Herzlich willkommen in der Freiheit! Sie entsteht in einer ehemaligen Fabrikhalle am Moritzplatz in Berlin. Der Lastenaufzug scheppert, während er sich in den dritten Stock hochschleppt. In einem Raum, so groß wie ein halbes Fußballfeld, stehen ein paar Schreibtische, in einer Ecke gruppieren sich ein paar Sofas um einen kleinen Tisch. An der Decke ziehen sich die Kabel entlang wie die Fäden eines Spinnennetzes, an den Knotenpunkten sitzen die Steckdosen. »Wir experimentieren hier oben noch etwas«, erklärt Tonia Welter. Sie ist Designerin, 30 Jahre alt und arbeitet freiberuflich. Zusammen mit ihrem Freund Christoph Fahle hat sie einen »Coworking Space« entworfen: einen Ort, an dem viele Menschen, die freiberuflich arbeiten, zusammenkommen. Hier soll es einmal alle Möglichkeiten eines Büros geben, nur gemütlicher soll es sein – mit Kaffeehaus-Atmosphäre. Sie nennen es das Betahaus. Der Arbeitsraum soll so flexibel wie möglich gestaltet werden, wer will, kann seinen Schreibtisch an einer anderen Stelle im Raum aufbauen. »WLAN gibt es ja bereits, nur der Strom fliegt noch nicht durch die Luft.« Die Idee ist: Wer frei arbeitet, muss sich frei bewegen können, um sich frei zu entwickeln.

Tonia Welter kümmert sich um die Inneneinrichtung im Betahaus. »Ich wollte so weiterarbeiten, wie ich es aus der Uni kannte, wo sich die Designer mit den Programmierern zusammenschließen und dann einen Texter rekrutieren. Ich wollte diese Netzwerkstrukturen an meinem Arbeitsplatz etablieren«, sagt die Designerin. Für 100 Euro im Monat bekommt man im Betahaus seine eigene Büroadresse, einen Schreibtisch, WLAN und nette Gesellschaft. Wer nur zwei Wochen im Monat kommt, zahlt weniger. Extras kann man dazubuchen, Buchhalterdienste etwa oder einen virtuellen Postnachsendeantrag. Das heißt, wer in den Urlaub fährt, bekommt die Post eingescannt und per Mail gesandt.

»Die Idee kam mir, als ich für das Europäische Parlament einen Kongress organisierte«, erzählt Christoph. Der 29-Jährige hat gerade sein Politikstudium abgeschlossen. Seine blonden Haare sind kurz und strubbelig, und seine blauen Augen lächeln ununterbrochen. »Ich reiste in viele Städte, um Leute zu treffen, aber überall hatte ich das gleiche Problem: Es gab keinen Ort, an dem ich arbeiten konnte. Ich bin immer in Cafés gelandet, aber dann fehlt einem dort der Drucker, und man bekommt Kreuzschmerzen.« So wie Christoph geht es vielen anderen auch, Freiberuflern, ausgestattet mit Handy und Laptop, deren Büro überall auf der Welt sein könnte, wo es Internetzugang gibt. Meist, wenn sie versuchen, von zu Hause aus zu arbeiten, fällt ihnen ein, dass das Bad geputzt werden muss, das Zimmer umgeräumt oder der Backofen gereinigt. Mit kleinen Ablenkungsmanövern halten sie sich vom Rechner fern, und wenn sie es endlich schaffen, sich an den Schreibtisch zu setzen, meldet sich ein Freund über ein Online-Netzwerk. Bislang mussten sie sich in ein Café flüchten, aus Mangel an Alternativen.

»Mobile Arbeitsplätze sind eine Rückkehr zum gemeinschaftlichen Arbeiten. Freiberufler simulieren hier die Büroumgebung, die sie zu Hause nicht haben«, sagt Laura Forlano. Die Sozialwissenschaftlerin hat an der Columbia University in New York ihre Doktorarbeit über Internetcafés geschrieben: »Die Freiberufler bauen sich soziale Netzwerke um Bürocafés auf. Dort lernen sie Menschen kennen, bekommen ständig neuen Input und manchmal auch Infos unter der Hand.«

Denn so freiwillig, wie es klingt, ist die selbstständige Arbeit häufig nicht. Freiberufler, besonders in kreativen Bereichen, stehen oft mit einem Fuß im Prekariat. Manche Aufträge müssen sie annehmen, ob sie wollen oder nicht. »Es ist paradox, denn mit mehr Freiheit steigt auch das Sicherheitsrisiko für den Freiberufler«, sagt Ernst Hoff, Professor für Arbeitspsychologie an der Freien Universität Berlin. Der Selbstständige muss dann arbeiten, wenn Aufträge kommen - die Grenze zwischen Freizeit und Arbeit verwischt. »Der Freiberufler muss sich selbst stärker an die Kandare nehmen und das, was früher Fremdzwänge waren, durch Selbstdisziplin ersetzen.«