Suhrkamp-Umzug Sicherheitsabstand
Warum Berlin keine neue Heimat für den Suhrkamp Verlag sein kann. Ein Kommentar
Es war Hermann Hesse, der 1950 Peter Suhrkamp ermutigte, sich mit seinem Verlag in Frankfurt am Main niederzulassen. Doch Hesse ist, wie sein Suhrkamp-Verlagskollege Brecht, leider keiner, auf den man sich verlassen kann in Fragen der Kontinuität: »Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe / bereit zum Abschied sein und Neubeginne.« Und weiter: »Wir wollen heiter Raum um Raum durchschreiten / an keinem wie an einer Heimat hängen.« Und auch wenn Hesse schrieb, man solle »ins Zentrum streben, nicht an die Peripherie«, so könnte man das vorschnell als prähume Absegnung der Umzugspläne des Suhrkamp Verlages durch den Hausheiligen deuten. Doch Hesse spricht, in den Stufen wie im Glasperlenspiel, nicht von einer Institution, sondern vom Menschen.
Und so nachvollziehbar es ist, dass ein neunzehnjähriges Mädchen aus Frankfurt am Main es attraktiv findet, nach Berlin zu ziehen, weil es da so wahnsinnig aufregend ist, so merkwürdig wäre es, wenn ein neunundfünfzigjähriger Verlag eine Umzugsentscheidung auf ungefähr derselben Argumentationsgrundlage träfe. Ist sich der Suhrkamp Verlag, eine der zentralen intellektuellen Säulen der Bundesrepublik, nicht zu schade, dem Werben und »Lebensrufe« des Antiintellektuellen Klaus Wowereit nachzugeben, damit dieser sich der »erfolgreichen Ansiedlung von Kreativindustrie« rühmen kann? Oder sollte am Ende, wie gemunkelt wird, vor allem das bundesdeutsche Arbeitsrecht (das Entlassungen bei Verlegung des Betriebssitzes ermöglicht) den Verlag »bereit zum Abschied und zum Neubeginne« machen? Weder das eine noch das andere will man glauben.
Es geht nicht nur – aber auch! – darum, dass der Frankfurter Verlag wie kein anderer für die intellektuelle Verbreitung der Frankfurter Schule steht. Es geht nicht nur um die Tradition und Kraft einer dezentralen deutschen Kulturlandschaft. Entscheidend ist die Frage, ob ein besseres, zukunftsträchtigeres Verlagsprogramm entsteht, wenn der Verlag und seine Lektoren in die unmittelbare Nähe ihrer Autoren und der literarischen Szene rücken. Für Berlin, so argumentiert etwa die Süddeutsche Zeitung, spreche, dass dort ja bereits die Suhrkamp-Autoren Christa Wolf und Rainald Goetz wohnten. Danach wäre es konsequenter, der Suhrkamp Verlag siedelte gleich nach Freiburg im Breisgau um, wo sich mit Uwe Tellkamp und Dietmar Dath die beiden bekanntesten neuen Suhrkamp-Autoren niedergelassen haben.
Die großen Bücher Kafkas und der Berliner Expressionisten erschienen in den Jahren nach 1913 im legendären Kurt Wolff Verlag – und der saß in Leipzig. Die kritische – und eben auch räumliche – Distanz zum Leben des Autors und zu dessen literarischen Verarbeitungen schärft die Augen von Lektoren und Verlegern und lenkt sie allein auf die Qualität des Wortes. Die plötzliche Verringerung des Sicherheitsabstandes zwischen Autor, Szene, Publikum und Verlag hingegen trübt sie, wie Kurt Wolff wusste: »Man verlegt Bücher, von denen man meint, die Leute sollten sie lesen – oder eben Bücher, von denen man meint, die Leute wollten sie lesen.« Präziser lässt sich die Gefahr für das Programm des Suhrkamp Verlages nicht formulieren.
- Datum 04.02.2009 - 19:01 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 05.02.2009 Nr. 07
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Als der Deutsche Bundestag 1991 seinen Beschluss zum Umzug von Parlament und Teilen der Regierung von Bonn nach Berlin traf, war dies mit einem weitreichenden Versprechen verbunden: Deutschland sollte kein zentralistisches aus einer Stadt regiertes Land werden, sondern seine föderale und vielfältige Prägung beibehalten. Anders als in Frankreich und Großbritannien, wo die Hauptstädte Paris und London nicht nur das alleinige politische, sondern auch das wirtschaftlicheu und kulturelle Zentrum sind, waren und sind diese Funktionen in Deutschland seit vielen Jahrzehnten auf mehrere Städte und Regionen verteilt.
Der mögliche Umzug des Suhrkamp-Verlags von Frankfurt nach Berlin zählte zu einer Form der kulturellen Zentralisierung. Im Bereich des politischen zeigt sich jedoch längst, dass eine Rutschbahn schnell in Gang kommt. Sind nur die ersten Institutionen von einer Stadt in die Hauptstadt verlagert worden, ziehen über kurz oder lang die späteren nach. Dass im Jahr 19 nach der Wiedervereinigung die Hälfte der Mitarbeiter in den Bundesministerien plus zahlreicher Bundesbehörden noch in Bonn, der "Verwaltungshauptstadt" Deutschlands arbeitet, ist eigentlich ein Wunder. Dennoch ziehen dort gerade die letzten Hauptsitze der Botschaften sowie einige Bundesverbände und Ministeriumsabteilungen weg, um sich auf den Weg nach Berlin zu machen. Alle Beteuerungen, sich an das Berlin/Bonn-Gesetz zu halten, helfen nicht. Stattdessen findet auf wirtschaftlichem Gebiete eine weitere Abwanderung von Berlin nach Bonn und andere deutsche Großstädte statt.
Wenn der Suhrkamp-Verlag nach Berlin zieht, werden sich diesem Trend weitere renommierte Verlage nicht entziehen können. Ein Umzug muss deshalb allein aus gesamtstaatlichen Gründen verhindert werden.
Ein gewichtiges Argument gegen Berlin kann ich dem Artikel nicht entnehmen. Aber daß Florian Illies sich auf diesem Wege noch einmal für den Hessischen Kulturpreis bedanken möchte, das leuchtet mir ein.
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Lyriost – Madentiraden
Der Verlag ist jetzt in Frankfurt. Deshalb bräuchte man eigentlich Argumente für einen Umzug. Ihre Denkweise setzt voraus, dass Berlin eigentlich der natürliche Sitz sein sollte. (Von Suhrkamp und allem anderen) Das ist genau die zentralistische Schiene, von der im ersten Kommentar die Rede war. Darauf aber können wir in Deutschland verzichten, denn ich sehe nach wie vor nicht, wo denn beispielsweise in Frankreich und Großbritannien die Vorteile lägen - außer vielleicht für einige Intelektuelle in den dortigen Hauptstädten.
Der Verlag ist jetzt in Frankfurt. Deshalb bräuchte man eigentlich Argumente für einen Umzug. Ihre Denkweise setzt voraus, dass Berlin eigentlich der natürliche Sitz sein sollte. (Von Suhrkamp und allem anderen) Das ist genau die zentralistische Schiene, von der im ersten Kommentar die Rede war. Darauf aber können wir in Deutschland verzichten, denn ich sehe nach wie vor nicht, wo denn beispielsweise in Frankreich und Großbritannien die Vorteile lägen - außer vielleicht für einige Intelektuelle in den dortigen Hauptstädten.
Der Verlag ist jetzt in Frankfurt. Deshalb bräuchte man eigentlich Argumente für einen Umzug. Ihre Denkweise setzt voraus, dass Berlin eigentlich der natürliche Sitz sein sollte. (Von Suhrkamp und allem anderen) Das ist genau die zentralistische Schiene, von der im ersten Kommentar die Rede war. Darauf aber können wir in Deutschland verzichten, denn ich sehe nach wie vor nicht, wo denn beispielsweise in Frankreich und Großbritannien die Vorteile lägen - außer vielleicht für einige Intelektuelle in den dortigen Hauptstädten.
aber wurde der Verlag Suhrkamp in Berlin 1945. Wie auch der S. Fischer Verlag, aus dem Suhrkamp entstanden ist, ein Berliner Verlag ist. Ist es nicht nur natürlich, wenn ein Verlag, nachdem sich die politischen Verhältnisse geändert haben, zu seinen Ursprüngen zurückkehrt? Und wenn nicht Fischer, dann, gewissermaßen stellvertretend, Suhrkamp?
Sieht man vom Schulbuchverlag Cornelsen ab, was ja eine ganz andere Schiene ist, gibt es in Berlin, der Stadt mit dem wissenschaftlich-intellektuell-kulturell größten Potential in Deutschland, kaum größere Buchverlage. Die meisten sind in Frankfurt und München. Als Ullstein Berlin in Richtung München verließ, gab es keine nennenswerte Diskussion. Nun ist Ullstein wieder in Berlin, immerhin.
Argumente hin oder her, es ist ein Städtewettbewerb, und hinter allen Argumenten auf den verschiedenen Seiten verbergen sich Eigeninteressen. So ist das nun mal.
Und daß das arme Berlin jeden Betrieb gut gebrauchen kann, der den Weg hierher findet, auch aus dem reichen Süden, das liegt auf der Hand.
Lyriost – Madentiraden
aber wurde der Verlag Suhrkamp in Berlin 1945. Wie auch der S. Fischer Verlag, aus dem Suhrkamp entstanden ist, ein Berliner Verlag ist. Ist es nicht nur natürlich, wenn ein Verlag, nachdem sich die politischen Verhältnisse geändert haben, zu seinen Ursprüngen zurückkehrt? Und wenn nicht Fischer, dann, gewissermaßen stellvertretend, Suhrkamp?
Sieht man vom Schulbuchverlag Cornelsen ab, was ja eine ganz andere Schiene ist, gibt es in Berlin, der Stadt mit dem wissenschaftlich-intellektuell-kulturell größten Potential in Deutschland, kaum größere Buchverlage. Die meisten sind in Frankfurt und München. Als Ullstein Berlin in Richtung München verließ, gab es keine nennenswerte Diskussion. Nun ist Ullstein wieder in Berlin, immerhin.
Argumente hin oder her, es ist ein Städtewettbewerb, und hinter allen Argumenten auf den verschiedenen Seiten verbergen sich Eigeninteressen. So ist das nun mal.
Und daß das arme Berlin jeden Betrieb gut gebrauchen kann, der den Weg hierher findet, auch aus dem reichen Süden, das liegt auf der Hand.
Lyriost – Madentiraden
aber wurde der Verlag Suhrkamp in Berlin 1945. Wie auch der S. Fischer Verlag, aus dem Suhrkamp entstanden ist, ein Berliner Verlag ist. Ist es nicht nur natürlich, wenn ein Verlag, nachdem sich die politischen Verhältnisse geändert haben, zu seinen Ursprüngen zurückkehrt? Und wenn nicht Fischer, dann, gewissermaßen stellvertretend, Suhrkamp?
Sieht man vom Schulbuchverlag Cornelsen ab, was ja eine ganz andere Schiene ist, gibt es in Berlin, der Stadt mit dem wissenschaftlich-intellektuell-kulturell größten Potential in Deutschland, kaum größere Buchverlage. Die meisten sind in Frankfurt und München. Als Ullstein Berlin in Richtung München verließ, gab es keine nennenswerte Diskussion. Nun ist Ullstein wieder in Berlin, immerhin.
Argumente hin oder her, es ist ein Städtewettbewerb, und hinter allen Argumenten auf den verschiedenen Seiten verbergen sich Eigeninteressen. So ist das nun mal.
Und daß das arme Berlin jeden Betrieb gut gebrauchen kann, der den Weg hierher findet, auch aus dem reichen Süden, das liegt auf der Hand.
Lyriost – Madentiraden
Wer bei Suhrkamp nachschlägt - im Autoren-Register - sieht die Verlassenschaft der 70er/80er Jahre:
http://www.suhrkamp.de/au...
Gefeiert werden upgedatet dort die geschwätzigen Poetenzwerge: Handke, Bernhard...
*
Wenn es nicht noch dort Peter Sloterdijk gäbe, hätte Suhrkamp keinen neuen, heutig schreibenden Autoren mehr für mich.
Suhrkamp-Kultur im Ausverkauf.
Handke und Bernhard in einem Atemzug zu nennen, das verrät Unkenntnis, und ausgerechnet den untelegenen Anführer der telegenen Zerebralprominenz, den Windbeutel Sloeterdijk, als ungeschwätzig zu erachten, mangelnden Geschmack.
De gustibus non est disputandum.
___________________
Lyriost – Madentiraden
@ Kometa
Was auch immer Sie unter "heutig schreibend" verstehen - Ihre Zeilen lesen sich, verzeihen Sie mir, sehr hochnäsig.
Das ist doch gar nicht nötig, wenn die Kardinalfrage "Frankfurt oder Berlin" lautet. Es gibt Argumente, die für den alten Standort sprechen. Ebenso gibt es Gründe, die für einen Umzug nach Berlin sprechen. Wichtig ist - gerade in heutiger Zeit - dass die Verlage insgesamt erhalten bleiben!
Ich schaue jedenfalls lieber in die "Palette" als ins "Dschungelcamp"...
;-)
Handke und Bernhard in einem Atemzug zu nennen, das verrät Unkenntnis, und ausgerechnet den untelegenen Anführer der telegenen Zerebralprominenz, den Windbeutel Sloeterdijk, als ungeschwätzig zu erachten, mangelnden Geschmack.
De gustibus non est disputandum.
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Lyriost – Madentiraden
@ Kometa
Was auch immer Sie unter "heutig schreibend" verstehen - Ihre Zeilen lesen sich, verzeihen Sie mir, sehr hochnäsig.
Das ist doch gar nicht nötig, wenn die Kardinalfrage "Frankfurt oder Berlin" lautet. Es gibt Argumente, die für den alten Standort sprechen. Ebenso gibt es Gründe, die für einen Umzug nach Berlin sprechen. Wichtig ist - gerade in heutiger Zeit - dass die Verlage insgesamt erhalten bleiben!
Ich schaue jedenfalls lieber in die "Palette" als ins "Dschungelcamp"...
;-)
Die Entscheidung, die größte Stadt eines Landes zur Hauptstadt zu machen, zieht natürlich eine Zentralisierung des Landes nach sich. Von einer Konzentration auf eine einzige Stadt nach französischem oder englischem Vorbild kann aber keine Rede sein; wir erleben eher eine Fokussierung auf wirklich große Städte.
Die Bundesrepublik verfügt mit Berlin, Hamburg und München über drei Metropolen mit nationaler und internationaler Bedeutung. Gerade Hamburg ist durch die neue Konkurrenz im Osten geradezu erwacht. Der mögliche Suhrkamp-Umzug zeigt eher den rapiden Bedeutungsverlust mittelgroßer Städte wie Frankfurt/Main oder Düsseldorf, die nur unter den spezifischen Bedingungen der alten Bundesrepublik eine so herausragende Rolle in Wirtschaft, Kunst, Kultur Werbung oder Mode erringen konnten.
Handke und Bernhard in einem Atemzug zu nennen, das verrät Unkenntnis, und ausgerechnet den untelegenen Anführer der telegenen Zerebralprominenz, den Windbeutel Sloeterdijk, als ungeschwätzig zu erachten, mangelnden Geschmack.
De gustibus non est disputandum.
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Lyriost – Madentiraden
@ Kometa
Was auch immer Sie unter "heutig schreibend" verstehen - Ihre Zeilen lesen sich, verzeihen Sie mir, sehr hochnäsig.
Das ist doch gar nicht nötig, wenn die Kardinalfrage "Frankfurt oder Berlin" lautet. Es gibt Argumente, die für den alten Standort sprechen. Ebenso gibt es Gründe, die für einen Umzug nach Berlin sprechen. Wichtig ist - gerade in heutiger Zeit - dass die Verlage insgesamt erhalten bleiben!
Ich schaue jedenfalls lieber in die "Palette" als ins "Dschungelcamp"...
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