Filmtechnik Gegen die Wand

Heimprojektoren könnten den deutschen Film retten, aber sie gefährden den Frieden zwischen Mann und Frau

Es war früh im Sommer, und ich saß mit einem Freund auf dem heimischen Balkon. Wir betrachteten die weiße Wand, die dem Balkon gegenüberliegt, und er sagte: "Da könnte man doch wunderbar Filme gucken." Die Idee gefiel, und wir verabredeten, einen Beamer anzuschaffen und uns regelmäßig auf dem Balkon zu treffen.

Daraus ist nichts geworden. Keiner von uns beiden hat sich seither einen Beamer angeschafft. Es scheiterte nicht an der Finanzkrise, es scheiterte am Widerstand der Lebenspartnerinnen.

Als ich den Freund vor ein paar Wochen noch einmal nach dem Beamer fragte, sagte er: "Wenn meine Freundin nicht wäre, ich hätte längst so ein Ding."

In den vergangenen Jahren habe ich mir einen gewissen Vorrat an Spielfilmen auf DVD zugelegt, sämtliche Filme von Jim Jarmusch und Klassiker, die Zeitungsverlage neu herausbrachten. All diese Filme stehen in Folie verpackt in meinem Regal. Etwas in mir wehrt sich, sie auf unserem Fernseher anzusehen. Diese Filme verhalten sich zu meinem Fernseher wie deutsche Bettdecken und Kissen zu Bettbezügen von Ikea: Sie passen da nicht rein. Spielfilme haben im Fernseher entweder einen so dicken schwarzen Balken, dass die Bildhöhe auf wenige Zentimeter schrumpft, oder das Bild ist schön groß, aber den Figuren fehlt der Platz nach rechts und links. Es ist, als seien sie in der Kiste gefangen.

Ich weiß, es gibt heute Fernseher, die groß sind und genügend Auslauf für Schauspieler bieten. Aber ich mag sie nicht. Sie erinnern mich immer an diesen Schiedsrichter Hoyzer, der schummelte, um an einen Flachbildfernseher zu kommen, wie er ihn aus seiner Lieblingskneipe kannte. Ich möchte nicht, dass es in meinem Wohnzimmer aussieht wie in der Lieblingskneipe eines schummelnden Zweitliga-Schiedsrichters. Ich halte riesige Flachbildschirme für eine Evolutionsstufe des Fernsehens, die man überspringen darf.

Ich träume von Größerem, wohl schon seit jenem Tag vor ungefähr zehn Jahren, als ein Freund mich in seine Singlewohnung führte und mir ein Gerät zeigte, das ich noch nicht kannte: einen Beamer, der sein Wohnzimmer in ein kleines Kino verwandelte. Schon als Kind liebte ich es, wenn der Super-8-Projektor zum Einsatz kam und unser Wohnzimmer zum Vorführsaal wurde. Nur dass dann statt großem Kino das Filmchen vom letzten Geburtstag zu sehen war.

Ein Beamer im Haushalt würde nicht nur mich persönlich froh machen. Wenn jeder einen Beamer hätte und damit das Fernsehprogramm schaute – das würde das Fernsehen retten. Fernsehregisseure würden einsehen, dass es sich lohnt, die Feigheit zu überwinden und richtig tolle Filme und Serien zu drehen. Beckmann, Kerner, Pilawa würden sich von selbst erledigen, weil man ihre Gesichter in dieser Größe nun wirklich nicht im Zimmer haben möchte. Die Menschen würden sich nicht mehr schlapp durchs Programm zappen, sie würden das Fernsehen wieder zelebrieren: Licht aus, alle herkommen, Film fängt an! Dann läuft, sagen wir, der Andrea-Sawatzki -Tatort, und drum herum ist nur Dunkel und Schweigen. Das wäre schön.

Ich habe nach dem Balkongespräch sehr ernsthaft Test-Hefte studiert und mir mit einem Zollstock im Hof zu schaffen gemacht, um auszumessen, ob ein Beamer die Distanz zwischen Balkon und gegenüberliegender Wand überwinden könnte. Und ich rechnete aus, wo idealerweise der Beamer im Wohnzimmer stehen könnte.

Die Frau, mit der ich Leben und Wohnung teile, war wenig begeistert von meiner Idee. Dabei hatte ich rein cinematografisch argumentiert (dass ich bei der ganzen Sache auch Fußball im Großformat im Kopf hatte, hatte ich verschwiegen). Aber es hatte keinen Sinn: Eine Kiste mitten im Wohnzimmer samt Leinwand, die sich von der Decke rollen lässt, so erfuhr ich, zerstöre jegliche Wohnkultur. Und auf dem Balkon zu schauen – ob ich mal an die Nachbarn gedacht hätte?

Ich begriff, dass eine Leinwand im Wohnzimmer nur unter großen Schwierigkeiten durchsetzbar sein dürfte, und recherchierte im Internet, ob der Lichtstrahl nicht auch an eine normale Wohnzimmerwand projiziert werden könnte. Ich suchte also nach "Beamer Rauhfaser" und gelangte auf der Seite Hifi-Forum.de in einen Männergesprächskreis. Ich stieß auf den Leidensbericht von Meierzwo, der mit dem schönen Satz beginnt: "Wir leben seit fünf Wochen mit Beamer und Rauhfaser." So schrecklich sei das Bild, dass sogar seine Freundin inzwischen dem Erwerb einer Leinwand zugestimmt habe. Ich las weiter, und bald wurde mir klar: Ein Riss teilt dieses Land. Es geht um Fragen von größter Relevanz: Zerstört ein sichtbares Kabel wirklich jede Einrichtung? Muss ein Wohnzimmer gemütlich sein? Ist Technik hässlich?

Ich vermute, Frauen misstrauen dem Beamer auch, weil sie befürchten, dass Männer, die zum Filmegucken nicht mehr rausgehen, bald den Müll nicht mehr runterbringen und irgendwann die Wohnung gar nicht mehr verlassen. Das Heimkino ist der Feind des guten, romantischen Kinos, in das man zu zweit geht, in das man sich gegenseitig einlädt und nach dessen Besuch man noch nett was trinken geht. In Wirklichkeit soll der Beamer, wenn es nach mir ginge, den Kinobesuch ja nicht ersetzen, sondern nur das Fernsehgerät. Wer sich einen Weinkeller einrichtet, um auch zu Hause guten Wein zu haben, geht ja immer noch gerne auswärts einen trinken.

Nachdem mich Meierzwo von der Sinnlosigkeit der Tapetenlösung überzeugt hatte, habe ich aufgegeben. Seit Kurzem besitzen wir statt eines Beamers ein neues Möbelstück, darauf steht jetzt der alte Fernseher. Ich fürchte, mein Mut ist mit dem von deutschen Fernsehregisseuren zu vergleichen.

 
Leser-Kommentare
  1. Deutsche Fernsehregisseure sind erstens viel mutiger als Matthias Stolz und zweitens ist die Idee, Heimprojektoren unter Genderaspekten zu betrachten, einfach ein großer Unsinn. Es gibt keinen Grund, warum Frauen nicht auch zu Hause mit Beamer und Leinwand Film & Fernsehen schauen und das trotz sichtbarer Kabel und Technik genießen. Die Bilder auf meiner weißen Altbauwohnungwand nehmen mich so gefangen, da seh ich doch keine Kabel mehr. Matthias Stolz schiebt einfach die Wohnkultur seiner Freundin seiner eigenen Kleinmütigkeit vor. Einen Beamer kaufen! Die Idee ist gut, aber es gibt nichts Gutes, außer man tut es.

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  • Quelle DIE ZEIT, 05.02.2009 Nr. 07
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