Gus van Sant: Nicodemus, das ist doch Griechisch, oder?

DIE ZEIT: Lateinisiertes Griechisch.

van Sant: Irgendwie denke ich bei Nicodemus an den Teufel. Ist das ein gängiger Name in Deutschland?

ZEIT: Eher selten. Er kommt im Johannes-Evangelium vor. Nikodemus gehört zur jüdischen Gruppe der Pharisäer. Er geht eines Nachts zu Jesus und spricht mit ihm über die geistige Wiedergeburt des Menschen.

van Sant: Jetzt erinnere ich mich wieder. Und weil es Nacht ist, im Geheimen, wurde daraus eine feindliche Haltung der Juden zu Jesus abgeleitet. Zu Unrecht. Okay, Sie sind doch nicht der Teufel, lassen Sie uns anfangen.

DIE ZEIT: Wann und wie haben Sie erfahren, dass Harvey Milk, der erste schwule Stadtrat San Franciscos, erschossen wurde?

van Sant: Am Tag seines Todes, am 27. November 1978. Ich saß im Auto, fuhr auf dem Highway und hörte es in den Radionachrichten. Ich wohnte damals in Los Angeles. Natürlich wusste ich vom Castro, dem Schwulenbezirk von San Francisco. Bis zu diesem Moment hatte ich aber noch nie etwas von Harvey Milk gehört. Dabei bewegte ich mich sogar in einer Gruppe junger Schauspieler, die sich auf emphatische, kämpferische Weise zu ihrer Sexualität bekannten und auch in der Schwulenbewegung aktiv waren. Ich selbst lebte damals aber noch nicht offen schwul. Von Milks Ermordung waren wir alle zutiefst schockiert.

ZEIT: In früheren Filmen wie Mala Noche oder My Own Private Idaho sahen Sie schwulen Außenseitern dabei zu, wie sie ihr Leben lebten. In Milk wird das Außenseitertum zum ersten Mal Thema. Oder, um es mit Harvey Milk zu sagen: »Es ist mehr als ein Thema.«

van Sant: Natürlich kann man Schwule als Außenseiter jenseits des heterosexuellen Mainstreams sehen. Doch Harvey war es im doppelten Sinne: Durch sein politisches Engagement wurde er zum Außenseiter in San Franciscos Gay Community. Er kaufte sich einen Polyesteranzug, er rasierte sich den Hippie-Bart ab, und er startete eine Kampagne gegen die Hundescheiße in der Stadt. Viele Hippie-Schwule sahen das als Verrat und Ausverkauf. In der Kommunalpolitik von San Francisco war Harvey Milk aber der Outsider, der zum Insider wurde. Denn er definierte sich im Stadtrat nicht durch seine sexuelle Identität, sondern durch seine Politik.

ZEIT: Ähnlich wie in Elephant, ihrem Film über das Massaker an der Columbine Highschool, fragen Sie nicht dezidiert nach den tieferen Gründen für Milks Ermordung. Ging es Ihnen eher um eine Grundstimmung als um eine individuelle Tat?

van Sant: Wir hätten uns in die Gehirnwindungen des Täters Dan White hineinbegeben können. Aber wir wollten es bei den Fakten belassen. Dan White war bis kurz vor der Tat ebenfalls Bezirksbürgermeister, hatte aber seinen Rücktritt erklärt. Denn das Rathaus hatte sich verändert. Vorher waren die Stadträte in der Regel männliche konservative Katholiken aus alten Familien in San Francisco, genauso wie der Staatsanwalt und der Polizeichef. Durch ein neues Wahlsystem konnten die einzelnen Bezirke jeweils ihre eigenen Stadträte wählen. Plötzlich gab es in einer amerikanischen Großstadt asiatische, schwarze, schwule, weibliche Bezirksbürgermeister. Als konservativer Alteingesessener war White zutiefst verunsichert. Gut, er war auch Vietnamveteran, aber weder das noch seine Frustration erklären hinlänglich, weshalb er Milk und gleichzeitig George Moscone, den Bürgermeister von San Franciso, erschossen hat.