Eine Frau von Stil
Elsemarie Maletzke erzählt das gebrochene Leben der irischen Autorin Elizabeth Bowen
Leidenschaft, Lust am Risiko, verwegene Unbelehrbarkeit, das sind nicht selten die Tugenden großer Verleger, die häufig in kleinen Verlagen zu Hause sind. Ein schönes Beispiel gibt die grandiose Elizabeth-Bowen-Ausgabe des Schöffling Verlages. Sechs Bände mit den Romanen und Erzählungen der irischen Autorin, nahezu 3000 Seiten, über die Jahre kongenial von Sigrid Ruschmeier übersetzt, elegante Ausgaben dieser Romane, die in hintergründigem, manchmal sprödem Stil von einer Welt erzählen, die mit den Weltkriegen des letzten Jahrhunderts zu Ende ging. Elizabeth Bowen, geboren am 7. Juni 1899, war eine der Großen der angelsächsischen Literatur. Eine Irin aus einem der alten Häuser der Insel, mal in Oxford, dann in London lebend, nicht weniger exzentrisch veranlagt als Bloomsbury, aber den Traditionen verhaftet, denen des Lebens und denen des Schreibens. Wenn auch ohne Sentimentalität. Damit jeder versteht, welcher Schatz hier gehoben wurde, hat der Schöffling Verlag nun tatsächlich selber eine Biografie der Bowen in Auftrag gegeben, die Autorin Elsemarie Maletzke wurde auf die Spur der Autorin gesetzt.
Das interessante Leben der Bowen war natürlich in der britischen Biografiekunst bislang nicht unbeäugt geblieben – Victoria Glendinning, der wir schon das skandalumwitterte Leben von Vita Sackville-West verdanken, hat über Bowen geschrieben, wie auch Hermione Lee, die sogar über Bowen promovierte, ein Werk, das der Schöffling Verlag im Jahr 2001 gleich mit dem ersten Bowen-Band aufgetischt hatte, dann aber zu Recht fand, eine wissenschaftliche Abhandlung könne diese Figur nicht fassen. Nun also Reportagen, Interviews mit ehemaligen Angestellten, Besuche der letzten Wohnorte der Autorin, Briefe, Tagebuchauswertungen.
Die Bowen-Familie bietet reichlich Stoff. Elizabeth war das einzige, geliebte Kind, nach glorreichen Sommern auf Bowen’s Court mäanderte sie ihre frühen Jahre hindurch mit der Mutter durch englische Küstenstädtchen, nachdem der Vater das Opfer eines Nervenleidens geworden und eine Trennung der Eltern verordnet worden war. Der frühe Tod der Mutter. Die junge Waise wurde jetzt bei Tanten herumgeschoben. Aus dieser Kindheit im Schatten seelischer Tragödien, von den politischen Konflikten nicht zu schweigen, erwuchs eine beeindruckende Frau von Stil, eine Autorin, die zu nutzen wusste, dass sie schon als Kind Gelegenheit bekommen hatte, in die Abgründe des Lebens zu schauen. Und früh um den Wert von Haltung wusste, die eine solche Erfahrung erträglich macht.
»Sie räkelte sich nie«, schreibt einer der engsten Freunde, »– weder geistig noch körperlich.«
Maletzke schafft es mühelos, die Fäden zwischen dieser Biografie und dem Werk zu verknoten. Sie schaut scharf hin, präsentiert ihre Fundstücke mit erfrischender Respektlosigkeit. Teestunden mit Virginia Woolf (»Etwas weniger Henry James«, riet die Avantgardistin), die Liaison mit der Lyrikerin May Sarton, ein unvollendet gebliebener letzter Romananfang, hier erstmals abgedruckt. Die ein langes Leben, bis zum Tod am 22. Februar 1973, haltende große Liebe mit einem Mann, der nicht der Ehemann war. Maletzke konturiert scharf, ohne Intimitäten preiszugeben. Auch Maletzke hat Stil. Sie, die schon über Jane Austen und die Brontës geschrieben hat, kann durchaus so amüsant sein wie das Objekt ihrer Recherche, wenn sie auch gelegentlich kälter ist im Spott. Sie eilt mit Schwung durch ihren Stoff, man wünschte sich, sie würde gelegentlich abbremsen, um die Quellen ihrer Zitate besser einzubetten, statt sie auf die letzten Seiten des Buches zu verbannen, wer will schon immer nachblättern. Aber da hat sie wohl schon die nächste freche Formulierung in den Fingerspitzen, die rauswill und weiter.
Zu schade, dass dieses Buch nicht bieten kann, worauf es hinauszulaufen scheint: ein Tête-à-Tête der beiden Frauen. Maletzke und Bowen. Zwei scharfzüngige, kluge Frauen, sie hätten sich viel zu sagen gehabt. Nun, das Buch macht das fast wett.
- Datum 05.02.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 05.02.2009 Nr. 07
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