Der gebeutelte Riese
Steckt China bereits in einer Rezession? Darüber zerbrechen sich die Ökonomen gerade die Köpfe. Klar ist: Im letzten Quartal 2008 brach die Leistung der mittlerweile drittgrößten Volkswirtschaft der Welt dramatisch ein. Schon wegen der Olympischen Spiele in Peking hatte die Regierung der Wirtschaft drastische Beschränkungen auferlegt und sie damit in ihrer Dynamik gebremst. Zugleich steuerte sie mit einer rigiden Land- und Kreditvergabepolitik gegen die Spekulation im Bauwesen. Tatsächlich erwiesen sich diese an sich verständlichen Maßnahmen als zu erfolgreich. Denn für Peking unvorhergesehen kamen die Auswirkungen der westlichen Finanz- und Wirtschaftskrise hinzu.
Mit dem Einbruch des US-Konsums im vierten Quartal brachen die Aufträge für viele chinesische Exportunternehmen weg. Die Folge: Nach Jahren zweistelligen Wachstums ließen Chinas Exporte im Dezember um 2,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr nach. Und ob die 6,8 Prozent Wachstum im Vergleich zum Vorjahr, die Peking für die letzten drei Monate von 2008 meldete, wirklich stimmen, wird inzwischen von vielen Analysten westlicher Banken bezweifelt. Sie sehen China bei nur noch fünf bis sechs Prozent Wachstum in diesem Jahr – und zwar eingerechnet das jetzt von Peking verkündete Konjunkturprogramm, das für eine Sieben-Prozent-Steigerung des Bruttosozialprodukts sorgen soll.
Hinter diesen Prognosen versteckt sich also sehr wohl eine Rezession. Per Definition entspricht sie einem Wachstumsrückgang von mindestens sechs Prozent. Tatsächlich hat es das in China seit Beginn der Reformpolitik vor 30 Jahren noch nicht gegeben. Die Regierung in Peking steht also vor völlig neuen Herausforderungen. Vieles spricht dafür, dass der Abwärtstrend von Exporten und Importen in China auch im ersten Halbjahr 2009 anhält und die Konjunkturmaßnahmen der Regierung erst im zweiten Halbjahr greifen. Also auch für den noch gar nicht sicheren Fall, dass die staatlichen Maßnahmen erfolgreich sein werden, wird China voraussichtlich im ersten Halbjahr 2009 eine Rezession erleben. Das ist keine Detailfrage: Nicht einmal der Kassandra-Ökonom Nouriel Roubini, der die US-Rezession voraussagte, sah China im gleichen Zug.
Die Tatsache, dass China auch von der Weltwirtschaftskrise erfasst wird, ist umgekehrt ein Beleg, dass die Reform- und Öffnungspolitik Chinas viel besser funktioniert als gedacht. Denn die abgeschotteten Bereiche der chinesischen Wirtschaft wie Banken, Energiebranche und Militärindustrie können das Land längst nicht mehr tragen. Der Regierung aber wird durch diese Entwicklung das Gegensteuern nicht leichter gemacht: Denn je exportabhängiger das Wachstum, desto schwieriger lässt es sich mit staatlichen Eingriffen wiederbeleben.
»Worauf soll unsere Politik beruhen? Auf unseren eigenen Kräften«, hatte der große Steuermann Mao Tse-tung im Jahre 1945 gefordert. Vorläufig bleibt sein alter Traum so illusionär wie eh und je. Georg Blume
- Datum 05.02.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 05.02.2009 Nr. 07
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