Bolivien Flieg, Macho, flieg!
Im Ring von El Alto, hoch in den Bergen über La Paz, proben bolivianische Indianerinnen bei Wrestling-Schaukämpfen den Ausnahmezustand

© Spencer Platt/Getty Images
Im Trachtenrock vermöbeln die Cholitas jeden Sonntag ihre männlichen Kollegen
Sonntag ist der Tag, an dem die Helden kommen. Die ganze Woche über haben sie sich getarnt, als Klempner und als Losverkäufer, als Händler und als Maschinisten. Kaum jemand hätte sie erkannt – was, der etwa? Der Typ im Bus zwei Reihen weiter, der übellaunige Nachbar, der Mann in den ausgebeulten Jeans? Sonntags aber kehren die Helden zurück, El Alto bebt. Und sollte Jennifer, die Größte der Großen, unter ihnen sein, droht El Alto sich zu überschlagen.
Die Stadt liegt in den Bergen oberhalb von La Paz, dem Sitz der bolivianischen Regierung, mehr als 4000 Meter über dem Meeresspiegel. Wer das erste Mal durch El Alto fährt, könnte meinen, sie schere sich kaum um ihre Heroen. Es gibt hier weder Statuen noch Gedenktafeln, die an Heldentaten gemahnen, auch keine Kinos und keine Theater, so gut wie keine Parks oder öffentlichen Plätze, keinen Schmuck weit und breit. Nackt stehen die Häuser in der kalten Sonne der Höhe, als habe man ihnen den Putz vom Leib gerissen, Stromkabel quellen aus ihren Eingeweiden. Nur manchmal, man sieht es schon von Weitem, trägt ein Haus eine Fassade, stolz wie eine Festtagstracht. Die Hauptstadt des Aymara-Volkes wird El Alto genannt. Und wer ihr Geheimnis nicht kennt, könnte behaupten, es sei keine schöne Stadt.
Yayaya!, brüllt der Anheizer, Schweiß glänzt auf seiner Stirn
El Alto wurde nicht geplant, El Alto ist geschehen. Zahllose Indianer des Aymara-Volks kamen im Laufe des vergangenen Jahrhunderts aus der bolivianischen Hochebene, wo der Boden karg ist und das Land so weit, dass der Mensch ganz klein darin scheint. Alle wollten sie nach La Paz, das bald über seine Grenzen hinauswuchs. 1988 wurde El Alto zur unabhängigen Stadt erhoben und zählt heute mehr Einwohner als La Paz selbst. Die Luft ist dünn hier, die Sonne so stark, dass sie schnell die Haut verbrennt. Der Blick aber reicht so weit, dass man ewig stehen und schauen möchte, über die schneebedeckten Gipfel der Vulkane und die Dächer von La Paz, die jeden Abend nach der Dämmerung in einem Lichtermeer versinken.
Seit Stunden schon stehen die Menschen vor dem Polifuncional, das sich wochentags als stinknormale Turnhalle gibt und allsonntäglich zur Bühne der Helden verwandelt: eine Arena der lucha libre, Lateinamerikas Wrestling-Variante. Es warten Alte und Junge, Mütter in Tracht, die ihre Kinder in Bündeln auf dem Rücken tragen, Rentner, Teenager und junge Mädchen mit aufwendig geschminkten Augen.
»Ob Jennifer kommt?«, die eine.
»Na hoffentlich«, die andere.
»Sie ist die Beste«, der Mann hinter ihnen.
»Mit Abstand«, sein Sohn.
»Habt ihr sie letzte Woche gesehen?« – »Aber hallo! Sie ist einfach verrückt, loca, loca, loca…« – »Wer ist diese Jennifer?«, erlaubt man sich zu fragen und erntet Blicke, in denen sich Fassungslosigkeit und Ehrfurcht mischen.
»Die Königin.«
»Jeder Mann hat Angst vor ihr.«
»Du wirst schon sehen.«
Das Tor geht auf, die Menschen strömen hinein. Es dauert keine zehn Minuten, bis in der Halle Festzeltstimmung herrscht. Kinder rennen um den Ring und spielen die Kämpfe nach, die sie vergangene Woche hier gesehen haben, Verkäufer bieten schreiend ihre Waren feil, Paare knutschen, eine Frau gibt ihrem Kind mit einer Hand die Brust und telefoniert mit dem Handy in der anderen die heutige Aufstellung durch.
Dann greift der Anheizer zum Mikrofon, seine Stimme schraubt sich hinauf, fällt ins Tremolo der Jahrmarktschreier, während die ersten Kämpfer in den Ring stürmen. Es sind Tiger und Spiderman, die sich jetzt misstrauisch umkreisen. Die Spinne greift an, stößt ihren Gegner in die Seile, wirft sich auf ihn, aber der Tiger weicht aus, dann liegt die Spinne unter ihm. Die Menge tobt und schreit, »Tod dem Tiger!« die einen, »Tod der Spinne!« die anderen. Die Hitzigsten hält es nicht auf ihren Stühlen, sie werfen mit Popcorn und Plastikbechern nach dem Gegner ihres Helden. Der Tiger stürzt sich auf den Rücken der Spinne, bricht in gellendes Siegesgeheul aus, doch er hat sich zu früh gefreut, denn jetzt greift die Spinne an, überwältigt den Tiger, Yayaya!, brüllt der Anheizer, Schweiß glänzt auf seiner Stirn, la arana ganaaaaaa, die Spinne siiiiiiiiegt! Und schon eilen die nächsten Kämpfer herbei.
So geht es Stunde um Stunde: angetäuschte Schläge, erschlichene Siege, das ganz große Theater. Die lucha libre ist das Ballett des inszenierten Kampfes. Die Kinnhaken, die Schläge in die Magengrube, das Krachen der Wirbelsäule beim dramatischen Sturz – alles nur Show, eine wahnwitzige Choreografie maskierter Schausteller, der Mumie, des Rockers, des Spinnenmanns.
Der Anheizer lockt und preist, das Publikum schreit sich die Seele aus dem Leib, besoffen von nichts als Aufregung, es gibt keinen Alkohol. Ein nicht enden wollendes Volksfest zum Preis von zehn Bolivianos, umgerechnet einem Euro. Am seligsten sind die Kinder. Tritt ihr Held aus dem Ring, laufen sie ihm nach, hängen sich an seine Arme und Beine. Sie geben ihm zu trinken, bitten um ein Autogramm, küssen und umarmen ihn, bis er in der winzigen Garderobe verschwindet, die vor Hitze dampft.
Und gerade als der Höhepunkt erreicht scheint, steigert sich der Sturm zum Orkan. Jetzt treten die Cholitas in den Ring. Cholitas, so werden die Aymara-Frauen genannt, in bunter Tracht mit weiten Röcken und langen glänzenden Zöpfen. Die traditionelle Tracht der Indianer ist das nicht. Die spanischen Konquistadoren hatten sie den Frauen einst aufgezwungen, und doch tragen sie sie mit dem gleichen Stolz, als sei es die eigene.
Ihr Auftritt kündigt das Unerhörte an: In einem Land, in dem ein Mann alles ist und eine Frau sehr wenig, in dem Marktverkäuferinnen oft versuchen, ein blaues Auge zu verbergen, auf einer Bühne dieser durch und durch machistischen Gesellschaft legen die Frauen heute Abend ihre männlichen Gegner aufs Kreuz. Und das Publikum liebt sie dafür.
Am meisten liebt es Jennifer, die wildeste, lauteste, zornigste von ihnen. Jennifer nimmt es mit zwei Angreifern gleichzeitig auf. Dem einen tritt sie zwischen die Beine, verdreht ihm Arme und Kopf, bis er wimmert, dem anderen zieht sie einen Plastikstuhl über den Kopf, bearbeitet ihn mit den Fäusten, bis er in den Seilen hängt, dann lässt sie ihn mit Wucht zu Boden krachen. » Loca, gibs ihm!«, jault das Publikum. Und Jennifer brüllt und schimpft und tobt, springt auf die Seile, trommelt mit den Fäusten auf ihre Brust, schreit: »Wer ist die Beste? Na? Sagt es doch endlich, ihr Feiglinge!« Und alle rufen: »Jennifer!«
Dann, plötzlich, so schnell, wie er aufgezogen ist, ist der Sturm vorbei. Die Ersten sind schon hinausgestürmt, noch ehe sich der Anheizer verabschiedet hat. Innerhalb von Minuten ist die Halle leer, verlassen bis auf die Relikte der Schlacht, Popcorn und leere Getränkedosen.
Jennifer Maraz Herrera lässt sich seufzend auf eine Bank fallen, lehnt ihren Kopf an die feuchte Wand der Garderobe. Im flackernden Neonlicht sieht Jennifer kleiner aus als im Ring, gewöhnlicher, verletzlicher. Sie hält sich die schmerzende Hüfte. Keiner hat gemerkt, dass sie sich beim Sturz verletzt hat. Sie hat weiter getobt, als sei nichts gewesen. »Immer passiert etwas, du kannst üben, so lange du willst, trotzdem tut dir immer etwas weh.« Sie zeigt ihre Narben an den Armen, den Beinen, den Knien.
Ach, hätte ihr die Schwester doch auch von den Schmerzen erzählt, als sie sie vor acht Jahren zum ersten Mal zur lucha libre mitnahm. »Es ist so aufregend, das glaubst du gar nicht«, schwärmte die Schwester. Und bald wollte es Jennifer Maraz Herrera selbst ausprobieren. Sie hatte doch schon so vieles versucht, hatte als Sekretärin gearbeitet und Psychologie studiert. Bis die zwei Töchter kamen und der Mann sich aus dem Staub machte. Seither verdient sie ihr Geld in einer Schneiderei. Morgens geht sie als Schneiderin aus dem Haus, abends kommt sie als Kämpferin zurück. Dreimal die Woche wird trainiert, jeden Sonntag ein neues Programm.
»Na, Süße, du willst kämpfen? Dann wollen wir mal sehen…«
Der Anfang war hart. Wie war es ihr peinlich, in Röcken zu kämpfen, wo ihr doch jeder auf den Po schauen konnte, wenn sie zu Boden fiel. Und dann die männlichen Kollegen. »Na, Süße, du willst kämpfen? Dann wollen wir doch mal sehen, was du aushältst!«, spotteten sie und sprangen besonders brutal mit ihr um. Doch Jennifer Maraz Herrera wollte sich nicht unterkriegen lassen. Sie biss die Zähne zusammen, bandagierte Ellbogen und Knie und stieg wieder in den Ring. Weil dieser eine Moment all die Schläge, all die Erniedrigungen wert ist: im Ring stehen und den Applaus auskosten, die Rufe, die Verehrung. »Bei meinem ersten Auftritt fühlte ich mich so groß, so wichtig«, sagt Jennifer, »bedeutender als der Präsident«.
Inzwischen haben die Männer aufgehört, sie zu piesacken. Sie sind sogar ein bisschen neidisch auf sie und ihre Kolleginnen. Für ein paar Stunden am Sonntag wollen die Aymara, dass ihre Welt Kopf steht, dass Frauen über Männer siegen, und die Choreografie gewährt ihnen den Wunsch. Längst sind die Cholitas die Stars der Show. Fährt die Truppe auf Tournee in die Nachbarländer, stürzen sich Reporter und Fans immer zuerst auf sie. Tiger, Mumie und Spinnenmann trotten hinterdrein.
An Verehrern mangele es ihr nicht, sagt Jennifer Maraz Herrera. Aber das, was die Männer auf der Bühne bejubeln, vertragen sie im Alltag nicht. Wenn sie doch nur nicht so viel Angst vor ihr hätten. Schon lange habe sie keinen Mann mehr kennengelernt, mit dem sie sich eine Zukunft habe vorstellen können, einen Vater für ihre beiden Kinder. Sie tritt nach draußen, ins Freie, wo im Tal die Lichter von La Paz in der dünnen Luft zu tanzen scheinen. Morgen früh wird sie wieder Schneiderin sein.
Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio
Anreise:
American Airlines (
www.americanairlines.de
) fliegt beispielsweise von Frankfurt am Main über Miami nach La Paz, Lan Airlines (
www.lan.com
) über Madrid und Lima
Lucha Libre:
Centro Polifuncional de la Ceja de El Alto, sonntags 16 Uhr, Eintritt für Touristen 50 Bolivianos (5 Euro). Es empfiehlt sich, eine halbe Stunde früher vor Ort zu sein, weil man für die Karten anstehen muss
Auskunft:
Botschaft von Bolivien, 10787 Berlin, Tel. 030/2639150,
www.bolivia.de
- Datum 05.02.2009 - 19:29 Uhr
- Serie Audio
- Quelle DIE ZEIT, 05.02.2009 Nr. 07
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