Kultur Bedrohliches Gewummer
Kann Kunst politisch wirksam werden? Zwei Ausstellungen zu Sicherheitswahn und Klimawandel wagen den Versuch
Das Brummen erreicht nicht nur die Ohren, es wummert auch ganz tief in Bauch und Lunge, der ganze Körper vibriert, wird durchgerüttelt von dieser Maschine, die zum Modernsten gehört, was an Waffentechnik zu bekommen ist. Es ist eine Waffe ohne Lauf, sie schießt auch keine Kugeln oder Granaten ab, sondern Schallwellen, tiefer und stärker als jeder Ghettoblaster. Kann man mit Schallwellen töten? Das auch. Vor allem aber kann man Demonstranten oder feindliche Soldaten mit einem ordentlichen Bassbrummen in Schach halten.
Beim G-8-Gipfel in Heiligendamm hat Olaf Arndt die neue Superwaffe zum ersten Mal mit eigenen Augen gesehen. Sie war auf einem Hummer-Geländewagen der US-Armee montiert, der vor einem Hotel mit amerikanischen Gesandten parkte. Dort wurde die Waffe noch nicht benutzt, erst jetzt kommt sie zum Einsatz: in der Berliner Akademie der Künste. Die Boxen wummern hier zwar nicht annähernd so stark wie die militärischen Schallkanonen, und doch ist der Lärmangriff so abschreckend, wie Olaf Arndt sich das wünscht. Er ist Kurator, Künstler und seit fast zwanzig Jahren Mitglied der Künstlergruppe »Beobachter der Bediener von Maschinen«, die nun in der Akademie die Ausstellung Embedded Art organisiert hat, mit Werken von vierzig Künstlern zum Thema Sicherheit und Überwachung in Zeiten des Terrorkriegs. Die meisten Künstler sind einem größeren Publikum bisher unbekannt, was auch daran liegen mag, dass sie auf dem Kunstmarkt unsichtbar sind. Diese Künstler wollen keine dekorative Ware liefern, sie verstehen sich als radikale Aufklärer.
Nicht nur in Berlin, auch in Leverkusen verpflichtet sich die Kunst derzeit einem politischen Thema: Unter dem Titel Moralische Fantasien zeigt das pittoresk zwischen Chemiefabriken und eintönigen BRD-Wohnbauten gelegene Schlossmuseum Morsbroich von diesem Wochenende an Kunst zum Klimawandel. Beide Ausstellungen fragen nach der Rolle des Künstlers in politischen Krisenzeiten – und kommen zu ganz unterschiedlichen Antworten. In Berlin sind die Künstler Rechercheure und Aktivisten. In Leverkusen bleiben die Künstler Künstler. Die Ausstellung zum Klimawandel verlässt man recht beschwingt und gelassen. In Berlin hingegen lernt man das Gruseln.
Es gibt gratis frische Luft aus Sauerstoff-Flaschen
Und das liegt nicht nur an den einzelnen Exponaten von Embedded Art, an dem Kampfroboter Kynex etwa oder der Videospielsimulation, mit deren Hilfe man das von Foucault beschriebene panoptische Gefängnismodell von Jeremy Bentham besuchen kann. Es liegt auch an der Inszenierung der Ausstellung, die den Sicherheitswahn als groteskes Spektakel aufführt. Der Großteil der Kunstwerke ist in den sonst unzugänglichen Kellergeschossen des Akademie-Neubaus am Pariser Platz ausgestellt, und man darf sie nur unter der Aufsicht von mit Schutzwesten ausgerüsteten Führern besichtigen. Es sei denn, man observiert die Kunstwerke per Video von einem Kontrollraum im Erdgeschoss aus. Etwa jenes große Wandgemälde von Peter Kennard und Cat Picton Phillipps, das seinerseits einen gigantischen Control Room zeigt, einen Raum, in dem Aufpasser die Krisenherde der Welt auf Bildschirmen verfolgen. Solche auch war room genannten Kommandozentralen seien ein Signum unserer Zeit, erklärt Arndt, man findet sie heute auch in großen Firmen. Von dort aus versucht man die eigene Angst zu kontrollieren – und Furcht und Abschreckung in die feindlichen Reihen zu streuen.
Die Berliner Schau will zeigen, wie die Angst vor dem Terror – »Anschlag in Deutschland noch vor der Bundestagswahl?« – geschürt und instrumentalisiert wird, um neue Formen der Kontrolle und Überwachung durchzusetzen. Dabei macht die Ausstellung selbst Angst, nämlich davor, dass all die Zukunftstechniken, die hier zu sehen sind, schon bald in der Realität eingesetzt werden. Zum Beispiel der Taser, eine Kanone, die kleine elektrifizierte Harpunen verschießt und die Zielperson vor Schmerz gelähmt zu Boden gehen lässt. In der Ausstellung zeigt ein Video von Andrée Korpys und Markus Löffler den Selbstversuch rheinland-pfälzischer Polizisten mit diesem Taser – eine Orgie des Sadomasochismus. Die Polizisten beschießen sich gegenseitig, delektieren sich am Schmerz des anderen und filmen sich dabei noch.
Zu sehen ist auch ein Video über eine andere neuartige Schmerzmaschine, das in Amerika entwickelte Active Denial System: eine Mikrowellenkanone, die Schmerzrezeptoren unter der Haut so stark reizt, dass die Getroffenen einen sogenannten Vernichtungsschmerz spüren – ohne dabei sichtbare Verletzungen davonzutragen. Mit solch nichttödlichen Folterwaffen könnte man die iranische Armee außer Gefecht setzen, frohlocken die Wehrexperten. Allein die Verbreitung der Bilder dieser Unterdrückungstechniken reicht, um manche Bürger einzuschüchtern und für vorauseilenden Gehorsam zu sorgen. Ein wirksamer Mechanismus, der auch die kritische Ausstellung unfreiwillig zu einem Helfer der nach Kontrolle gierenden Systeme werden lässt. So kann man in der Akademie auf Besucher treffen, die sich von den Mikrowellenwaffen bereits getroffen fühlen. »Die werden hier längst eingesetzt«, sagt ein älterer Herr und reagiert unwirsch auf das ungläubige Lächeln seines Gegenübers. In Berlin, so scheint’s, ist die Apokalypse ganz nah.
In Leverkusen hingegen soll die Apokalypse erst noch herbeifantasiert werden. Angesichts des Klimawandels hat sich der Kurator Raimar Stange an das Diktum von Günther Anders erinnert, der 1956 mit Bezug auf die atomare Bedrohung von einer »Apokalypseblindheit des Menschen« sprach. Anders konstatierte damals eine »Unfähigkeit zur Angst« und forderte von den Künstlern die Ausbildung einer moralischen Fantasie, um sich das Ausmaß der drohenden Katastrophe überhaupt vorstellen zu können. Stange hat nun zwanzig Kunstwerke versammelt, die uns beim Fantasieren der Klimakatastrophe helfen sollen – und an diesem Anspruch gründlich scheitern.
Der Ausstellungsbesuch wird zur Fahrt mit der Geisterbahn
Dabei sind die gezeigten Arbeiten durchaus sehenswert, zum Beispiel der Film von Leopold Kessler, der bei einem Besuch in den wasserarmen Arabischen Emiraten eine Fontäne auf einer sandigen Straße installierte. Er zapfte dafür mit einem Schlauch kurzerhand den hoch gelegenen Pool seines Hotels an. Das natürliche Gefälle zwischen Poolterrasse und Straße sorgte für einen schönen, verschwenderischen Strahl. Gezeigt wird auch Gordon Matta-Clarks Performance von 1972 mit dem Fresh Air Cart: Der Künstler hatte Sauerstoffflaschen auf einen einfachen Wagen montiert und verteilte die frische Luft nun gratis an die Passanten der New Yorker Wall Street.
Doch so anregend diese Kunstwerke auch sind – es will sich bei ihrem Anblick kein Angstgefühl einstellen. Auch nicht bei den erhabenen Eisberg-Fotografien von Olafur Eliasson oder den T-Shirts von Rirkrit Tiravanija mit dem läppischen Spruch »Less oil, more courage«. In Berlin hingegen gleicht der Besuch im Untergrund der Akademie einer Fahrt mit der Geisterbahn. Einer Fahrt, die aus der Welt des Scheins in die bedrohliche Wirklichkeit führt und den Besucher sensibilisiert. Noch Tage später spürt man das Wummern.
»Embedded Art – Kunst im Namen der Sicherheit«, bis zum 22. März in der Akademie der Künste, Pariser Platz. Zu der Ausstellung erscheint im Verlag argobooks ein umfangreicher Aufsatzband. »Moralische Fantasien. Aktuelle Positionen zeitgenössischer Kunst in Zusammenhang mit der Klimaerwärmung« ist vom 7. Februar an bis zum 26. April im Museum Morsbroich in Leverkusen zu sehen. Der Katalog kostet 24 Euro
- Datum 07.02.2009 - 03:58 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 05.02.2009 Nr. 07
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