Berlinale Achtung, Überlänge!
Unser Autor geht seit 25 Jahren zur Berlinale. Diesmal hat er sich ungewöhnliche Filme vorher angesehen und dabei 1335 Minuten vor dem Fernseher verbracht

© Tech. Sgt. Mark Olsen, 177FW/PA.
Szene aus dem Film "L'encerclement"
Meine privaten Filmfestspiele beginnen zwei Wochen vor der Berlinale, als ich an einem Wintertag von meiner Wohnung in Kreuzberg zum Büro des Internationalen Forums des Jungen Films am Potsdamer Platz radele. Das Forum ist die Sektion der Berlinale, in der auch besonders lange und experimentelle Filme gezeigt werden. Ein Mitarbeiter gibt mir einen Umschlag mit sechs besonders langen Filmen. Er findet es, glaube ich, unhöflich den Filmen gegenüber, dass ich sie mir zu Hause auf DVD angucken will.
Ich will das Festival vorab daheim simulieren, um einen Vorgeschmack auf diese Berlinale zu bekommen, aber auch, um zu klären, was ein richtig gutes Festival ausmacht. Die Filme allein können es ja nicht sein: Seit Jahren gehen immer weniger Menschen ins Kino; dagegen steigt die Zahl der Festivals und ihrer Besucher. Die Berlinale ist mit 200.000 verkauften Eintrittskarten das weltweit größte Publikumsfestival. Viele Leute nehmen sich dafür zehn Tage frei und sehen jeden Tag bis zu sechs Filme. Ich gehöre seit Jahren zu ihnen.
Nun also Privatberlinale mit besonders langen Filmen. Ich verspreche mir von der Auswahl ein ganz neues Festivalgefühl. Lange Filme finde ich beruhigend. Die Aufführung des fast siebenstündigen Satanstangos von Bela Tarr ist eine meiner schönsten Kinoerinnerungen. (Übrigens hat sich in letzter Zeit das Verhältnis des Publikums zu Längen verändert. Es liebt keineswegs nur YouTube-Clips, sondern auch lange Werke wie Herr der Ringe und Harry Potter.)
Mein Festival beginnt mit dem fast vierstündigen japanischen Film Love Exposure von Sono Sion. Er erzählt von Yu, dem 17-jährigen Sohn eines japanischen Priesters. Der Vater verlangt vom Sohn, täglich zu beichten. Yu fallen keine Sünden ein. Oder doch nur recht lässliche, mit denen der Vater nicht zufrieden ist. Er wirft dem Sohn vor, seine Sünden vergessen zu haben. Sich nicht an sie zu erinnern sei aber die größte Sünde. Nur wer erkenne, dass er ein Sünder sei, könne Liebe und Verzeihung erreichen.
So angestachelt, beginnt der Held kleine Sünden zu begehen. Hatte er zuvor beim Gehen noch darauf geachtet, bloß keine Kleintiere zu zertreten, so tritt er nun ganz bewusst – dramatisch und in Zeitlupe – eine Ameise tot. Zufrieden geht er zur Beichte und beginnt sich zu steigern: Er knackt einen Zigarettenautomaten und wird schließlich von einer Jugendbande aufgenommen. Der Vater vergibt ihm.
Die Jungs stellen Yu einem Meister vor. Er lehrt Yu unter anderem, dass das Geheimnis der Welt zwischen den Beinen der Frauen zu finden sei, und unterrichtet ihn in der "göttlichen Kunst" der Voyeur-Fotos. Yu wird diese Kunst bald perfekt beherrschen, eine Sünde, die ihm der Vater nicht vergibt. Er schlägt den Sohn. Der Sohn genießt die Bestrafung.
Der Film ist komplex. Es gibt Gewalt, Romantik, Slapstick. Der großartige Schlussteil spielt in der Psychiatrie und ist sehr traurig. Ein guter Start für meine Wohnzimmer-Festspiele.
Was soll ich als Nächstes angucken? Da ich schon einmal in Thailand war und es mir dort gefiel, entscheide ich mich für den 222 Minuten langen thailändischen Dokumentarfilm Citizen Juling von Kraisak Choonhavan, Manit Sriwanichapoom und Ing K. Die Titelheldin des Films ist eine junge Frau aus dem Norden Thailands, die im ärmeren, islamisch geprägten Süden des Landes als Lehrerin arbeitete. Nachdem sie im Frühjahr 2006 von einem Mob attackiert worden war, lag sie monatelang im Koma, bis sie starb. Die Film begibt sich auf eine Spurensuche quer durch Thailand. Menschen verschiedenster Herkunft und Bildung sprechen über ihre Angst, ihre Hoffnung, ihren Glauben und ihre Wut. Viele Menschen, mit denen die Filmemacher sprechen, würde man altmodisch "gut" nennen. Gefragt, ob sie die Täter verurteilen, wünschen sich Angehörige der Ermordeten, dass die Täter von ihrem falschen Weg lassen. Zum Abspann gibt es ein gefühlvoll interpretiertes Lied, das vom Leben und Sterben der Lehrerin erzählt. Ich fühle mich ein bisschen allein mit meinen Eindrücken, die zu stark sind, um weiterzumachen.
Tag zwei ist ein weiterer wunderbarer Wintertag. Während meine Mitkreuzberger auf dem Landwehrkanal Schlittschuh laufen, nehme ich mir die Globalisierung vor. Ich schaue einen kanadischen Film von Richard Brouilette mit dem programmatischen Titel L’encerclement – La démocratie dans les rets du néoliberalisme ("Die Einkreisung – Die Demokratie in den Netzen des Neoliberalismus") und habe das Gefühl, in einer Vorlesung zu sitzen. Die "Einkreisung" besteht fast ausschließlich aus Interviews mit Protagonisten und Kritikern des Neoliberalismus. 160 Minuten lang Köpfe von Experten in Schwarz-Weiß. Nach einer Weile ertappe ich mich dabei, die Bücher, die hinter Noam Chomsky auf einem Tisch liegen, zu zählen (es sind 50), und male Kringel in mein Notizheft.
Wie angenehm ist es, sich danach den chinesischen Film Dr. Mas Country Clinic anzuschauen! Feng Cong hat zwei Jahre lang in einer kleinen Arztpraxis in der nordwestlichen Provinz Gasun gedreht, einer gottverlassenen Gegend. Ein einziger Raum ist zugleich Behandlungs- und Wartezimmer sowie Dorftreffpunkt. Bald fühle ich mich selbst heimisch in der Praxis. Der Arzt raucht ruhig, aber viel, während er seine Patienten berät. Die Männer haben Staublungen, weil sie so lange im inzwischen stillgelegten Kohlebergbau gearbeitet haben. Die meisten werden nicht älter als 50. Die Menschen in der Praxis scheinen die Kamera zu ignorieren. Einmal sagt jemand: "Es wäre toll, wenn das Filmen meine Schmerzen lindern könnte."
Ebenfalls in einer Arztpraxis spielt die 135-minütige japanische Dokumentation Mental von Soda Kazuhiro. Das mit viel Engagement und knappen Mitteln betriebene Selbsthilfeprojekt Chorale in Okayama ist Anlaufstelle für psychisch Kranke und seelisch Leidende. Man wird Zeuge der Gespräche, die der auf stille Weise charismatische Arzt mit seinen Patienten führt. Viele sind depressiv und erzählen von dem Wunsch, sich das Leben zu nehmen. Manche sind schizophren und berichten von Stimmen in ihrem Kopf. Der Film übt sich zurückhaltend in der Kunst der teilnehmenden Beobachtung. Irgendwann erzählt ein Patient, dass er oft den christlichen indonesischen Sender FEBC im Internet hört, um sich zu beruhigen. So mache ich das dann auch.
Der dritte Tag meines Vorabfestivals beginnt am Vormittag mit Raphaël Nadjaris A History of Israeli Cinema. 200 Minuten israelische Filmgeschichte im Kontext des Zeitgeschehens, notwendigerweise so anstrengend und interessant wie ein gutes Kompaktseminar an der Uni. Ich nehme mir vor, den einen oder anderen Film noch einmal anzuschauen, vor allem den düsteren Life According to AGFA von Assi Dayan.
Es ist elf Uhr abends, als ich den letzten Film meiner Privatberlinale gucke. Eigentlich bin ich müde. Es ist aber noch viel zu früh fürs Bett. Ich mache mir ein Bier auf, schiebe die DVD von Thomas Heises Material ein, lehne mich zurück – und bin nach wenigen Minuten hellwach. Der Film zieht mich in seinen Bann. Viel mehr oder anders, als es ein spannender Thriller tun würde, bei dem man sich selbst vergisst, um sich mit den Helden zu identifizieren. Das Gegenteil passiert. Die kommentarlosen Bilder, die Heise mit seinen Kollegen gefilmt hat, rufen Erinnerungen an den November 1989 wach, an die Wendezeit.
Eine beängstigende fünfminütige Straßenkampfszene steht neben Arbeitsgesprächen, die der Theaterregisseur Fritz Marquardt 1988 mit Kollegen während seiner Inszenierung von Heiner Müllers Germania Tod in Berlin geführt hat; es gibt Bilder der Großdemonstration Anfang November auf dem Alexanderplatz, man sieht die Basis der Einheitspartei einen Tag vor der Maueröffnung vor der SED-Zentrale demonstrieren. Wärter und Gefangenensprecher der Strafvollzugseinrichtung Brandenburg sagen im Dezember 1989 vor der Kamera, was ihnen wichtig erscheint. Erst nach einer Weile versteht man, was nicht nur ihre Reden so unbeholfen wirken lässt: Sie sprechen durchgehend Schriftdeutsch. Es gibt keine Untertitel, keinen Erzähler, der einem erklärt, wo was stattfindet. So entwickelt sich ein zweiter Film im Kopf.
Meine Privatberlinale ist zu Ende, und ich bin leicht wehmütig. Es war eine seltsame Erfahrung. Einerseits habe ich die Filme manchmal unterbrochen – das Telefon klingelte, ich machte mir ein Brot, die DVD musste gewechselt werden. Ich war also weniger konzentriert als im Kino. Andererseits habe ich manche Passagen häufiger angesehen, wie man einen Song öfter hört, um ihn besser zu verstehen.
1335 Minuten Film. Die Kollegen von der Filmauswahlkommission des Forums würden sich totlachen über meinen Marathon. Das gucken die an einem Tag weg, und das zwei Monate lang, erzählte mir mal der langjährige Forumsleiter Ulrich Gregor. Wirklich erschöpft fühle ich mich nicht. Es ist nur so, dass die Filme bei mir zu Hause und außerhalb des Festivals, wo sie von so vielen Geschwisterfilmen, Gesprächen, Texten und festlich gestimmten Zuschauern umgeben sind, ein bisschen allein vor sich hin monologisierten. Ich freue mich auf die wirkliche Berlinale.
- Datum 11.02.2009 - 11:04 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 05.02.2009 Nr. 07
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