Afghanistan Vergesst den Sieg!

Für Barack Obama ist Afghanistan der richtige Krieg. Doch das Land braucht nicht noch mehr Soldaten, sondern Aufbauhelfer

Für viele Afghanen unerwünschte Besatzer: US-Soldaten nach dem Anschlag vor der deutschen Botschaft in Kabul am 17. Januar

Für viele Afghanen unerwünschte Besatzer: US-Soldaten nach dem Anschlag vor der deutschen Botschaft in Kabul am 17. Januar

Es ist der Krieg, den Barack Obama unbedingt gewinnen will. Mindestens 7000, vielleicht auch 30000 zusätzliche Soldaten will er nach Afghanistan entsenden, um die Taliban und al-Qaida zu besiegen, denn hier, so sagt Amerikas neuer Präsident, liege »die zentrale Front im Kampf gegen den Terrorismus«. Wenn er das wirklich glaubt, bedeutet das nichts Gutes für die Menschen in diesem Land.

Es ist der Einsatz, den die meisten europäischen Verbündeten lieber heute als morgen beenden würden. Je häufiger die Selbstmordattentate, desto lauter die Stimmen jener, die immer schon wussten, dass Afghanistan das »Grab der Supermächte« ist. Erst hat es das britische Empire erwischt, dann die Rote Armee, jetzt trifft es die Amerikaner samt Alliierten. Nichts wie raus, lautet die Forderung zwischen den Zeilen. Auch die bedeutet nichts Gutes für die Menschen in diesem Land.

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Afghanistan – der Name steht heute für politische Ratlosigkeit, für die Wahl zwischen großen und weniger großen Übeln, ohne dass man weiß, welches das kleinere ist. Aber fast jeder Experte – und damit sind Afghanen und solche Ausländer gemeint, die das Land kennen – ist überzeugt: Die Eskalation eines asymmetrischen Krieges, symbolisch aufgeladen durch »Wir müssen siegen«-Appelle aus Washington und »Tod den Besatzern«-Parolen der Taliban, wird die Lage verschlimmern. Daraus folgt im Umkehrschluss nicht die Forderung nach dem sofortigen Abzug der ausländischen Truppen. Daraus folgt auch keine selbstgewisse Handlungsanleitung für Regierungen, allenfalls eine Erkenntnis der vergangenen Fehler und eine vage Skizze für einen Strategiewechsel, der da lautet: verbal, militärisch und ideologisch abrüsten. Die Rhetorik vom »richtigen« und »wichtigen« Krieg dient einzig den Taliban als Aufputschmittel. Nato-Kampfbomber demonstrieren mit jedem neuen zivilen Opfer die westliche Missachtung nichtwestlicher Menschenleben und treiben weitere Rekruten in die Aufstandsbewegung. Und der Glaube, eine drastische Erhöhung der Zahl ausländischer Soldaten würde das Land endlich stabilisieren, verfestigt nur eine alte Lebenslüge.

Al-Qaida zerschlagen, das Taliban-Regime durch einen demokratischen Staat ersetzen und nebenbei noch schnell die Frauen befreien – das stand auf der Aufgabenliste des Westens nach dem 11. September 2001. Im achten Jahr dieses Krieges ist klar, dass man Al-Qaida-Terroristen nicht militärisch, sondern nur mit Geheimdiensten, Polizei und Gerichten bekämpfen kann; dass kein Staatsaufbau funktioniert, wenn mehr Geld für die Verpflegung der ausländischen Truppen als für den Aufbau von einheimischer Polizei verbraucht wird; und dass man in einer radikal-patriarchalischen Gesellschaft den Frauen am besten hilft, indem man ihren Kampf um Rechte nachhaltig und leise unterstützt, statt ihn zur Legitimation eines Militäreinsatzes zu missbrauchen.

Die beiden wichtigsten Lehren aber – und darin liegt in all den düsteren Prognosen tatsächlich ein Hoffnungsschimmer – betreffen die große geostrategische und die kleine lokale Ebene. Die erste: Die neue amerikanische Regierung wird hoffentlich das einleiten, was die EU hoffentlich hinter den Kulissen bereits vorbereitet: eine regionale Friedenskonferenz zu Afghanistan mit allen umliegenden Staaten, also mit Indien, Pakistan und auch Iran an einem Tisch. Auf der Tagesordnung stünden natürlich die Taliban, ganz oben aber der Drogenhandel und der Waffenschmuggel, die international die weitaus größeren Probleme darstellen.

Leser-Kommentare
  1. "Die beiden wichtigsten Lehren aber – und darin liegt in all den düsteren Prognosen tatsächlich ein Hoffnungsschimmer – betreffen die große geostrategische und die kleine lokale Ebene. Die erste: Die neue amerikanische Regierung wird hoffentlich das einleiten, was die EU hoffentlich hinter den Kulissen bereits vorbereitet"
    Dazu ein Dichterfürst:
    Die Hoffnung führt ins Leben ein,
    sie umflattert den fröhlichen Knaben,
    den Jüngling locket ihr Zauberschein,
    wie wird mit dem Greis nicht begraben;
    denn beschließt er im Grabe den müden Lauf,
    noch am Grabe pflanzt er die Hoffnung auf.

    Friedrich von Schiller

    "Teufelspakte mit den weniger fanatischen Taliban-Fraktionen schließen"
    Wer nun ist eigentlich der Teufel. Nicht eher jene Weltmacht, die diese Taliban im Verein mit dem pakistanischen Geheimdienst erst großzog, alimentierte und als nützliche Verbündete gegen die sowjetischen Besatzer betrachtete?

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    Ist doch immer verwunderlich, mit welcher Überschätzung die Macht und die realen Einflussmöglichkeiten der Vereinigten Staaten oft betrachtet werden. Als wären sie der allmächtige Walter auf der Welt. Und aus dieser angenommen Allmacht wird dann folgerichtig auf eine allzuständige Verantwortung der Vereinigten Staaten für sämtliche Missentwicklungen in ihrem Einflussbereich geschlossen.
    Damit wird natürlich auch den Taliban und der afghanischen wie der pakistanischen Gesellschaft und Politik die Verantwortung für ihre Handlungen abgesprochen, weil sie als blosses Werkzeug amerikanischer Politik ja gar nicht selbst Entscheidungen zu treffen in der Lage sind.
    Tatsächlich gehört der Begriff der Allmacht aber in die Sphäre des Idealen und sie existiert nicht in der Realität.

    Ist doch immer verwunderlich, mit welcher Überschätzung die Macht und die realen Einflussmöglichkeiten der Vereinigten Staaten oft betrachtet werden. Als wären sie der allmächtige Walter auf der Welt. Und aus dieser angenommen Allmacht wird dann folgerichtig auf eine allzuständige Verantwortung der Vereinigten Staaten für sämtliche Missentwicklungen in ihrem Einflussbereich geschlossen.
    Damit wird natürlich auch den Taliban und der afghanischen wie der pakistanischen Gesellschaft und Politik die Verantwortung für ihre Handlungen abgesprochen, weil sie als blosses Werkzeug amerikanischer Politik ja gar nicht selbst Entscheidungen zu treffen in der Lage sind.
    Tatsächlich gehört der Begriff der Allmacht aber in die Sphäre des Idealen und sie existiert nicht in der Realität.

    • Anonym
    • 09.02.2009 um 22:37 Uhr
    2. ...

    Wenn man den Sieg vergessen soll, kann man AFG auch gleich verlassen und zuschauen was dann passiert ...

    "Ordnung" wird bestimmt irgendwie auch von den Afghanen selbst hergestellt, und um ehrlich zu sein sind uns die Afghanischen Mädchen ja auch egal, die dürfen dann vieleicht keine Schulen mehr besuchen aber dafür sind sie mit 14 wenigstens unter der Haube ...
    und wenn dann 100% der Bevölkerung Muslime sind, gibt es auch keine Todesurteile gegen Konvertiten oder Probleme mit religiösen Minderheiten mehr,
    und das Heroin ist auch kein Problem, wer das nimmt ist ja selbst dran schuld, die Afghanen decken da ja nur die Nachfrage,

    dann nur noch Daumen kreuzen das die Islamfaschos Deutschland nicht länger als Feinde sehen und nur Anschläge gegen die vorbereiten, dies auch verdient haben,

    und alles ist in Butter und unsere uniformierten Pfadfinder sind auch längst wieder daheim bei Muttern

    Siege sind ja eh was für Versager ...

    • TyRell
    • 10.02.2009 um 0:30 Uhr

    Kann man eine Idee importieren? Freiheit erzwingen? Aufklärung vordiktieren?

    Ich bin der Ansicht, dass eine Gesellschaft oder eine Kultur sich nur aus sich heraus entwickeln kann. Mit westlichen Ressourcen werden Schulen, Krankenhäuser und Polizeiwachen errichtet und betrieben, mit westlichen Know-How wird ausgebildet, aber letzten Endes stellen alle diese Maßnahme nur Minderungen der indirekten Folgen dar, nämlich der Sturheit, sich gegen Veränderung zu stellen, die es den Individuen der Gesellschaft erschwert, sich in Freiheit zu entwickeln und selbst zu verwirklichen, womit eine konstante Entwicklung einer Gesellschaft, hin zu einer offenen und toleranten, verhindert wird.

    Es ist wie, als ob ein Kind immer sich den Arm brechen würde und wir alles mögliche tun würden, um den Gips möglichst schnell zu verbinden, damit der Arm schnell heilt, aber letztlich der Dialog zur Aufklärung fehlen würde, indem wir dem Kind erklären, warum es nicht gesund ist, sich den Arm zu brechen. Erschwerend kommt hinzu, dass die große Mehrheit der muslimischen Bevölkerung derart in ihren tradierten Vorstellungen beharrt, dass es auch überhaupt nicht zuhören möchte.

    Natürlich stimmt es, dass die dortige Bevölkerung viel schlechtere Lebensumstände vorfindet, als in einem gemäßigten Klima eines europäischen Landes, wo allein der fruchtbare Boden die Grundversorgung sichergestellt hat.

    Der erste Schritt aber, damit überhaupt eine Grundlage für den Fortschritt einer Nation sich ergibt, sollte darin bestehen, dass sie sich selbst fragt, warum Europäer, die USA oder die Japaner es so viel besser haben und warum das nicht für uns gilt. Wenn sich diese Frage niemand stellt und man es auch überhaupt nicht wissen möchte, dann haben westliche Hilfslieferungen dort nichts verloren und es wäre sinnvoller mehr Ressourcen in die Erforschung von Fusionskraftwerken bereitzustellen als in Polizeiwachen in Afghanistan.

  2. Ist doch immer verwunderlich, mit welcher Überschätzung die Macht und die realen Einflussmöglichkeiten der Vereinigten Staaten oft betrachtet werden. Als wären sie der allmächtige Walter auf der Welt. Und aus dieser angenommen Allmacht wird dann folgerichtig auf eine allzuständige Verantwortung der Vereinigten Staaten für sämtliche Missentwicklungen in ihrem Einflussbereich geschlossen.
    Damit wird natürlich auch den Taliban und der afghanischen wie der pakistanischen Gesellschaft und Politik die Verantwortung für ihre Handlungen abgesprochen, weil sie als blosses Werkzeug amerikanischer Politik ja gar nicht selbst Entscheidungen zu treffen in der Lage sind.
    Tatsächlich gehört der Begriff der Allmacht aber in die Sphäre des Idealen und sie existiert nicht in der Realität.

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