Deutscher Film Sorgen sind unser Likör
Was verraten uns die Drehorte über das Deutschlandbild der Regisseure? Eine Deutung
Deutschland 09 – 13 kurze Filme zur Lage der Nation. Die Zahl stimmt unbehaglich. Dreizehn Regisseure liefern dreizehn Ansichten von ihrer Heimat. Gibt es andere Länder, die sich mit so viel Eifer und Ehrgeiz der Selbstbetrachtung hingeben? Ausschließen lässt es sich nicht. Man wäre aber geneigt, auszuschließen, dass es überall mit dem Willen zur Ungemütlichkeit geschieht, von dem die Bilder der Dreharbeiten zeugen, die wir zeigen.
Nun sind Dreharbeiten natürlich kein Spaß. Sie müssen etwas Ungemütliches haben, wenn die Arbeit ordentlich gemacht werden soll. Selbst ein heiterer Film ist nicht das Ergebnis entspannter Arbeit. Aber die Ansichten der Drehorte, das sterile Hotelzimmer, die Baustellen, die bedrückenden Geschmacklosigkeiten einer Wohnung, das Herbstlaub im Münchner Hasenbergl – all das erinnert wohl doch nicht zufällig an jenen Episodenfilm Deutschland im Herbst, der 1978 als Gemeinschaftsanstrengung deutscher Filmemacher auf die Notstandsgesetze und den Terror der RAF antwortete.
Ist das Land seither nicht netter geworden? Je nun! Auch der Deutsche Herbst von 1977 war nicht durchgängig so trist, wie der Film tat. Auch der Terror einerseits, die Sympathisantenhatz andererseits fanden vor der Folie des ausgehenden Pop-Jahrzehnts statt, das gewiss das heiterste und optimistischste Jahrzehnt in der Geschichte der Bundesrepublik war. Selbst die Grotesken von Mode und Design waren Ausdruck einer übersprudelnden Freude an Experiment und Enthemmung. Mit fragwürdigen Folgen, ja; aber es war doch auch ein großer, schöner Karneval.
Leicht ließe sich für 2009 die Bilanz aufmachen, dass der Karneval verschwunden ist, aber die Sorgen geblieben, nur andere, womöglich drückendere geworden sind. Die Krise! Und natürlich, wer Sorgen hat, der hat nicht immer Likör – beziehungsweise der Likör, den viele sich dann genehmigen, besteht gerade in dem begeisterten Konsum von Sorgen. Man kann sich an Sorgen auch berauschen. Für die Kunst sind Verzweiflung und Melancholie allemal bessere Inspiration als dumpfes Einverständnis. Das Positive in der Kunst ist etwas anderes als das Positive im Leben: nämlich meistens Kitsch.
Leider gilt aber der Umkehrschluss nicht, dass mit Negativität schon der Kitsch vermieden wäre. Gerade im Negativen kann er sich zu wahrhaft satanischer Größe auswachsen; vor allem wenn er zu den Klischees der Tristesse greift. Das Herbstlaub! Die Baustelle! Das klaustrophobisch kleinbürgerliche Interieur!
- Datum 04.02.2009 - 17:11 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 05.02.2009 Nr. 07
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"Das klaustrophobisch kleinbürgerliche Interieur!
Ein Gedankensprung: Gibt es nicht auch Schlösser und Aristokraten in Deutschland? Und, auf der anderen Seite des sozialen Spektrums, gibt es nicht auch die Feste, die ausgefeilten Hobbys und Passionen der Unterschicht? Wo ist der Hartz-IV-Empfänger, der auf dem Hundeplatz seinen Malinois zum internationalen Championat in der Vielseitigkeitsprüfung für Gebrauchshunde führt?"
Mit einem Wort, Loriot einerseits und die Flodders andererseits. Ja Herr Jessen, wo leben Sie denn?
"auch farbig und reich an Facetten und Milieus" - ja bitte, aber doch nicht so!
:-)))
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