Jazz Klang des Planeten

Mit der Wiederveröffentlichung der »Codona«-Trilogie erinnert ECM an ein Versprechen, das die Weltmusik nie einlösen konnte

Das Trio Codona im Jahr 1978 – Don Cherry, Collin Walcott, Nana Vasconcelos

Das Trio Codona im Jahr 1978 – Don Cherry, Collin Walcott, Nana Vasconcelos

Es gibt solche Projekte: Ein paar befreundete Musiker mit verwandten Neigungen verabreden sich im Studio und wollen nur spielen – kindlich und expressiv, raffiniert, selbstvergessen und manchmal fast schon naiv. Sie werfen Ideen hin und her, spielen mit Gemeinsamkeiten und Unterschieden und lassen sich ein auf die komplexen Prozesse, die ihr Aufeinandertreffen auslöst. Einige Wochen nach dem Treffen liegt eine Aufnahme vor, deren schlichte Schönheit alle Erwartungen hinwegfegt, sehr zum Unmut vieler Kritiker, und – wie sich in der Rückschau zeigt – einen noch immer unerreichten, neuen Standard setzt.

Dreimal gingen Collin Walcott, Don Cherry und Nana Vasconcelos zwischen 1978 und 1982 für zwei Tage ins Studio, unter dem Titel Codona I, II, III, veröffentlichten sie drei Alben, mit denen sie einen Gegenpol zu all dem setzten, was später als »Weltmusik« groß herauskam – industriell gefertigte westliche Musik, garniert mit exotischen Klanggewürzen. Mit der Wiederveröffentlichung dieser Aufnahmen 30 Jahre nach den ersten Aufnahmesessions in Ludwigsburg und 24 Jahre nach dem tödlichen Unfall Walcotts auf einer (ost-)deutschen Autobahn rückt ECM das Trio wieder ins Licht.

Anzeige

Noch immer funktioniert die Magie dieser Musik. Noch immer übertragen sich die leichtfüßigen Rhythmen, die zarten Melodielinien, noch immer berührt dieser vielschichtige, akustische Klang. »Natürliche Musik« war es nach Cherrys Worten, die das Trio Codona spielte, und noch immer klingt sie, als wollten die drei Musiker den Klang des Planeten einfangen: den brasilianischen Regenwald mit all seinen Stimmen und Geräuschen, deren Ton Nana Vasconcelos mit dem Berimbau, einem einfach besaiteten Klangbogen, erzeugt; den Sound des indischen Subkontinents, den Collin Walcott, der weiße Amerikaner und Schüler der Meistermusiker Ravi Shankar und Alla Rakha, mit der Sitar und den Tablas nachvollzog; den schier unerschöpflichen Born von Melodien, die Don Cherry auf seinen weiten Reisen durch Asien, Afrika und die Welten des Jazz und der Meditation angelegt hatte. Codona blieb ein Monolith, ein Trio, das die Kunst der Improvisation in eine ganz einfache Sache verwandelte, nachvollziehbar und gelassen, als säßen da drei Weise und summten simple, uralte Lieder.

Doch simpel war ihre Musik nie, wenn Don Cherry etwa den schütteren Ton seines Taschenkornetts erlöschen ließ, um den nächsten Melodiebogen vorzubereiten, wenn Walcott sein selbst gebautes, pentatonisches Daumenklavier in eine polyrhythmische Beatbox verwandelte oder Vasconcelos sein Berimbau mikrotonale Melodiefetzen singen ließ.

Wer zuhört, wird in diese Musik aufgenommen, hört dazu sein eigenes Herz schlagen und den Rhythmus seines eigenen Atems, hört, wie er zum Teil dieser Musik wird. Mit lässiger Geste demonstrierte Codona damit ihre höchste Kunst: zusammen zu spielen, für und mit allen, die ihnen zuhören.

Don Cherry/Nana Vasconcelos/Collin Walcott: The Codona Trilogy (ECM/Universal, 3 CDs)

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Quelle DIE ZEIT, 05.02.2009 Nr. 07
    • Versenden E-Mail verschicken
    • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
    • Artikel Drucken Druckversion | PDF
    • Schlagworte Jazz | Musik | Reise | Planeten | Musiker | Asien | Ludwigsburg | Afrika
    • Artikel-Tools präsentiert von:

    Service