Einschlafen oder weinen
Im Fernsehen die Toten aus Gaza. Am Telefon eine Werberin für Männer TV. Mein ganz normaler Alltag in Zeiten des Krieges
Meine Therapeutin sagt, ich soll mein Leben in die Hand nehmen. Ich war erst dreimal bei ihr, aber sie schimpft mit mir, als würden wir uns seit Ewigkeiten kennen. Gegen Ende der Sitzung fragt sie, wie meine Abende so aussehen. Gute Frage. Ich versuche, ihr einen typischen zu beschreiben. »Wenn mein Sohn im Bett liegt, sehen meine Frau und ich fern. Seit Beginn der Kämpfe in Gaza meistens Nachrichtensendungen. Ich zappe durch sämtliche Nachrichtenkanäle, nach einer halben Stunde hält meine Frau es nicht mehr aus und verzieht sich mit einem Buch. Ich verfolge die Nachrichten, und irgendwann schlafe ich vor dem Fernseher ein oder fange an zu weinen. Je nachdem, wie viele Tote es an dem Tag gegeben hat.« – »Haben Sie irgendwelche anderen Möglichkeiten, abzuschalten, außer vor dem Fernseher einzudösen oder zu weinen?«, fragt die Therapeutin. »Ich spiele mit meinem dreijährigen Sohn«, antworte ich sofort. »Das macht mir viel Freude.« – »Und was spielen Sie so?« – »Ich liege im Kinderzimmer auf dem Boden. Mein Sohn steht auf seinem Bett und wirft mit Gegenständen nach mir. Weiche Sachen meistens, Kissen und so, aber manchmal überrascht er mich mit einer Spielzeuglokomotive oder einer Taschenlampe, dann breche ich ab und schimpfe mit ihm. Eine Spielzeuglokomotive an den Kopf geworfen zu kriegen, das tut echt weh.« Die Therapeutin sagt nichts, nickt nur mit dem Kopf. Mir scheint, dass sie nicht sonderlich zufrieden ist.
Mein Agent sagt, ich soll endlich wieder etwas schreiben, am besten einen Roman. Wenn irgend möglich, eine Liebesgeschichte, in der es am Rande um den wachsenden islamischen Fundamentalismus geht. »Sieben Jahre sind seit deinem letzten Buch vergangen«, sagt er. »Viele Autoren werfen alle zwei Jahre ein Buch auf den Markt. Die fauleren alle drei Jahre. Aber sieben Jahre? Was zum Teufel machst du eigentlich die ganze Zeit?« – »Ich schaue Fernsehnachrichten. Ich spiele mit meinem Sohn.« – »Das ist keine Entschuldigung«, sagt mein Agent. »Lass das Fernsehen sein und besorg dir einen Babysitter. Schreib endlich, setz dich hin und schreib! Schreib!« – »Auf das Fernsehen kann ich nicht verzichten«, entgegne ich. »Es ist Krieg, ich muss mich informieren. Und Babysitter kommen nicht infrage, kannst du vergessen. Mein Sohn wirft mit Gegenständen. Das mögen die nicht…« – »Ich hab genug von deinen erbärmlichen Ausreden«, fällt er mir ins Wort. »Komm raus aus deinem Schneckenhaus. Ich will, dass du schreibst. Ich bin ein Agent für Schriftsteller, nicht für Ausredenerfinder.«
Die Telefonwerberin sagt, ich soll Ego Channel abonnieren, einen Kabelsender nur für Männer. Sie erwischt mich gerade, als ich im Begriff bin, meinen Sohn abzuholen. »Danke nein«, sage ich und öffne das Eisentor zum Kindergarten. Sie hat eine sympathische, verletzliche Stimme. Mir ist es unangenehm, ihr Angebot auszuschlagen. »Aber Sie wissen doch gar nicht, was für super Programme dieser Sender bringt«, fährt sie beharrlich fort. »Formel-1-Rennen!« – »Nein, nein«, sage ich, um das Gespräch zu beenden. »Thaiboxen!« Sie lässt nicht locker. »Ähm, ich hab jetzt eine Besprechung«, lüge ich, »tut mir leid, ich muss aufhören.« – »Pornos…?« sagt sie, fast flehend. Vermutlich ist auch sie enttäuscht von mir.
Mein Sohn findet, ich sollte noch ein Kind haben. »Ich verrat dir ein Geheimnis, Papa«, flüstert er mir auf dem Nachhauseweg zu. »In Mamas dickem Bauch ist ein Baby.« – »Nein, Lev«, sage ich, »in Mamas dickem Bauch sind ganz viele Pizzas und Sushis und Eis, aber kein Baby.« Er fängt an zu weinen. »Ich will aber, dass Papa mir ein Baby schenkt. Ethan hat auch eins. Bitte, bitte, bitte!« – »Wozu brauchst du ein Baby? Alle Babys schreien und machen Aa in die Windel.« – »Schreien find ich gut«, sagt er, »Aa machen auch.« – »Was hältst du davon«, schlage ich ihm vor, »wenn wir nach Hause fahren, und Papa legt sich auf den Teppich, und wir spielen ›Sachenwerfen‹?«
Abends kommt im Fernsehen ein Bericht über einen Arzt aus Gaza, der seine drei Töchter verloren hat. Ich weine wieder. Meine Frau liest nebenan ein Buch über Iyengar-Yoga. Meine Frau hat ihr Yoga, das macht ausgeglichen und beweglich. Ich habe meine Nachrichtensendungen, die ungefähr so beruhigend sind wie das Trinken von Kerosin. Wenn ich auf meinen Agenten gehört hätte, würde ich jetzt ein Buch schreiben, am besten einen Roman. Wenn ich auf das Angebot der Telefonwerberin eingegangen wäre, würde ich jetzt Thaiboxen gucken. Wenn es nach meinem Sohn ginge, würde ich jetzt im Bett liegen und versuchen, ihm einen Bruder zu machen. Pustekuchen. Zwei arabische Parteien wurden für undemokratisch erklärt und von den bevorstehenden Wahlen ausgeschlossen; ein Mann hat seine Frau mit einem Hammer erschlagen und ist anschließend aus dem Fenster ihrer Wohnung im vierten Stock gesprungen; trotz Waffenruhe wurden mehrere Schusswechsel gemeldet. Ich spüre, wie mir die Augen zufallen.
Aus dem Englischen von Matthias Fienbork
- Datum 05.02.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 05.02.2009 Nr. 07
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