DIE ZEIT: Herr Oberrabbiner, Papst Benedikt XVI. hat vier Bischöfe der traditionalistischen Lefebvre-Bewegung, darunter den notorischen Holocaust-Leugner Richard Williamson, von der Exkommunikation befreit. Wie beschreiben sie nun das Verhältnis des Judentums zum Vatikan?

Paul Chaim Eisenberg: Ich will den Papst sicherlich nicht verteidigen. Er wollte aber bestimmt kein antisemitisches Zeichen setzen, sondern er wollte die katholischen Fundis wieder zurück in seine Kirche holen. Trotzdem hätte er wissen müssen, und er hat es wahrscheinlich auch gewusst, dass er dadurch gegenüber den Juden und auch gegenüber der Welt einen Affront begeht.

ZEIT: Sie meinen, es sei dem Papst wichtiger gewesen, einen fundamentalistischen Revisionisten wieder im Schoß der Kirche zu wissen?

Eisenberg: Er glaubt, mit seiner strikten Glaubenshaltung die Kirche zu festigen. Die Kollateralschäden sind ihm dabei weniger wichtig.

ZEIT: Kann man behaupten, es sei objektiv betrachtet ein antisemitischer Akt gewesen?

Eisenberg: Das war wahrscheinlich nicht seine Absicht, er hat ihn aber auch nicht vermieden.

ZEIT: Was erzählt Ihnen das über das Verhältnis von Juden und der katholischen Kirche?

Eisenberg: Das erzählt mir, dass mein seliger Vater, der auch Oberrabbiner von Wien war, wahrscheinlich recht gehabt hat, wenn er sagte, dass während der Schoah die Bischöfe zwar nicht die Nazitäter waren, aber es doch solche gab, die meinten, den Juden geschehe recht, denn schließlich habe Jesus gesagt: »Mein Blut komme über euch.« Und mein Vater hat mich gewarnt: Bei allen guten Absichten sollte ich sehr vorsichtig sein, denn was die Katholiken tatsächlich im Schilde führen, könne man nicht wissen.

ZEIT: Daran haben Sie sich gehalten?

Eisenberg: Ich hoffe, dass er doch nicht recht hatte. Obwohl der Papst für die gesamte Kirche steht, gibt es Gott sei Dank auch auf katholischer Seite Unzufriedenheit bei solchen Ereignissen. Das ist die positive Seite. Aber die wirkliche Macht liegt beim Papst, und was er entscheidet, gilt.