Israel Die Zeit der Krieger
Israel wählt, und der Gaza-Konflikt scheint vor allem einem zu nutzen: Dem Hardliner Benjamin Netanjahu

© Gali Tibbon/AFP/Getty Images
Der alte Premier - und der neue? Benjamin Netanyahu (Mitte) auf Wahlkampftour in Ostjerusalem
Herzlia, Israel
- Im Osten tatsächlich nichts Neues? Doch – zum Beispiel dieser Fatah-Sprecher in Ramallah, der die Israelis gerade beschimpft hat, einen »großen Fehler« in Gaza begangen zu haben. Warum? Weil sie zu früh aufgehört hätten! »Hamas ist noch immer an der Macht, was übel für uns alle ist.«
Vor vier Wochen hatte der ägyptische Präsident Hosni Mubarak die gleiche Devise ausgegeben: »Hamas darf nicht als Sieger aus dieser Konfrontation hervorgehen.« Zitieren wir als Dritten den Chefredakteur der Kairoer Regierungszeitung
Al Gumhurija,
der kurz vor dem israelischen Angriff eine Artikelserie unter dem Titel »Hamas–Damaskus–Iran«: Die neue Achse des Bösen« veröffentlicht hatte. Diese wollten »die gesamte Region in Brand setzen und so viele palästinensische Märtyrer wie möglich sterben lassen, um so die Hilflosigkeit Ägyptens, Saudi-Arabiens und der moderaten Achse zu demonstrieren«.
Das ist das Neue, das trotz Gaza-Krieg nicht weichen will. In Damaskus gibt das Regierungsorgan Tischrin indirekt zu, dass der Kollege in Kairo richtigliege. Die Araber seien tatsächlich gespalten: Sie »streiten sich nicht mehr über Methoden, sondern ums Fundamentale«. Die alten Antworten auf die arabische Gretchenfrage »Wie haltet ihr es mit Israel?« hat sich in einer Weise verändert, die vor zehn Jahren noch als zynischer Witz abgetan worden wäre.
Der gemeinsame Feind der »moderaten Achse« heißt Teheran, das alte Persien im Schia-Gewande, das mit seinem Griff zur Bombe auch die Vorherrschaft erobern will. Brückenköpfe am Mittelmeer sind Hamas in Gaza und Hisbollah im Libanon. Dagegen verblasst der ältere Erzfeind. Der könnte gar zum richtigen Verbündeten werden, wenn…
»Wenn«, das war, das ist der Krieg in Gaza. Taktisch hat Israel auf diesem Schlachtfeld brilliert – ganz anders als im Juli-Krieg gegen Hisbollah 2006. »Wir haben alle Glaubenssätze von Hamas über den Haufen geworfen«, erklärt Tsachi Hanegbi, der Chef des Außenpolitischen Ausschusses in der Knesset. »Die haben nicht geglaubt, dass wir so massiv auf ihre Raketen reagieren würden. Sie wähnten, dass wir Angst vor dem Guerillakampf in den Städten hätten, dass sie uns mit primitiven Waffen einen gewaltigen Blutzoll abfordern, in unserem Rücken die Dritte Intifada entfachen könnten.« Tatsächlich sind nur zehn israelische Soldaten gefallen.
»Eine von mir geführte Regierung wird Hamas in Gaza stürzen«
Die Taktik war brillant, die Strategie war es weniger, wenn man die größere nahöstliche Schablone über den Gaza-Streifen legt – sozusagen von Haifa nach Herat. Gewiss wurden die israelischen F-16 und Merkava-Panzer von den guten Wünschen der arabischen Regime, aber nicht der berüchtigten »arabischen Straße« begleitet, deren Stimme rund um die Uhr von al-Dschasira mit suggestiven Bildern und aufhetzenden Kommentaren verstärkt wird. Das Problem drückt ein Generalstabsoffizier so aus: »Es ist nicht unsere Schuld, dass Hamas uns aus Moscheen, Krankenhäusern und UN-Einrichtungen beschossen hat.« Nein, es ist nicht Israels Schuld, sondern gewollte Hamas-Strategie, Zivilisten als Geiseln und Schutzschild zu nutzen. Entweder der Feind traut sich nicht, und wenn doch, verliert er auch – vor dem Tribunal der öffentlichen Meinung, der es herzlich egal ist, ob die Israelis mit 250000 Telefonanrufen Zivilisten vor einem bevorstehenden Angriff gewarnt hatten.
Dennoch. Zwei Wochen nach Kriegsende sinniert der Ex-Generalstabschef Mosche »Bogie« Ya’alon abstrakt, aber doch apropos über das Verhältnis von Strategie und Taktik. »Auch viele taktische Triumphe summieren sich nicht unbedingt zum strategischen Sieg.« Unter diesem Aspekt war der Krieg entweder zu kurz oder zu lang. Zu kurz, weil der Raketen- und Mörserbeschuss weitergeht: mit 14 Einschlägen am Sonntag und einer weiter reichenden Grad-Rakete, die am Dienstag in der Hafenstadt Aschkelon explodiert ist. Nach dem Krieg ist vor der Wahl. Die Grad nutzte der Kandidat der Rechten, Benjamin »Bibi« Netanjahu, zum grimmigen Gelübde: »Eine von mir geführte Regierung wird das Hamas-Regime in Gaza stürzen und den Raketenbeschuss beenden.«
- Datum 11.08.2009 - 13:42 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 05.02.2009 Nr. 07
- Kommentare 2
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





Da beschreibt er "die Hilflosigkeit Ägyptens, Saudi-Arabiens und der moderaten Achse" -- als ob es sich bei diesen Staaten nicht um Despotien vergleichbar der Afghanistans oder Pakistans handelte, mit Diktatoren, die sich ohne US-gedeckten Staatsterror keinen Monat länger an der Macht hielten!
Der letzte Qualitätsjournalist Peter Scholl Latour mokiert sich in verlinkten Interview über die Saudis, die zur Bekämpfung eines inländischen Aufstandes französische Polizei einfliegen lassen mußten. Übrigens hält er auch nicht die Schiiten von Hamas und Iran für die gefährlichsten moslemischen Fanatiker, sondern die mit saudischen Ölmilliarden gesponserten Wahabiten -- Osama und 9-11 lassen grüßen...
Peter Scholl Latour auf ARTE - eine Offenbarung:
http://www.arte.tv/de/243...
Noch eine Bemerkung zu Israel, dessen Luftwaffe bereits wieder regelmäßig ihren GAZA-freiluftkäfig bombardiert. Aussergewöhnlich umfangreiche US-Waffenlieferung nach Israel: Planen die USA und Israel einen breiter angelegten Krieg im Nahen Osten?
Da Israel ohne EU- und US-Subventionierung längst bankrott wäre, bürgt der US-Steuerzahler für weitere "Bad-Politics".
_______________________________________________________
Niemand ist hoffnungsloser versklavt als der, der fälschlich glaubt frei zu sein. [J. W. Goethe]
"Die Taktik war brilliant...."
Fast 1500 Tote, 5000 Verletzte, die öffentliche Infrastruktur zerstört,...
Phosphorbomben über Wohngebieten abgeworfen, Kriegsverbrechen begangen...
(s. http://www.ftd.de/politik...)
Aber: die Taktik war brilliant. Das nennt man dann wohl Kriegsverherrlichung, Hr.Joffe. Wenn Israel Krieg führt, ist das für Sie in Ordnung, nicht wahr?
Kein Wort über die Abriegelung Gazas durch Israel mit all den bekannten Folgen
(wie Zusammenbruch des Wirtschaftslebens, Sterben von Schwerkranken wegen
nicht mehr möglicher medizinischer Versorgung) die ständigen Menschenrechtsverletzungen der Besatzungsmacht in Gaza und im
Westjordanland.
Wenn unschuldige Zivilisten getötet werden, ist die Hamas schuld, weil: in allen Fällen, in denen Zivilisten starben, starben diese, weil die Hamas sie als Schutzschilde benutzte. Sagt die israelische Armee, und deshalb ist das für Hr.Joffe auch so.
Diese Menschen starben durch israelische Bomben und Granaten, und der israelischen Armee war beim Abfeuern auch völlig klar, das sie damit Zivilpersonen tötet. War aber brilliant, meint Hr.Joffe.
Dieser Artikel trieft einfach nur so vor Geringschätzung der Palästinenser.
Wenn jüdische Menschen benachteiligt werden, weil die Juden sind, nennt man
das Antisemitismus. Wie nennt man es, wenn Palästinenser benachteiligt werden,
weil sie Palästinenser sind?