Ein bisschen absurd ist es schon, von Berlin nach Stockholm zu fliegen, um den mexikanischen Schauspieler Gael García Bernal zu treffen, direkt vom Flugplatz zur Premierenfeier seines neuen Films Mammut zu eilen und dann am Ingmar-Bergman-Platz anzukommen, in einer Disco, die aussieht wie eine nordische Variante des Nachtklubs aus Ein Käfig voller Narren.

Noch absurder ist, wenn man sich in diesem Club zwischen thailändischem Buffet, schwedischen Kinofunktionärinnen und biertrinkenden Männern, die alle ein wenig an den Vater von Michel aus Lönneberga erinnern, mit einer beschwipsten Produktionsassistentin unterhält, die plötzlich kichert und sagt: "Sprechen Sie Gael unbedingt auf die Würmer an!" Sie warnt sogar vor Kontakt: "Wegen dieser Viecher würde ich ihm lieber nicht die Hand geben."

Gael García Bernal steht in einer Ecke des Clubs, schüttelt vielen Menschen die Hand und lächelt dabei so vorbehaltlos, als habe er einst mit allen im Sandkasten gespielt. Mit seinen Eckzähnen, die beim Lachen freiliegen, sieht er ein bisschen aus wie der mexikanische Bruder des Kleinen Vampirs. Was haben sich die Zeitungen nicht alles zu diesem Jungstar einfallen lassen: "Sex Mex", "lateinamerikanischer James Dean", "explosive Kreuzung aus Marlon Brando und Chilisoße", "Mexikos schärfster Exportartikel seit der Margarita". Die Etiketten sind nicht mal ganz falsch, und trotzdem ist Bernal viel mehr als das Sexsymbol, zu dem er immer wieder gemacht wird.

Seit acht Jahren erlebt das mexikanische Kino einen Boom, mit Regisseuren wie Guillermo del Toro (Pans Labyrinth), Alejandro Gonzáles Iñárritu (Amores Perros, Babel) und Alfonso Cuarón (Y tu mamá también). Gael García Bernal gab diesem Boom ein Gesicht. Er brachte eine neue mexicanidad ins internationale Autorenkino, egal ob seine Filme in Mexiko spielen oder nicht. In seinen Rollen verbindet sich romantische Sehnsucht mit der bodenlosen Wut des Underdogs, Verzweiflung mit hilflosem Aufbegehren. Immer wieder begibt er sich auf Initiationsreisen, und immer wieder möchte man ihn vor etwas bewahren – vor dem Ausrasten, vor fatalen Fehltritten und manchmal einfach vor dem Erwachsenwerden.

In Alejandro Gonzáles Iñárritus Regiedebüt Amores Perros ist er der Kampfhundbesitzer Octavio, ein gescheiterter, im tiefsten Inneren ängstlicher Junge, der sich als Macho aufbläst. Um seiner armseligen Existenz zu entkommen, verführt er seine Schwägerin und lässt seinen Bruder halb totschlagen. Auch in Iñárritus über Grenzen und Kontinente springendem Episodenfilm Babel spielt Bernal einen Mexikaner, der im falschen Moment und mit falschen Mitteln den Ausbruch versucht. Dass hier irgendetwas nicht gut gehen kann, ahnt man schon, wenn er bei einer Dorfhochzeit betrunken in die Luft schießt. Später wird er bei einer Kontrolle an der mexikanisch-amerikanischen Grenze ausrasten und auf einer Amokfahrt in die Wüste rasen. In der Reise des jungen Che lastet gar das Schicksal Lateinamerikas auf Bernals schmalen Schultern – und auf dem jugendlichen Aufbruch des Revolutionärs bereits die Unausweichlichkeit des bekannten Endes.

An diesem Abend in Stockholm wirkt Bernal einfach wie ein ausgelassener Junge, noch knapp unter der Altersfreigabe so mancher Filme, mit denen er berühmt wurde. Seine Augen sind klein und gerötet, weil er vom Sundance-Festival in Utah direkt nach Stockholm geflogen ist. "Nur noch ein Bier!", sagt er fröhlich, als wir einander vorgestellt werden, und dass man nicht zu spät ins Hotel gehen solle, "wegen unseres tollen Interviews morgen früh".

Am nächsten Morgen um neun, in einer Suite über den Dächern Stockholms, ist Gael García Bernal so auskunftsfroh und aufgekratzt, dass die Frage nach den ominösen Würmern der normalste Gesprächsbeginn der Welt scheint. Es seien Fußwürmer gewesen, sagt Bernal. Während der Dreharbeiten zu Lukas Moodyssons Berlinale-Wettbewerbsfilm Mammut in Thailand habe er eines Tages ein schreckliches Jucken unter den Fußsohlen verspürt. "Die Adern wurden immer dicker und bewegten sich. Ich habe ein Medikament bekommen, aber wenn man diese Würmer nicht behandelt, leben sie wochenlang in dir drin. Schrecklich." Heute sehe er den "Angriff der Fußwürmer" aber entspannt, sagt Bernal. Vielleicht sei die Erfahrung auch eine Art Metapher für seine Filmfigur Leo, der zunächst Angst habe, mit Thailand in Kontakt zu treten. "Aber dann wird er doch von dem Land erwischt."