IM KINO Angst, die bleibt

Der Ausbruch war ein großes Abenteuer. Rückblickend kommt einem die Massenflucht der tollkühnen Ostdeutschen in ihren knatternden Kisten fast vor wie eine Urlaubsreise. Man musste nur laut genug das Zauberwort rufen: Wir-sind-das-Volk! Schon streckten die Türhüter ihre Waffen und tanzten sektselige Urlauber auf der Mauer. Die Bilder werden dieses Jahr viel zu sehen sein. Aber war es wirklich so? Ehe wir in kollektiven Mauerfalljubel ausbrechen, erinnert uns Stefan Weinerts stiller Dokumentarfilm Gesicht zur Wand daran, dass die Flucht aus einer Diktatur kein Spaß ist – und dass ein gescheiterter Fluchtversuch als Unglück fortwirken kann.

»Ich möchte mich vorstellen als Staatsverbrecher«, sagt die schöne Frau mit den traurigen Augen, die vor über dreißig Jahren aus der DDR in den Westen entkommen wollte, nun im vereinten Deutschland zu den Befreiten gehört, aber gefangen bleibt in dem ihr angetanen Leid. Catharina M. ist eine von 72000 ehemals inhaftierten Republikflüchtlingen und eines von fünf im Film porträtierten Opfern jener erlesenen Stasi-Verhörmethoden, die uns so fern, beinahe mittelalterlich erscheinen, aber den Dabeigewesenen so gegenwärtig sind. In ihr Gedächtnis, ihre Gesichter und ihre lakonische Art zu reden sind die Demütigungen eingegraben: nackt Kniebeugen machen zu müssen in der Untersuchungshaft oder durch Drohungen gegen die Eltern zum Verrat erpresst, mit Lügen über geliebte Menschen gequält, von schwerkriminellen Mithäftlingen im Auftrag der Vernehmer vergewaltigt zu werden. »Man war ausgeliefert«, sagt Andreas B. in einem untauglichen Versuch, seine damalige Ohnmacht in Worte zu fassen. »Ich habe mir einen Schutzpanzer umgelegt und heute noch keine Gefühle«, sagt der Rentner Lothar R. »Es ist wie ein Stein auf der Seele«, erklärt Anne K. Und der Frühinvalide Mario R. bestätigt: »Angst ist immer wieder da.«

Wie geht Weiterleben nach dem Ende einer Diktatur? Nicht im Triumph, nur in tapferer Resignation angesichts des schwerlich mitzuteilenden Schmerzes. Der Kölner Filmautor und Regisseur Stefan Weinert erzählt da weiter, wo der oscarprämierte Spielfilm Das Leben der Anderen abbricht. Er braucht keine aufwendigen Kulissen, nur Mut, seine Protagonisten ausreden zu lassen. Manchmal verstummen sie, und dann hört der Dokumentarist in die Stille hinein. Wie er die wiederkehrenden Motive des Ausgeliefertseins, der Wut und Scham feinfühlig zu einem Drama montiert, das ist die ganz hohe Schule der Geschichtsschreibung. Schade, dass sich in Deutschland drei Jahre lang kein Geldgeber für den Film fand. Kommenden Sonntag hat die Eigenproduktion (www.gesichtzurwand.de) an der Berliner Volksbühne Premiere. Danach wird man sehen, wie viele Kinos ihn zu zeigen wagen – ob die Deutschen diesmal fähig sind zu trauern oder ob sie sich für 1989 nur lauthals feiern wollen. Evelyn Finger

 
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