STAMMTISCH STÄRNE Das Sterbeverbot

Selten war man sich am Stammtisch so einig gewesen. Das göttliche Bodenpersonal: totaler Realitätsverlust; aber das war schon vor Ratzinger so gewesen. Die Konfiszierung einer Tibet-Fahne in Davos: Schweinerei! Die UBS-Boni: ein Skandal. »Ich frage mich sowieso, wer in diesem Land eigentlich keinen Bonus erhält«, sagte Peti mit Hoher-Blutdruck-Gesichtsfärbung, »außer uns Deppen natürlich. Jetzt haben sie in den Nachrichten gemeldet, dass die Bosse von der Helsana dieses Jahr keinen Bonus erhalten. Bei der Krankenkasse! Da bekomme ich Zueständ!«

»Hättest halt für die Einheitskasse stimmen sollen«, sagte Chäschpi trocken. – »Das würde dir so passen. Am Schluss sind die Banken verstaatlicht, die Krankenkassen und die Meinungsfreiheit!« – »Und welche Rezepte«, schnaufte Chäschpi, »hat der geheiligte Markt denn zu bieten?« – »Das hat doch nichts mit Markt zu tun, sondern mit gesundem Menschenverstand«, wehrte sich Peti. »Früher war klar, dass einer bezahlt wird, um seinen Job zu machen, und wenn er ihn nicht machte, wurde er entlassen. Heute kriegt er sogar dann noch einen Bonus. Das versteht kein Mensch. Im Übrigen hätten die Krankenkassen weniger an der Börse investieren sollen und dafür mehr in Immobilien. Mieteinnahmen sind beständiger. Es ist ein Gejammer ewigs wegen der Prämien, statt dass sie sich überlegen, wie sie anders noch zu Geld kommen.«

»Jetzt musst du schon entscheiden, ob du den freien Irrsinn des Marktes willst«, sagte Chäschpi, »oder ob der Staat vorschreiben soll, wann einer einen Bonus bekommt. Herrgott, machst du ein Puff! Am Ende muss dir ein Sozi noch den Markt erklären. Das Problem ist doch, dass in Bern keiner hinsteht und den Laden aufräumt.« – »Hättet den Blocher halt nicht rausekeln sollen«, raspelte Charlotte giftiges Süßholz.

»Der wär der Richtige gewesen«, geriet Chäschpi in Wallungen, »der hätte die Kranken doch einfach nach Ungarn outgesourct.« – »Warum nicht«, sagte Charlotte, »sie bieten doch im Anzeiger jede Woche Busreisen zum Zahnarzt an?« – »Du willst nicht ernsthaft sagen, der Franz soll nach Ungarn in die Reha?«, fragte Chäschpi und zeigte auf den wehrlosen Schreiner. Der hatte endlich seine Medikamente absetzen dürfen, beim Bier aber die Nachwirkungen der Abstinenz unterschätzt. Mit glasigen Augen starrte er auf die Tischplatte.

»Warum nicht? Vielleicht findet er ja dort eine Frau«, rüffelte Charlotte. – »Ja, vielleicht eine Roma«, meinte Chäschpi angewidert, »das Problem ist doch einfach, dass wir alle älter werden.« – »Kein Wunder, wenn du nirgends mehr rauchen darfst«, schimpfte Charlotte mit unfreiwilliger Komik, »immer diese Bevormundung!« Peti wies sie zurecht: »Das war ein Volksentscheid.« Und Chäschpi stichelte: »Das Volk hat das Sterben verboten.« Silvano Cerutti

 
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