Meine privaten Filmfestspiele beginnen zwei Wochen vor der Berlinale, als ich an einem Wintertag von meiner Wohnung in Kreuzberg zum Büro des Internationalen Forums des Jungen Films am Potsdamer Platz radele. Das Forum ist die Sektion der Berlinale, in der auch besonders lange und experimentelle Filme gezeigt werden. Ein Mitarbeiter gibt mir einen Umschlag mit sechs besonders langen Filmen. Er findet es, glaube ich, unhöflich den Filmen gegenüber, dass ich sie mir zu Hause auf DVD angucken will.

Ich will das Festival vorab daheim simulieren, um einen Vorgeschmack auf diese Berlinale zu bekommen, aber auch, um zu klären, was ein richtig gutes Festival ausmacht. Die Filme allein können es ja nicht sein: Seit Jahren gehen immer weniger Menschen ins Kino; dagegen steigt die Zahl der Festivals und ihrer Besucher. Die Berlinale ist mit 200.000 verkauften Eintrittskarten das weltweit größte Publikumsfestival. Viele Leute nehmen sich dafür zehn Tage frei und sehen jeden Tag bis zu sechs Filme. Ich gehöre seit Jahren zu ihnen.

Nun also Privatberlinale mit besonders langen Filmen. Ich verspreche mir von der Auswahl ein ganz neues Festivalgefühl. Lange Filme finde ich beruhigend. Die Aufführung des fast siebenstündigen Satanstangos von Bela Tarr ist eine meiner schönsten Kinoerinnerungen. (Übrigens hat sich in letzter Zeit das Verhältnis des Publikums zu Längen verändert. Es liebt keineswegs nur YouTube-Clips, sondern auch lange Werke wie Herr der Ringe und Harry Potter.)

Mein Festival beginnt mit dem fast vierstündigen japanischen Film Love Exposure von Sono Sion. Er erzählt von Yu, dem 17-jährigen Sohn eines japanischen Priesters. Der Vater verlangt vom Sohn, täglich zu beichten. Yu fallen keine Sünden ein. Oder doch nur recht lässliche, mit denen der Vater nicht zufrieden ist. Er wirft dem Sohn vor, seine Sünden vergessen zu haben. Sich nicht an sie zu erinnern sei aber die größte Sünde. Nur wer erkenne, dass er ein Sünder sei, könne Liebe und Verzeihung erreichen.

So angestachelt, beginnt der Held kleine Sünden zu begehen. Hatte er zuvor beim Gehen noch darauf geachtet, bloß keine Kleintiere zu zertreten, so tritt er nun ganz bewusst – dramatisch und in Zeitlupe – eine Ameise tot. Zufrieden geht er zur Beichte und beginnt sich zu steigern: Er knackt einen Zigarettenautomaten und wird schließlich von einer Jugendbande aufgenommen. Der Vater vergibt ihm.

Die Jungs stellen Yu einem Meister vor. Er lehrt Yu unter anderem, dass das Geheimnis der Welt zwischen den Beinen der Frauen zu finden sei, und unterrichtet ihn in der "göttlichen Kunst" der Voyeur-Fotos. Yu wird diese Kunst bald perfekt beherrschen, eine Sünde, die ihm der Vater nicht vergibt. Er schlägt den Sohn. Der Sohn genießt die Bestrafung.

Der Film ist komplex. Es gibt Gewalt, Romantik, Slapstick. Der großartige Schlussteil spielt in der Psychiatrie und ist sehr traurig. Ein guter Start für meine Wohnzimmer-Festspiele.