China Herr Lu, Herr Li und die Krise
Chinas scheinbar grenzenloses Wachstum ist jäh gestoppt. Die Regierung fürchtet Unruhen. Wie ein Wanderarbeiter und ein reicher Unternehmer das Ende des Booms erleben
Peking/Zhangyi - Dieser Tag lässt ihn nicht los. Allen muss er davon erzählen, der Großmutter und der Urgroßmutter, den Nachbarn links, den Nachbarn rechts. Von dem Tag, an dem er, der Wanderarbeiter aus Zhangyi, aufbrach und die Regierung das Fürchten lehrte. Seit einem Jahr arbeitete der Schneider Lu Zhanqiang in einer Pekinger Textilfabrik, die Kleidung für den Export produziert. Morgens um acht setzte er sich an seine Nähmaschine, abends um zwölf verließ er die Fabrik. Einen Tag im Monat hatte er frei, dann war er so kaputt, dass er sich aufs Bett warf und schlief.
Seit acht Jahren lebt Lu in Peking, er hat so gut wie nichts von der Stadt gesehen. Den Sommerpalast kennt er nicht, die Verbotene Stadt ebenso wenig. Lu ist zum Arbeiten in Peking, so wie seine 62 Kollegen, Wanderarbeiter wie er, Bauern, die ihre karge Scholle verließen, um in den Städten zu schuften. 200 Millionen von ihnen soll es in China geben, Tagelöhner der Globalisierung, ohne die der sagenhafte Aufschwung des Landes nicht möglich gewesen wäre. Nun ist Lu heimgekehrt in sein Dorf in der Nähe der Kreisstadt Zhangyi, einen armen, stillen Flecken Erde im Norden der Provinz Hebei, gleich an der Grenze zur Inneren Mongolei, und erzählt, was ihm in den vergangenen Wochen in Peking wiederfahren ist.
Anfangs lief es ganz gut in Lus Fabrik. Die Aufträge aus dem Ausland kamen, die Arbeiter schneiderten, der Chef zahlte. Doch dann blieben im Oktober letzten Jahres die Aufträge aus. Schneller, als von irgendjemand vorausgesagt, hatte die globale Wirtschaftskrise China erreicht. Der Chef ging pleite, Ende Januar schuldete er Lu und seinen Kollegen den Lohn von vier Monaten. Vier Monate, in denen sie täglich 14 Stunden gearbeitet hatten. Lu weiß nicht viel über die Wirtschaftskrise, eines aber wusste er: So konnte es nicht weitergehen. »Einen, zwei Monate ohne Lohn, daran haben wir uns ja längst gewöhnt. Vier Monate aber, das konnten wir nicht hinnehmen.«
Keiner der 63 Arbeiter kennt die Gesetze, keiner hatte einen Arbeitsvertrag. Sie gingen zur Gewerkschaft, sie gingen zur Mutter des Chefs, und als alles nichts half, gingen sie zur Regierung. Welches Regierungsbüro es war, das weiß Lu Zhanqiang nicht. 53 von ihnen stellten sich in den Eingang und sagten: »Wir gehen nicht mehr weg, bis uns jemand hilft.« Ein Beamter drohte ihnen mit Gefängnis, sie antworteten: »Wir haben kein Geld mehr, zu essen oder die Miete zu zahlen. Im Gefängnis sind wir besser dran als draußen.« Irgendjemandem in dem Büro muss es mulmig geworden sein, irgendjemand muss an die Millionen im Land gedacht haben, denen es genauso erging wie den 53 Schneidern. Die mit einem Schlag arbeitslos wurden, weil die Aufträge aus dem Ausland ausblieben. Und er mag sich gefragt haben: Was geschähe wohl, wenn sie alle gemeinsame Sache machten? Wie viele Regierungsbüros könnten sie stürmen, wie viele Türen verstellen?
Lu weiß nicht, wer die Sache entschieden hat, doch noch am selben Abend kam ein Mann von der Gewerkschaft vorbei und zahlte den Arbeitern ihren Lohn aus. Auf Regierungskosten. Alle bekamen ihr Geld, gerade noch rechtzeitig, bevor sie zum Frühlingsfest in ihre Dörfer zurückkehrten, zum chinesischen Neujahr, dem wichtigsten Fest des Jahres. Alle bis auf Lus Schwägerin. Sie ist 16, hat noch keinen Personalausweis, deswegen wollte ihr der Beamte nichts geben. »Den ganzen Weg nach Hause hat sie geweint«, sagt Lu. Heimzukehren ohne einen Yuan, was für eine Schande! Lu würde ihr gerne helfen, doch er weiß nicht, wie. Die Gesetze, die Ämter, was für ein Dickicht, wie soll sich einer wie er da durchkämpfen? »Dass wir überhaupt unser Geld bekommen haben, lag doch nur daran, dass wir so viele waren. Allein hätte das keiner von uns geschafft!«, sagt Lu und steckt sich eine Zigarette an. Er liegt auf dem Kang, dem mit Kohle befeuerten Bett, im Haus der Eltern in seinem Heimatdorf. Der Hase ist geschlachtet, das Schwein ebenso, in wenigen Stunden wird das Fest beginnen.
Zum ersten Mal droht der Regierung der Vertrauensverlust des breiten Volkes
Lu hat seinen Lohn bekommen, doch nun ist er arbeitslos, ein Opfer der weltweiten Krise. Ein China, dessen Wirtschaft nicht mehr wächst, konnte sich bislang niemand so recht vorstellen. Das rasante Wachstum aber ist jäh zum Stillstand gekommen. Im Jahr 2007 schnellte das chinesische Bruttosozialprodukt noch um 13 Prozent in die Höhe. Doch schon im vergangenen Quartal 2008 schrumpfte es im Vergleich zum vorherigen Quartal um 0,5 Prozent. Auf bis zu 50 Millionen schätzt die Internationale Arbeitsorganisation der Vereinten Nationen (ILO) die Zahl der weltweit durch die Krise bedingten Arbeitslosen. Nur Chinas Wanderarbeiter, die in keiner Statistik geführt werden, zählt auch die ILO nicht mit. Tausende kleiner Export- und Baubetriebe sind in China bankrott. 20 Millionen Wanderarbeiter seien bereits entlassen worden, meldet die Pekinger Regierung. Nach Informationen der Europäischen Handelskammer in Peking werden es bald doppelt so viel werden: 40 Millionen Wanderarbeiter müssten in diesem Jahr mit dem Verlust ihres Arbeitsplatzes rechnen, so Kammer-Chef Jörg Wuttke.
Die Regierung fürchtet, in diesem Jahr eine Wachstumsrate von acht Prozent zu unterschreiten – so viel Wachstum aber braucht China nach Einschätzung der Regierung, um die soziale Stabilität aufrechtzuerhalten. Westliche Ökonomen sagen derweil ein Jahreswachstum von nur noch fünf Prozent voraus. Was wird geschehen, wenn die Rezession der vergangenen Monate weitergeht, wenn es zur Massenarbeitslosigkeit im Land kommt? Droht das Regime in Peking zu wanken? Ist die Stabilität Chinas in Gefahr?
- Datum 28.07.2009 - 17:02 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 05.02.2009 Nr. 07
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erklaerte noch vor kurzem dass China einen stetigen Wachstum von 9% braucht um soziale Unruhen zu vermeiden.Das bleibt nun aus da der Westen weniger einkauft. Ich denke es wird den Partei Bonzen in Peking noch oefter eng um den Hals in der naechsten Zeit denn die Wachstumsrate auch fuer China wird weiterhin sinken.
...was glauben sie wem wird es hier in Europa eng um den Hals..?
...fingen bis vor einigen Monaten noch die Knie der Investoren zu zittern an wenn da von weniger Profiten und Rendite die Rede war, wie sieht das erst jetzt aus wenn die Zahlen um die minus 20, 30, 40 % weniger Absatz und Auftragseingang ausweisen?
Die Kurzarbeiter und Arbeitslosen Zuwachsraten von plus 10, 20, 30 % ausweisen und diese auch mal das Bedürfnis haben vor irgend einen Eingang einer Machtzentrale zu stehen... und sei es nur um die richtigen Fragen zu stellen. Würden die Verantwortlichen hier auch die Gewerkschaft rufen oder vieleicht doch eher... Irgendwie ungemütlich wenn man sich Ueberlegt wer da alles gerufen werden könnte...
;-)
“When I give food to the poor, they call me a saint. When I ask why the poor have no food, they call me a communist." — Dom Hélder Câmara
...was glauben sie wem wird es hier in Europa eng um den Hals..?
...fingen bis vor einigen Monaten noch die Knie der Investoren zu zittern an wenn da von weniger Profiten und Rendite die Rede war, wie sieht das erst jetzt aus wenn die Zahlen um die minus 20, 30, 40 % weniger Absatz und Auftragseingang ausweisen?
Die Kurzarbeiter und Arbeitslosen Zuwachsraten von plus 10, 20, 30 % ausweisen und diese auch mal das Bedürfnis haben vor irgend einen Eingang einer Machtzentrale zu stehen... und sei es nur um die richtigen Fragen zu stellen. Würden die Verantwortlichen hier auch die Gewerkschaft rufen oder vieleicht doch eher... Irgendwie ungemütlich wenn man sich Ueberlegt wer da alles gerufen werden könnte...
;-)
“When I give food to the poor, they call me a saint. When I ask why the poor have no food, they call me a communist." — Dom Hélder Câmara
...was glauben sie wem wird es hier in Europa eng um den Hals..?
...fingen bis vor einigen Monaten noch die Knie der Investoren zu zittern an wenn da von weniger Profiten und Rendite die Rede war, wie sieht das erst jetzt aus wenn die Zahlen um die minus 20, 30, 40 % weniger Absatz und Auftragseingang ausweisen?
Die Kurzarbeiter und Arbeitslosen Zuwachsraten von plus 10, 20, 30 % ausweisen und diese auch mal das Bedürfnis haben vor irgend einen Eingang einer Machtzentrale zu stehen... und sei es nur um die richtigen Fragen zu stellen. Würden die Verantwortlichen hier auch die Gewerkschaft rufen oder vieleicht doch eher... Irgendwie ungemütlich wenn man sich Ueberlegt wer da alles gerufen werden könnte...
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So ist es, man versucht nur von der EU und Deutschland abzulenken.
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