplatzmangel wäre. Aber ich bin zuversichtlich, dass dieses perverse System irgendwann kuriert wird und wir von den maschinellen Errungenschaften zu Abwechslung mal tatsächlich alle einen Gewinn haben, etwa mehr Freizeit.
...und damit möglich wird was johaupt fordert, muss es endlich ein Grundeinkommen geben, damit diese Menschen nicht alle bei Onkel Hartz landen.
http://www.kultkino.ch/ku...
...und damit möglich wird was johaupt fordert, muss es endlich ein Grundeinkommen geben, damit diese Menschen nicht alle bei Onkel Hartz landen.
http://www.kultkino.ch/ku...
Sollte ich jemals in ihrem Laden sein, und Ihnen das Wasser steht bis oben, dann fragen Sie bitte einfach ob ich kurz 5 Minuten warten koennte!
Nicht alle (ich wuerde sogar sagen, die meisten) ihrer Kunden sind derartige Egomanen, dass sie fuer so etwas nicht 5 Minuten ihrer Zeit opfern wuerden.
Wobei ich mich immer wieder wundere, wie ueberrascht viele Leute in Deutschland sind, wenn man ihnen eine Grundmass an Hoeflichkeit und Freundlichkeit entgegenbringt.
Allerdings habe ich auch die Erfahrung gemacht, dass wenn man (natuerlich hoeflich und freundlich!) an diese Tugenden apelliert fast immer auf ein (leicht schuldbewusstes) positives Echo stoesst...
im Laden ist aber, dass sie den Kunden nicht sagen kann, dass sie mal fünf Minuten zu verschwinden gedenkt. Die Ladendiebstahlsrate schnellte in die Höhe, weil Sie sicher einer der wirklich wenigen ehrlichen Menschen wären, der die Situation nicht nutzte. Für die meisten wäre das ein Schnäppchen und Schnäppchen, darauf sind wir doch konditioniert wie blöde Hunde, die muss man schnappen, wo man kann.
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