Er ist doch einer, der immer alles auf direktem Weg erreicht, aber jetzt fährt Ramazan Salman Schlangenlinien. Eine Hand am Steuer, die andere tastend auf dem Armaturenbrett auf der Suche nach der Wegbeschreibung. Eigentlich lässt er sich nie aus der Ruhe bringen. Nun aber schimpft er: »Schrecklich, was mache ich jetzt?« Er stoppt den A-Klasse-Mercedes auf dem Parkplatz eines Supermarktes, fummelt an seiner Jackentasche herum, findet den Zettel mit der Telefonnummer, ruft an und fragt nach dem Weg.

Er ist spät dran, er ist auf dem Weg in eine Moschee in Hildesheim. Vor rund 30 türkischen Frauen und Männern soll er erklären, wie das so funktioniert mit dem deutschen Gesundheitssystem. Ramazan Salman ist Gründer des Ethno-Medizinischen Zentrums in Hannover. Heute Vormittag hat er dort einen Vortrag gehalten und mit seinen Gesundheitslotsen besprochen, wie es in diesem Jahr weitergehen soll mit ihrer Arbeit.

Salman ist der Held in einer Geschichte, die von Integration handelt. Der 48-Jährige Türke hat sich ein Konzept ausgedacht, das gut integrierte Migranten mit weniger gut integrierten zusammenbringt. Bundesweit bildet er Einwanderer, die gut Deutsch sprechen und sich Deutschland und ihrem Herkunftsland verbunden fühlen, zu sogenannten »Mediatoren im Gesundheitswesen« aus. Sie beraten und informieren später die Menschen, die noch Probleme haben, sich in Deutschland zurechtzufinden. »Mimi – Mit Migranten für Migranten« heißt das Projekt.

Im Kindergarten war er der einzige Ausländer

Dafür ist Salman gerade von der Schwab Foundation, Boston Consulting und der Zeitschrift Capital als »Sozialunternehmer des Jahres 2008« ausgezeichnet worden, eine Einladung zum Weltwirtschaftsforum in Davos gehörte gleich mit dazu. Als Salman sich auf das Treffen in der Schweiz vorbereitet, erscheint der neue Integrationsbericht des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Wieder einmal kommen darin die Türken als besonders schlecht integrierte Einwanderegruppe in Deutschland vor. Menschen wie Ramazan Salman können damit nicht gemeint sein.

Anfang der sechziger Jahre kam sein Vater aus der Türkei als Straßenbahnfahrer nach Hannover, zwei Jahre später holte er seine Familie nach. Die Salmans waren eine der ersten vier Migrantenfamilien in Hannover. »Wenn ein Fünfjähriger der einzige Ausländer im Kindergarten ist, lernt er halt in vier Wochen Deutsch.« Die Mutter kam als Analphabetin, aber sie war es, die ihre Kinder bei den Hausaufgaben beaufsichtigte. »Freiheit mussten wir uns erarbeiten. Nur gegen Hausaufgaben durften wir spielen«, sagt Salman.

Zwei Etagen in einem Altbau in der Hannoveraner Innenstadt gehören mittlerweile zum Ethno-Medizinischen Zentrum. Ramazan Salman ist hier der Souverän. Kerzengerade läuft er durch die hohen Flure und grüßt hier und da. »Guten Morgen, Veronica« und »Ja, das Mediatorentreffen findet statt«. In den 20 Jahren seit der Gründung ist sein Zentrum ständig gewachsen. 37 Angestellte arbeiten fest hier und kümmern sich um Projekte von der Aids-Aufklärung bis zur Suchtberatung. Aktenordner füllen Regale, Kisten mit Auswertungsbögen der Informationskampagnen stapeln sich. »Alles muss seine Ordnung haben. So deutsch bin ich geworden.« Er denkt jetzt sogar darüber nach, endlich die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen.