Stillleben mit Buch Der Meisterschüler
Rolf Vollmann über Hans Wollschläger und dessen Kronzeugenrolle im Leben von Arno Schmidt
Wollschläger konnte in solchen Tönen über Karl May reden, dass, wenn er dann im selben Ton über Arno Schmidt redete, man nicht mehr wusste, ob man nun Karl May wieder oder nicht mehr Arno Schmidt lesen wollte.
Daran war Schmidt selber nicht unschuldig. Auch waren seine Vorlieben, Urteile oder werbenden Parteinahmen von verblüffender Unvorhersehbarkeit, und nicht immer war es leicht, in den Gegenständen wiederzufinden, wovon er so leidenschaftlich geredet hatte.
Schmidt hat in den fünfziger und sechziger Jahren eine ganze Generation fasziniert (oder einen guten Teil einer Generation oder, seien wir ehrlich, vielleicht auch nur einen kleinen Teil), und Wollschläger, Jahrgang 1935, war in den eignen frühen Jahren der, den er ganz in seinen Bann geschlagen hatte. Er war auch derjenige unter den deutschen Autoren, der Schmidt persönlich so nahestand, wie das bei Schmidt möglich war. Sein erstes Buch war eine Monografie über Karl May, zur selben Zeit arbeiteten Arno Schmidt und er an ihren brillanten Poe-Übersetzungen; Hans Wollschlägers Übersetzung von Joyce’ Ulysses erschien dann 1975.
Eine große Rolle, beinahe die eines heimlichen Oberhaupts, spielte Wollschläger natürlich auch in dem Kreis, der sich um den legendären Bargfelder Boten sammelte, dieser Art Zeitschrift, in der sich alles um Schmidt drehte.
Die Veröffentlichungen Wollschlägers über Schmidt setzten erst nach Schmidts Tod ein (1979), jetzt wurde, namentlich im Funk, Wollschläger (neben Jan Philipp Reemtsma) gewissermaßen der Kronzeuge dafür, dass es Arno Schmidt wirklich gegeben hatte.
Höhepunkt dieser Kronzeugenschaft wurde dann 1982 seine Rede anlässlich der Verleihung des Arno-Schmidt-Preises, deren erster Träger er billigerweise war – diese gewaltige Rede (Wollschläger war immer in erster Linie ein großer Rhetor, er liebte Karl Kraus, war aber in der rhetorischen Attitüde eigentlich eher Rudolf Borchardt verwandt) bildet dann auch das Zentrum des Buchs hier, eines Bandes, mit dem der Wallstein-Verlag die schöne Reihe von Wollschlägers »Schriften in Einzelausgaben« jetzt nach seinem Tod fortsetzt: Hans Wollschläger: Die Insel und einige andere Metaphern für Arno Schmidt; Wallstein Verlag, Göttingen 2008; 367 S., 34,– €). Wollschläger war, viel zu früh, bei allem, was er noch vorhatte, zweiundsiebzigjährig im Mai 2007 gestorben.
Literarisch bemerkenswert sind Radioessays in Gesprächsform, da knüpft Wollschläger ganz direkt an Schmidt an, der diese Form eigentlich erfunden hatte; und Wollschläger setzt sie so virtuos fort, als sei das immer die heimliche Macht des gewesenen Schülers, den Lehrer zu überbieten, und zwar gerade da, wo er mit aller Leidenschaft nur zu verehren meint.
Nächste Woche erscheint an dieser Stelle die Kolumne »Taschenbuch« von Franz Schuh
- Datum 05.02.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 05.02.2009 Nr. 07
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