Schweiz Zweite Liga
Bern fällt immer weiter hinter Zürich, Genf und Basel zurück. Die Schweizer wenden sich von ihrer trägen Hauptstadt ab
Als Bern die Nummer eins wurde, ging es längst bergab. Die Stimmen der welschen Kantone machten 1848 die Stadt an der Aare – und nicht das dynamische Zürich – zur eidgenössischen Metropole. Es war die Zeit, als in Europa die Moderne einsetzte. Aber ausgerechnet die Schweizer Hauptstädter kamen irgendwie nicht ganz mit. Verspätet erfolgte der Anschluss ans Eisenbahnnetz. Während in Zürich wuchtig die Industrialisierung einsetzte, ging sie an Bern vorbei. Die historische Hypothek der Bundesstadt: Es fehlt ihr bis heute an Unternehmergeist. Statt Neues zu erreichen, bewahrt sie Erreichtes und glänzt – als Weltkulturerbe der Unesco.
Jetzt kriegen es die Berner amtlich bestätigt: Ihre Stadt ist zweitklassig. Im Entwurf für das »Raumkonzept Schweiz« gestehen die Planer des Bundesamts für Raumordnung Bern bloß den Status einer »Hauptstadtregion« zu. Die erste Liga sind die »Metropolitanregionen«: Zürich, das Genferseebecken mit Genf und Lausanne sowie Basel. Sie sind die Motoren, die das Land am Laufen halten. Das sonst langsame Bern reagiert prompt. Der Regierungsrat fordert gekränkt, die Relegation in die zweite Liga der Schweizer Städte rückgängig zu machen.
Das würde Bern nicht voranbringen. Denn die Realität ist längst weiter als das Raumkonzept. Ein Beleg: Zürich, Genf und Basel erarbeiten gerade einen gemeinsamen Auftritt an der Weltausstellung 2010 in Shanghai. Unter dem Motto »drei Metropolitanregionen« werden sie in China die urbane Schweiz repräsentieren – ohne Bern.
Noch ist das Konzept, in dem die künftige räumliche Entwicklung der Schweiz skizziert wird, ein Planspiel. Und Projektleiter Georg Tobler vom Bundesamt für Raumplanung versichert, dass die Einstufung Berns nicht automatisch Nachteile im Verteilungskampf um nationale Infrastrukturmillionen mit sich bringe. Überdies werde das Konzept nur für den Bund bindend sein, Kantonen und Gemeinden stehe es frei, wie sie es umsetzten.
Trotzdem ist die Empörung groß. Die Kantonsregierung versucht verbissen zu belegen, dass Bern zumindest mit Basel und Genf auf Augenhöhe sei. Denn mit der Herabstufung zur Provinzkapitale steht die bedrohliche Frage im Raum: Ist das schläfrige Bern die richtige Hauptstadt für das wirtschaftliche und finanzielle Erfolgsmodell namens Schweiz? Müsste nicht die wichtigste Stadt auch die politische Nummer eins sein?
- Datum 05.02.2009 - 16:13 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 05.02.2009 Nr. 07
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