Frankreich Philosophen, was ist aus euch geworden?

Normalerweise sind die französischen Intellektuellen um keine starke These verlegen. Nun macht sie die große Krise ratlos

Karl Marx besucht zur Zeit ein Seminar an der Sorbonne. Zumindest sieht einer der Herren, die im Hörsaal Platz genommen haben, dem deutschen Ideologen frappierend ähnlich. Neben dem betagten Zausel hocken hübsche Studentinnen, man diskutiert über Entfremdung. "Aktualität des Marxismus" ist das Thema, doch es will kein Leben in die Sache kommen. Wer hierher kommt, um Antworten auf die Große Krise zu finden, hat sich in der Tür geirrt.

"Was ist aus euch geworden, ihr französischen Philosophen, die wir so geliebt haben?" – diese Frage zitiert Alain Badiou in seinem neuen Buch Second manifeste pour la philosophie . Man habe eben gearbeitet, antwortet er, und verweist auf sein erstes Manifest für die Philosophie (1989). Darin hatte er die platonische Position verteidigt, der zufolge sehr wohl objektive Wahrheiten existieren. Das Manifest richtete sich gegen eine umlaufende Postmoderne, deren Losung Marcel Gauchet, Chefredakteur der Zeitschrift Le Débat, kürzlich so beschrieb: "Bleibt in Bewegung! Zu verstehen gibt es hier nichts."

Nun aber das "Zweite Manifest" , ein Wechsel aus der Defensive in die Offensive; nach der Möglichkeit des Wahren wird diesmal der Begriff des Richtigen untersucht: "Leben heißt, so zu handeln, dass es keinen Unterschied mehr zwischen dem Leben und der Idee gibt." Spätestens an dieser Stelle muss man hinzufügen, dass Badiou Kommunist ist. Freilich keiner vom Planeten der kommunistischen Partei PCF oder deren trotzkistischer Parallelwelt. Badiou versteht unter Kommunismus die Bewegung der Marginalisierten, beispielsweise der Migranten aus Afrika. Die Verlaufsform einer Solidarität, fernab des Staates und seiner Parlamente oder Parteien. Bis dass eine herrschaftslose Gesellschaft entstehe, in der die Menschen nicht mehr der Arbeitsteilung unterworfen seien. Das ist Badious Antwort auf die Krise. Oder die Verweigerung seiner Antwort, wie man’s nimmt.

Der heute 72-Jährige war einmal Maoist. Der Maoismus ist verschwunden, aber auf Gnade darf Badiou nicht hoffen. Solange er noch vom "Kapitalparlamentarismus" zu sprechen wagt, bleibt er das Hassobjekt intellektueller Aufpasser wie Bernard-Henri Levy ("BHL"), die im politischen System Frankreichs bestens verankert sind.

Wenn der Promi und der Kommi aufeinander einhacken, geht es Aug’ um Aug’. "Warum sie sich hassen", titelte der Nouvel Observateur vor zwei Wochen und präsentierte außer den beiden Kampfhähnen noch einige andere Paarungen; zur gleichen Zeit fragte das Magazin l’Express "Wer hasst wen?" und reihte ebenfalls Zänkereien auf. Beide Wochenblätter reagierten damit auf ein neues Buch von Anne Boquel und Étienne Kern, Une histoire des haines d’écrivains, eine Geschichte des Hasses unter Schriftstellern, das eine ganz andere Reaktion verdient hätte, nämlich die Frage: Warum gibt es keinen großen, ernsthaften Richtungsstreit mehr? Wie einst Sartre gegen Raymond Aron?

Zwei Antworten sind möglich. Entweder ist es noch zu früh, und der Geist braucht Zeit für eine Reaktion auf die große Krise. Kann schon sein, wie soll man das vorher wissen? Oder aber die aufs Ganze gehenden Denker sind ausnahmsweise einmal nicht zuständig, und es hat die Stunde der Experten geschlagen. In Zeitschriften wie Commentaire, Le Débat oder l’Ésprit füllen Wirtschaftswissenschaftler die Seiten. Vorbei die Zeit, als Frankreichs Intellektuelle sorgenfrei stritten, ob alles nur Text oder alles nur Physik sei oder vielleicht doch Gott. Heute heißt es: Alles ist Geld.

Das ist vor allem dann wahr, wenn man es nicht hat. In Frankreichs vergangener Dekade ging ausgerechnet die égalité zu Bruch und damit jenes Ideal, das allen Umfragen zufolge höher geschätzt wird als liberté oder fraternité. Fehlte nur noch jemand, der diesen Befund ohne Beschönigungen ausspricht. Es gibt ihn, er heißt François Ruffin und hat vor wenigen Wochen ein freches Buch mit dem Titel La Guerre des classes veröffentlicht. Ruffin gehört zu einer ganzen Riege junger Intellektueller, die zwar nicht die akademischen Insignien der Großdenker französischen Geistes tragen, sondern bloß normale Journalisten oder Lehrer sind, die aber die Dinge zu Ende denken und beim Namen nennen.

Ein netter Mann, der seine Beobachtungen zum Kampf der Klassen mit Humor vorträgt und dem man abnehmen darf, dass er keine Diktatur des Proletariats erleben möchte. Er wünscht sich einfach nur, dass die Linksintellektuellen des Landes die soziale Wirklichkeit wieder zur Kenntnis nähmen. BHL zum Beispiel, der 2007 ein Buch über die Linke verfasst hat, das von prominenten Sozialisten wie Jack Lang oder Pierre Moscovici hoch gelobt wurde – "und das weder der Arbeit noch der Einkommensverteilung auch nur eine Seite widmet", spottet Ruffin. Überdies sollte man eine herrschende Klasse der Einfachheit halber auch "herrschende Klasse" nennen. Die riskiere allmählich ihre Legitimation und brächte die Mittelschichten gegen sich auf. "Vor allem aber", sagt Ruffin, "glaubt sie nicht mehr an ihre eigene Logik. Nicht mehr an das Funktionieren der Märkte und ebenso wenig an ihre Lösungen, ob für den Hunger in der Welt oder für die Klimakatastrophe."

Zynismus der Macht. Er drückt sich für den Soziologen Luc Boltanski in einer neuen Art des Regierens aus. Sie bestehe darin, schreibt der ehemalige Schüler von Pierre Bourdieu in seinem Buch Rendre la réalité innaceptable (So machen wir die Realität inakzeptabel, 2008), jede Regel für veränderlich zu halten, und zwar in Abhängigkeit vom Kräfteverhältnis. Könnte diese Beliebigkeit ein Ätzgift sein, das Institutionen zerfrisst? Dann hätte Sarkozys Reformpropaganda gegen den "Immobilismus" ihre dunkle Seite. Das Regierungssystem Frankreichs mutiert unter der Hand seines Großreformators. Gegengewichte, Zwischenglieder – alles wird geschwächt, was sich in das Verhältnis des direkt gewählten Staatschefs zu seinem Volk einmischen könnte. Pessimisten wie der Sozialwissenschaftler Emmanuel Todd sprechen vom beginnenden "Ende der Demokratie". Andere fürchten einen fortschreitenden Zerfall der Bindungskräfte in Frankreich.

Seit zwei Jahrzehnten belegen Umfragen, dass Franzosen ihren Mitbürgern, der öffentlichen Gewalt und den Märkten weniger vertrauen als andere Europäer. Doch um sich aus der Krise herauszuwinden, müsste gerade Vertrauen aufgebaut werden. Anderenfalls könnte gänzlich Unvorhersehbares geschehen, eine Vorstellung, die seit Herbst 2008 in Paris diskutiert wird. Auf einmal werden Philosophen wie Pierre Caye konsultiert; in seinem unlängst erschienenen Buch Moral und Chaos (La nuit surveillée, 2008) sucht er nach festem Grund in einer Welt, in der Stabilität und Vorhersagbarkeit nur Ausnahmefälle sind. Ausgerechnet in der menschlichen Mangelhaftigkeit angesichts einer sich schwindelnd verändernden Welt sucht der Neostoiker Caye die Lösung: in unserer Unfähigkeit mitzuhalten. Immobilismus als Widerstand.

Viel mehr ist von Caye leider nicht zu erfahren, ein zweiter Band seiner Studie soll folgen. Aber da gibt es ja noch jemanden, der sich seit Jahren mit dem Handeln unter chaotischen, also Normalbedingungen auseinandersetzt: der Philosoph Edgar Morin. Ihm zufolge geraten moderne Gesellschaften unvorhersagbar in Zonen der Unordnung und des Entstehens neuer Ordnungen. Phasenübergänge, die wir nicht einleiten, verhindern oder steuern, sondern bestenfalls beeinflussen können. Alles ist möglich. Morin hat es erlebt; er verfasste im Jahr 1947, als 26-jähriger Mitarbeiter der französischen Besatzungsmacht, sein Buch Deutschlands Jahr Null , in dem er ein vollkommen anderes Land skizzierte als das, was er vorfand: blühend, demokratisch, wohlhabend. Um den Komplexitätstheoretiker war es in den vergangenen Jahren still geworden, seine Vorsichtsphilosophie passte schlecht zu den Reformversprechen von rechts bis links. Doch jetzt ist er wieder da, gibt Interviews und wird zu Symposien geladen. Ein Mann der Hoffnung, nicht der heroischen Entwürfe.

Denn dies ist keine Heldenzeit. Auch wenn die Gewerkschaft CGT am vergangenen Donnerstag, dem Tag des großen Streiks in Frankreich, die Losung ausgegeben hatte: "Sie sind die Krise, wir sind die Lösung". Am Wegesrand der Demos prangten Werbeplakate der Zeitschrift Philosophie. Sie zeigten eine goldene Faust, vielleicht war es auch bloß Kupfer, und darunter stand zu lesen: "Wie kann man Antikapitalist sein?" Ein ratloses Heft. Frankreichs Intellektuelle geben keine bündige Antwort. Vielleicht sollten wir hoffen, dass sie eine bessere Frage erfinden.

 
Leser-Kommentare
  1. Um den letzten Gedanken dieses Beitrags zu ergänzen:
    Oder die Realität ist so hart, die Lage so trostlos, dass keiner dies auszusprechen wagt bzw. keiner dies tun will - weil es so ja noch schwerer werde könnte. Man wartet (a la auf Godot) und hofft lieber, dass vielleicht doch irgendwoher irgendjemand kommt, und begründeten Optimismus verbreiten - oder wenigstens den Pessismus entkräften kann.

  2. sich das Grundthema der Philosophie geändert hat? Von Wahrheitssuche zu Suche nach Wahrheit?

    Die Suche nach Wahrheit würde uns mit grosser Wahrscheinlichkeit zum Thema der fehlenden Wertschätzung in unserer Gesellschaft führen.

    In meiner Idee der Wertschätzungsgesellschaft Sikantis liegt die Wahrheit auf der Hand: Wertschätzung als Grundlage statt Hierarchie der Werte.

    • lef
    • 06.02.2009 um 22:36 Uhr

    und es istr aus diesem Artikel, dieser Aufzählung von anachronistischen und völlig neuen Denkansätzen tatsächlich nur herauslesbar, wenn der Leser diese völlig neue Denkrichtung schon begriffen hat.

    Das neue Stichwort heißt: "Emergente Ordnung",
    und es erklärt tatsächlich, was in den bereits entgrenzten Gesellschaften (multikulturelle Industriestaaten) geschehen ist.

    Veränderung geschieht eben NICHT stringend, sondern völlig unvorhersehbar.
    Der "Verstand" KÖNNTE in der Lage sein, emergente Veränderungen NACHTRÄGLICH zu analysieren, aber für die ZUKUNFT ist er völlig fehl (kann höchstens die Wahrscheinlichkeit der Vermutung leicht erhöhen).

    Nur ein kleiner Textauszug aus dem Artikel:
    "Anderenfalls könnte gänzlich Unvorhersehbares geschehen, eine Vorstellung, die seit Herbst 2008 in Paris diskutiert wird. Auf einmal werden Philosophen wie Pierre Caye konsultiert; in seinem unlängst erschienenen Buch Moral und Chaos (La nuit surveillée, 2008) sucht er nach festem Grund in einer Welt, in der Stabilität und Vorhersagbarkeit nur Ausnahmefälle sind."


    DAS IST ES!

    Leider ist
    - Emergente Veränderung besonders für "Wissen"schaftler extrem schwer zu begreifen
    - ist Emergente Ordnung so neu (3 -40 Jahre), dass die Denker, die sie beschreiben gegenüber der reinen Masse an anachronistischen "klassischen" Philosophien immer noch erdrückend im Nachteil sind,
    - beruht funktionierende Emergente Ordnung auf artfremden Elementen - auf Empathie, Individualität, eventuell sogar auf Autopoiese (lt. Maturana(),
    alles Begriffe, mit den klassische Philosophen sein Platon ganz sicher NICHTS zu tun haben wollen und sich geradezu fanatisch dagegen wehren.

    So wird es wohl noch etwas dauern, bis die Platonisten endlich in der Mottenkiste gelandet sind,
    die Welt haben sie nie erklärt, im Gegenteil: sie haben immensen Schaden produziert (inkl. aller Kriege)

    Und auch die "Zwischenphilosophen" wie Nietzsche, Schopenhauer ff werden da landen - zwar haben die kräftig und zuweilen durchaus erfolgreich im Nebel ihrer Zeit gestochert,
    aber das Wirkliche haben auch sie nicht gesehen.
    Um die könnte es der Neuzeit sogar Leid tun, Mühe genug haben sie sich gegeben, nur der Nebel war wirklich zu dicht damals..

  3. Ein wunderbarer Artikel, sehr geschätzter Herr von Randow. Die Ratlosigkeit allerorten in diesen Krisenzeiten ist tatsächlich frappierend. Wenn der Intellektuelle aber schon mit dem Ziel antritt, die Realität inakzeptabel machen zu wollen, so muss er sich später nicht wundern, wenn er ratlos vor der Wüste des Realen steht, die er nicht mehr zu übersehen vermag. Konstruktives Denken scheint ein Auslaufmodell zu sein.

  4. kann man auch sagen. Auch ist es für die Philosophen, gerade für linke, ja auch sehr schwer bis fast unmöglich, einer Weltuntergangs-Philosophie a la Jesus zuzustimmen bzw. diese auszuarbeiten, wo man (sich bzw. uns) bisher im eigenen Lager ja genau das Gegenteil bewiesen - bzw. prophezeit - hatte... In solch einer Frage sich nun geirrt zu haben - da will man sich halt nicht nochmal irren. Da hatte sich seinerzeit ja schon mal dieser Jesus geirrt, im Zeithorizont (vor allem allerdings ja wohl) nur.
    Nochmal: Die zentrale Religionsaussage wissenschaftlich bestätigen - das kann ja wohl nicht die Hauptaufgabe der modernen Philosophie sein - wir sind doch viel klüger und wären so doch wohl keine Philosophen mehr - bzw. würde man so die Religion wieder als eine antike Form der Philosophie ansehen müssen...

  5. Vielleichtkönnen sich die französischen Philosophen an Jürgen Habermas orientieren ? :

    Internationale Weltordnung
    Nach dem Bankrott
    © DIE ZEIT, 06.11.2008 Nr. 46

    Der Privatisierungswahn ist an sein Ende gekommen. Nicht der Markt, sondern die Politik ist für das Gemeinwohl zuständig: Ein Gespräch mit dem Philosophen Jürgen Habermas

    http://www.zeit.de/2008/4...

    • LH
    • 07.02.2009 um 0:26 Uhr

    Vielleicht ist auch schon alles dazu gesagt? Vor Jahren schon. Wer sich die Mühe gemacht hat, Kapitalismus und Geld zu verstehen, der kann ja heute kaum überrascht sein. Der Kenntnisstand ist wie immer ein freiwilliger..

    • Laird
    • 07.02.2009 um 2:53 Uhr

    In der Ideenwelt unserer ökonomisierten Gesellschaft hatte es m.E. keinen Platz mehr für einen Wahrheitsbegriff gegeben. Wenn "alles möglich" erscheint, wo gibt es dann noch einen Bezugspunkt für "wahr" oder "falsch"? Im wesentlichen wurde doch nur noch diskutiert, ob eine Anschauung "erfolgreich" bzw. "nützlich" war.

    So weit ich die "moderne Philosopie" der letzten Jahre mitverfolgt habe, erschien sie mir lediglich als elaborierte Rechtfertigungsstrategie des hedonistischen Mainstreams. Das Infragestellen jeglicher Gewissheit führte zu einer Postulierung einer dem Ego untergeordneten Beliebigkeit von Wahrheit. Allerdings kann man aus einer solchen Anschauung keine Formulierung ableiten, wie eine Kultur, eine Gesellschaft oder Handeln allgemein sein sollte. Eine solche Anschauung ist in meinen Augen impotent und orientierungsvernichtend.

    Diese Anschauung repräsentiert sich im "Liberalismus", der sowohl von den fälschlicherweise "wertkonservativen" genannten Propagandisten eines neoliberalen Kapitalismus, als auch in den Ansätzen der antiautoritären Alt-68er angeführt wird. Beides sind Ausprägungen eines ins Absurde gesteigerten Epikuräertums. Vor der Befriedigung meistens vegetativer Neigungen des eigenen Egos relativieren sich alle Fragen nach einer Wahrheit außerhalb des "Ich".

    Aber die Herausforderungen der Zeit zeigen uns überdeutlich, dass wir bitter ethischen Orientierungsrahmen bedürfen, die keinem hedonistischen Zweck unterworfen sind, sondern für sich gelten und allgemein als für sich geltend angenommen werden.

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