Berlinale 2009 Eine schöne Diktatur für zehn Tage

Welchen Sinn hat die Berlinale eigentlich noch, wenn im Internet jeden Tag Filmfestival ist?

Bald könnte der rote Teppich ein Auslaufmodell sein

Bald könnte der rote Teppich ein Auslaufmodell sein

Vergessen wir für einen Augenblick den roten Teppich, die Hautevolee, die Fans, die Fotografen. Vergessen wir, dass die Internationalen Filmfestspiele Berlin am Potsdamer Platz mit der Vorführung von Tom Tykwers Wirtschaftsthriller The International beginnen, in den kommenden zehn Tagen rund 400 Filme zeigen und mehr als 400.000 Menschen ins Kino locken werden.

Stellen wir uns die Internationalen Filmfestspiele Berlin vielmehr in einer nicht allzu fernen Zukunft im Internet vor: Statt zum Eröffnungsfilm zu gehen, würde man sich mit einem Zugangscode in den Festival-Server einloggen und den Film allein am heimischen Computer anschauen. Statt großer Robe Bademantel und Puschen, statt Eröffnungsempfang Sekt und Schnittchen auf dem Sofa. In einer digitalen Grußbotschaft würde der Festivalchef Dieter Kosslick mit rotem Schal eine Rede halten, in der er die Namen asiatischer Schauspielerinnen wieder mit der Speisekarte vom Chinesen um die Ecke kombiniert. Über die Reden der Politiker könnte man angenehmerweise hinwegklicken. Alle Sektionen des Festivals würden ihre Filme über Livestream oder als Video-on-Demand präsentieren. Regisseure, Produzenten, Verleiher und Journalisten könnten in speziellen Diskussionsforen miteinander in Kontakt treten.

Jetzt, da die Berlinale beginnt, kann man sich allerdings nur schwer vorstellen, dass es sie eines Tages nicht mehr geben könnte. Jedenfalls als Festival, das auf der seit 1895 unveränderten Grundsituation des Kinos beruht: Menschen gehen in einen dunklen Saal, um gemeinsam auf eine Leinwand mit Lichtbildern zu blicken. Alles, was ein Festival interessant und verführerisch macht, beruht letztlich auf dem realen Aufenthalt im Kino, "diesem schwarzen aufregenden Traumkasten" (Woody Allen): gemeinsame Filmentdeckungen und das Gespräch darüber, aufgeregte Regisseure und erwartungsvolles Publikum, von Schaulustigen bejubelte Stars, Rummel, die Atmosphäre, der Rausch des Sehens.

Was aber geschieht mit der Berlinale, wenn sie es mit Zuschauergenerationen zu tun bekommt, die nicht mehr mit dem altmodischen Kinobesuch sozialisiert wurden? Welche Funktion bleibt Festivals, wenn ein Elektronikriese wie Panasonic demnächst HDTV-Fernseher und Abspielgeräte für Blue-ray Discs (das Nachfolgeformat von DVD) auf den Markt bringt, die automatisch Zugang zur 40.000 Filmtitel umfassenden Video-on-Demand-Bibliothek von Amazon ermöglichen? Und wie werden Festivals der Konkurrenz von Internetplattformen begegnen, die sich immer stärker auf die klassische Festivalklientel spezialisieren?

Der amerikanische Kunstkino-Server The Auteurs zum Beispiel zieht mit einem angriffslustigen Slogan ins Feld: "Berlin, Cannes, Venedig, Toronto – 365 Tage im Jahr". Man präsentiert sich als "virtuelle Kinemathek, in der man die Dunkelheit des Kinosaals verlässt, um sich unter Freunden wiederzufinden". Freunde, das heißt zum Beispiel die Netzgemeinde von Facebook, deren Nutzerprofile sich mit den Mitgliedern von The Auteurs abgleichen lassen. So kann beispielsweise auch der Liebhaber des frühen usbekischen Splatterfilms sichergehen, beim Privatfestival im virtuellen Kinoraum mit Menschen gleichen Filmgeschmacks zu sitzen und zu chatten. Selbst Retrospektiven finden inzwischen im Netz statt. Gemeinsam mit dem renommierten New Yorker DVD-Label Criterion veranstaltet The Auteurs historische Filmreihen, die umsonst zu sehen und durch Werbung finanziert sind.

Es versteht sich von selbst, dass solche Reihen, wenn man sie auf dem Computer- oder Fernsehbildschirm anschaut, nur cineastisches Kleingemüse sein können im Vergleich zur diesjährigen Berlinale-Retrospektive, die sich dem Breitwandformat 70 Millimeter widmet. Wer 2001 – Odyssee im Weltall oder Ben Hur im Berliner Kino International in solch majestätischer Dimension sieht, wird beschämt den inneren Laptop zuklappen.

Und doch muss man nicht immer nur die menschliche Versammlungslust und das hehre Seherlebnis, "die innere Orgie des Kurzsichtigen in der ersten Reihe" (ebenfalls Woody Allen) beschwören, um triftige Gründe für das Überleben von Festivals zu finden. Filmfestspiele wird es weiter geben, auch weil Kino ein Riesengeschäft ist – egal, ob man es weiterhin auf der Leinwand oder demnächst vielleicht auf einem in die Handfläche implantierten Bildschirm anschaut.

Auch die Verschiebung des Öffentlichkeitsbegriffes von einem Gemeinschaftsraum zum individualisierten, spezialisierten "Bilder-User" am Computer ändert nichts daran, dass dieses Geschäft den realen Festivalort braucht. Hier nutzen Produzenten und Händler die Publikumsvorführungen als gigantische Testfelder. Hier werden auf Marktvorführungen die neuesten Filme (in Berlin sind es fast 700) an rund anderthalbtausend Verleiher, Kinobetreiber oder DVD-Produzenten gebracht – wobei der Anbieter sicher sein kann, dass der Film gesehen wird, während man bei einer DVD vorspulen, Bier holen, sich die Nägel lackieren oder telefonieren kann. Hier finden Filmauktionen statt, wird Kontaktpflege und Networking betrieben. Im Zeitalter des E-Mail-Overkills und der virtuellen Medien, so die einhellige Meinung quer durch die Kinobranche, nimmt die Bedeutung der realen menschlichen Begegnung, der "face time" (Douglas Coupland) für jede Art von Filmbusiness eher zu.

Konkurrenzlos sind Festivals auch in einer weiteren Funktion, die sich in diesem Aufwand nur mit Millionengeldern subventionierte Riesenveranstaltungen leisten können: der Trennung der Spreu vom Weizen. Mehr als 6000 Filme haben die Auswahlkomitees und Länderdelegierten der diesjährigen Berlinale gesichtet. 6000 eingereichte Filme, die sich irgendjemand anschauen muss, sei es nun, wie in diesem Jahr, Stephen Frears’ Wettbewerbsfilm Cheri mit Michelle Pfeiffer oder der sympathische, aber chancenlose Kurzfilm, in dem ein Pubertierender am heimischen Schreibtisch nackt aus seinem Tagebuch vorliest. Zu dieser kuratorischen Arbeit gehört das Reisen in die Filmländer genauso wie die Einladung der Filmemacher an den Festivalort.

In seiner zehntägigen Einheit von Zeit und Raum wird das Festival letztlich zu einem eigenen Lebewesen, zu einer Art Subjekt, das den state of the art des Kinos abbildet und es als Kunstform mit sich selbst ins Gespräch bringt. Kino im Netz, zumindest in seiner bisherigen Form, ist Überfülle, Optionswahn, die Freiheit des Klicks und der Versuch, den flottierenden Filmmengen durch Individualisierung, Spezialisierung und Communitys beizukommen. Ein Festival hingegen ist Dramaturgie, Selektion und Zusammenhang, man könnte sagen: eine schöne Diktatur des Sehens.

Es ist eine Diktatur mit Mitspracherecht. Unerbittlich schreibt sie uns vor, was wir an einem bestimmten Tag zu einer bestimmten Uhrzeit zu sehen haben, zwingt Filme zusammen und animiert zu nicht immer naheliegenden Verknüpfungen. Sie verbindet an ein und demselben Programmtag François Ozons Berlinale-Wettbewerbsfilm Ricky über eine Fabrikarbeiterin, die eine Kindesmisshandlung mit einer Fantasie überdeckt, mit La journée de la jupe , in dem Isabelle Adjani als frustrierte Lehrerin eine Klasse aufmüpfiger Emigrantenkinder in Geiselhaft nimmt.

Natürlich ergibt es in dieser Zehn-Tage-Diktatur Sinn, Hans-Christian Schmids Film Storm über eine Anklägerin am UN-Kriegsverbrechertribunal mit dem Dokumentarfilm D’Arusha à Arusha zu kontrastieren, der angesichts des Völkermordes in Ruanda die Frage nach der Legitimation von internationaler Gerichtsbarkeit stellt. Genauso wie es sinnvoll ist, Schmids Dokumentarfilm Die wunderbare Welt der Waschkraft über Frauen, die in einer polnischen Wäscherei die Tischdecken und Bettbezüge der Berliner Luxushotels reinigen und falten, in einem fünfzig Meter neben diesen Luxushotels gelegenen Kino zu zeigen.

Nein, man sollte das Reale nicht gegen das Virtuelle, die Auswahl nicht gegen die Fülle, den Festivalpalast nicht gegen das Internet ausspielen. Man sollte fair sein und jedem Medium seine Möglichkeiten lassen. Aber ein bisschen trist ist es doch, eine tolle Weltpremiere vom heimischen Sofa aus in einem Blog zu beklatschen.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unterwww.zeit.de/audio

 
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