Kunstmarkt Wie Leichen in einem Kühlhaus
Deutschland diskutiert über die Abwrackprämie – die Fotografin Ricarda Roggan hat den Wert kaputter Autos schon früh erkannt
Autos kaputt zu machen liegt im Trend, es gibt sogar Geld vom Staat dafür. Dass man die Abwrackprämie dann nur für den Kauf eines neuen Autos anlegen darf, halten Umweltaktivisten für einen unverzeihlichen Denkfehler der Bundesregierung.
Von gut fünf "Umweltprämien" könnte man sich viel besser etwa eine der neuen und sehr nachhaltigen Fotografien von Ricarda Roggan kaufen, die noch bis zum 18. April in der Leipziger Galerie Eigen+Art ausgestellt werden . Roggan, 1972 in Dresden geboren, hat längst erkannt, dass Automobile Geschichte sind. Unter dem Titel Creatures of the 20th Century hat sie Autowracks in einer dunklen Garage in Szene gesetzt. In Roggans Fotografien wirken die kaputten Autos, als seien sie aus einem längst vergangenen Zeitalter, die Künstlerin hat sich ihnen genähert wie ein Tauchroboter jahrhundertealten Schiffswracks in dunkler Tiefe.
Die Fahrzeuge waren in Unfälle verwickelt, ihre Schnauzen sind schwer versehrt, manche sogar mit Planen abgedeckt, wie Leichen in einem Kühlhaus. Doch ob die Autos Täter oder Opfer waren, erzählen uns die Fotos von Roggan nicht. Bald, so viel ist sicher, landen sie in der Schrottpresse.
Da ist zum Beispiel dieser schwarze PT Cruiser, ein Wagen, mit dem die Firma Chrysler vor einigen Jahren an die Formensprache aus den großen Zeiten des Automobils anknüpfen wollte, an die vierziger und fünfziger Jahre also. Heute geht es nicht nur diesem einen Fahrzeug schlecht, sondern ganz Chrysler. Ricarda Roggans Bild scheint die Reliquie einer überholten Lebensweise zu zeigen, einer Industrie, die in ihrer größten Krise steckt.
Dabei spielten Autowracks in der neueren Kunstgeschichte schon eine prominente Rolle, als es der Autoindustrie noch gut ging. Am bekanntesten sind wohl die sogenannten Car Crash Paintings von Andy Warhol, der sich den Autowracks von 1962 bis 1964 im Rahmen seiner Serie Death and Desaster widmete. Für Warhol waren Autos damals das Sinnbild der Konsumgesellschaft, er übertrug Zeitungsberichte von besonders grotesken Unfällen auf die Leinwand.
Im Mai 2008 wurde eines dieser Bilder, Green Car Crash von 1963, für knapp 72 Millionen Dollar versteigert. Ein Rekordpreis aus einer ebenfalls vergangenen Ära. Wie in den Autofabriken werden in den Auktionshäusern derzeit Mitarbeiter entlassen.
- Datum 06.02.2009 - 15:44 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 05.02.2009 Nr. 07
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