FORUM Immer wieder geht die Sonne auf
Die Wirtschaftskrise zwingt zu Veränderungen. Der nächste Aufschwung wird von Erfindungen für mehr Energieeffizienz getrieben sein
Fast täglich schütteln uns Anfälle von ökonomischem Pessimismus. Horrormeldungen drücken die Stimmung in den Keller. Doch bloße Schwarzmalerei ist fehl am Platz. Wichtig ist, die Krise richtig zu analysieren und die Chancen zu ihrer Überwindung zu erkennen.
Die Brisanz liegt darin, dass die Finanzkrise mit einer Abschwächung der technologischen Dynamik zusammenfällt: In den vergangenen Jahren sorgte vor allem die enorme Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnologien für Beschäftigung und Wohlstand. Zugleich entstehen mit dem Klimawandel und den schnell zur Neige gehenden Ressourcen neue Knappheiten. Wir erleben also nicht nur eine Wirtschaftskrise, sondern auch den schmerzlichen Übergang von einer Wirtschaftsperiode in eine neue, von ökologischen Herausforderungen geprägte. Einerseits zwingt die Krise zu Veränderungen, andererseits öffnet sich aber auch ein Gestaltungsfenster, das wir für eine grundlegende Modernisierung nutzen können. Nutzen müssen, damit aus der Krise kein Kollaps wird.
Wie wird ein neuer Aufschwung möglich? Gute Politik hat ihre Quelle in der Zukunft. Wir müssen begreifen, was unter der Oberfläche abläuft, was die Märkte und die Infrastruktur von morgen sind. Möglich wird das durch einen Blick auf die langen Wellen, mit denen Nikolai Kondratieff das langfristige Auf und Ab der wirtschaftlichen Entwicklung erklärte. In seiner Gedankenwelt entwickeln sich grundlegende Innovationen nicht zufällig. Wenn ein zentraler Produktionsfaktor, zum Beispiel der Transport, im Verhältnis zu anderen Produktionsmitteln knapp und teuer wird, stagniert die Wirtschaft. Erst große Erfindungen und die Verbesserung der Infrastruktur überwinden die Knappheit.
Wahrscheinlich wäre diese Theorie längst vergessen, hätte nicht der berühmte Ökonom Joseph Schumpeter die großen Wirtschaftszyklen nach Kondratieff benannt. Heute spricht alles dafür, dass der nächste Zyklus aus der übermäßigen Nutzung des Naturkapitals ausgeht, die immer stärker Wirtschaft und Gesellschaft belastet. Eine Effizienzrevolution bei Energie, Material und Rohstoffen rückt ins Zentrum von Innovationen und wird einen breiten Aufschwung auslösen. Deshalb legt der US-Präsident Barack Obama mit geplanten Ausgaben über 70 Milliarden US-Dollar einen Schwerpunkt auf die ökologischen Zukunftsmärkte.
Der globale Wettlauf um die Spitzenposition bei den modernen Umwelttechnologien hat begonnen. Was das bedeutet, zeigt die Geschichte des Industriezeitalters. Die erste lange Welle entstand mit der Erfindung der Dampfmaschine und brachte England, dessen Wirtschaft damals die produktivste der Welt war, einen gewaltigen Boom. Das Land steigerte seinen Anteil an der globalen Industrieproduktion auf über zehn Prozent. Dann aber fehlten ausreichende Transportmöglichkeiten. Die Folge waren Überkapazitäten und eine schwere Wirtschaftskrise, bis es zum Ausbau der Eisenbahn kam. Der dritte Kondratieff-Zyklus, geprägt von den Erfindungen im Bereich der Elektrizität und der Chemie, katapultierte Deutschland an die Spitze der Weltindustrieproduktion. Dafür standen AEG, Siemens oder die damaligen IG Farben.
Diese Stärke konnte unser Land in der vierten großen Innovationsperiode halten, dem Aufstieg zur automobilen Gesellschaft. In der fünften, bisher letzten Kondratieff-Welle, ausgelöst durch die Informations- und Kommunikationstechnologien, erlangten Japan durch eine staatliche Marktsteuerung und die USA durch massive Investitionen im Militärsektor die Spitzenposition. Dabei war es der Deutsche Konrad Zuse, der 1944 den ersten Computer entwickelt hatte.
Effizienztechniken und erneuerbare Energien werden nun den nächsten Kondratieff prägen. Bei dieser Megatechnik hat Deutschland eine führende Position, die nur gehalten werden kann, wenn die Anstrengungen massiv verstärkt werden. In dieser Hinsicht greift das Konjunkturprogramm deutlich zu kurz. Für die ökologische Modernisierung bietet es in Umfang und Tiefe zu wenig. Zudem darf die Effizienzrevolution nicht nur auf Energie abzielen, sondern muss alle Bereiche des Ressourcen- und Materialeinsatzes umfassen.
Daraus entsteht eine Dynamik, die einerseits die Umweltbelastungen reduziert und andererseits neue Märkte und Beschäftigung schafft. Das Potenzial ist groß. In der verarbeitenden Wirtschaft entfallen auf den Faktor Arbeit rund 22 Prozent der Kosten, auf die stoffliche Seite jedoch mehr als 40 Prozent. In den letzten drei Jahrzehnten stieg die Arbeitsproduktivität um rund 260 Prozent, die Produktivität beim Einsatz von Energie, Rohstoffen und Material jedoch um deutlich weniger als 100 Prozent.
Wie aber kann ein grünes Wirtschaftswunder finanziert werden? Eine Zukunftsanleihe könnte viel Geld in die ökologische Modernisierung lenken, ohne die öffentliche Verschuldung weiter in die Höhe zu treiben. Sie garantiert Anlegern für zehn Jahre einen sicheren Zinsertrag, der etwas höher als banküblich liegt. Die Differenz wird finanziert aus dem Abbau umweltschädlicher Subventionen und einer Abgabe von Kreditnehmern, deren Projekte überdurchschnittliche Renditen erzielen. Der neue Kondratieff-Zyklus eröffnet gerade unserem Land eine gute Perspektive. Nutzen wir die Chance.
- Datum 05.02.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 05.02.2009 Nr. 07
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