Französische Literatur Der große Zauberer Proust
Jean-Yves Tadié hat eine gewaltige Biografie über den französischen Schriftsteller verfasst
Wenn jene Schriftsteller ein Denkmal bekommen, die sämtliche Vorstufen und Skizzen zu ihren Büchern verbrennen, dann bekommt Proust keins. Er hat eine geradezu ungeheure Menge von Zetteln, Blättern, Heften hinterlassen, ein Chaos mitunter, in das Jean-Yves Tadié jene relative Ordnung gebracht hat, in der wir das alles nun, wenigstens in einer Auswahl, überprüfen können, was wir an der geltenden Pléiade-Ausgabe der Recherche seit zwei Jahrzehnten teils zu bewundern, teils zu fürchten gelernt haben.
Jeder Freund Prousts, sagt Tadié, und er benutzt das Wort »Freund« da in einer wirklich sehr emphatischen, fast möchte man sagen, in einer ekstatischen Bedeutung, wolle doch alles haben und jedes Blatt lesen, das sein Idol beschrieben habe. Andererseits hat aber schon die Auswahl an Skizzen und Varianten, die Tadié nun getroffen hat, seine Ausgabe dermaßen aufgebläht, dass, wenn er sie sieht, mancher froh sein wird, noch die alte Ausgabe zu haben. Die neue deutsche Ausgabe, bei Suhrkamp von Luzius Keller herausgegeben, macht mit ihren schönen sieben Bänden für die Recherche dagegen den Eindruck fast rührender editorischer Keuschheit.
Und Tadié, fraglos einer der besten Kenner von Prousts Werk, hat dann 1996 auch eine Biografie Prousts geschrieben, ein Buch, das jetzt mit einiger Verspätung bei uns erschienen ist: Jean-Yves Tadiés Marcel Proust – und wenn man da eine Winzigkeit kritisch anmerken dürfte, dann wär es die, dass, im Gegensatz zum mustergültigen Original, wo die vielen Anmerkungen jeweils an den Fuß der Seite gesetzt sind, die deutsche Ausgabe alle Anmerkungen 300 Seiten dick ans Ende des Buchs verbannt, wohin kein vernünftiger Leser immerzu, nämlich 4320 Mal blättert, denn so viele Fußnoten hat das gelehrte Buch – und das ist schade um viele sehr kluge Ergänzungen zum Text.
Die biografische Idee, von der sich Tadié leiten lässt, macht einen ganz kurzen und hoffentlich verzeihlichen Blick auf Proust und seine Recherche nötig. Nicht nur heißt ja dort der Held Marcel wie Proust selber, und nicht nur schreibt er formal autobiografisch, im Ich-Stil, sondern wirklich hat sich Proust ja ähnlich wie sein Held in jene vornehme Gesellschaft hineingeschmuggelt, in die er von Haus aus nicht gehörte; und tatsächlich sind die meisten der Figuren des Romans, wenigstens in Teilen ihres Charakters und Aussehens und Schicksals, allenfalls dadurch kaschiert, dass sie aus mehreren zusammengesetzt sind. Sie sind wirklichen Figuren der feinen Gesellschaft, Freunden und Bekannten Prousts, so ähnlich, dass man sich fragt, warum Proust sich wunderte, wenn ihm das Beschwerden eintrug. Und nun kommt eben für Tadié alles darauf an, wie sich aus Prousts Leben (das andrerseits ja, schaut man das Buch an, kaum mehr war als ein uneigennütziges Dasein für dieses Buch) oder wie sich aus dem Stoff dieses Lebens und seiner Welt ein Roman ergeben konnte, der zweifellos etwas ganz andres ist als die Autobiografie seines Verfassers.
Tadié geht nun so vor, dass er zum Beispiel alle irgendwie fürs Buch relevanten Leute aus Prousts Umgang beschreibt. Meistens sind das Adlige – da gibt es immer reichlich genealogisches Material, dann vielleicht Äußerungen über sie, teils von andern, teils von Proust, etwa in seinen unendlich vielen Briefen. Und nun vergleicht Tadié dieses Rohmaterial mit dem, was an Figur oder Figurenaspekt im Roman daraus geworden ist, und zwar sukzessive geworden ist. Das ist, besonders gegen das Ende des Romans hin, wichtig, und da spielen nun die vielen Skizzen und Varianten ihre Rolle, weil sich an ihnen wunderbar zeigen lässt, wie jemand etwa anfangs, oft bis zum Namen hin, noch ganz eingebunden ist in seine reale Geschichte und erst allmählich, Zettel nach Zettel, wie in einer poetischen Metamorphose, zu der Figur wird, die nun, man möchte sagen, in der größeren Wahrheit des Romans das sein kann, was an ihr im Leben verborgen bleiben musste. Natürlich kann kein Biograf die unendliche Kluft zwischen Leben und Werk wirklich überbrücken, er kann sie aber sichtbar machen.
Hier ist Tadié ganz in seinem Element und bleibt auch, in dieser immer philologischer werdenden und wachsend romannahen Arbeit, genügend entfernt von jener peinlichen biografischen Art, die einfach aus dem gelebten Leben die Bücher erklären möchte, also jener Art, die Proust etwa an Sainte-Beuve so getadelt hat .
Allenfalls könnte man gegen Tadié einwenden, dass er ganz offenbar keine Neigung hat, jenen realen Leuten, von denen er dann ausgeht, viel mehr zu geben als ihr genealogisches oder anekdotisches Profil. Er macht sich kaum Mühe, sie einmal als wirklich lebendige Menschen zu zeichnen, als erkennbare Individuen, etwa in kleinen Miniaturen, wie man das doch beinahe erwarten kann für die Umwelt des Mannes, um den es in einer Biografie geht. Wir kriegen immer nur den Übergang geliefert (dass wir das Endprodukt im Roman mehr oder minder kennen, wird ohnehin von uns erwartet) – aber es wäre doch bei diesem Vorgehn sehr schön, das Reale ein bisschen lebendiger vor Augen zu haben.
Er übermalt das Gemalte und erzielt einen geheimnisvollen Glanz
Um auf die Endphase in Prousts Schreiben zu kommen und auf die Bedeutung der zuweilen dort nicht mehr eingearbeiteten Skizzen, so zahlen sich Tadiés Grundidee und sein enormes Wissen glänzend aus. Er zeigt, gerade für das letzte Lebensjahr des Autors, wie Proust da die winzigsten Einzelheiten, die er, grauenhaft klatschsüchtig (aber selbstlos darin, er muss alles wissen für seine Figuren), vom Leben und Treiben der Leute um ihn erfährt (soweit sie vorkommen im Buch), wie er das alles sofort in simplen Sätzen und immer deutlicher dann in wirklichen Romansätzen notiert und immer wieder auch einbaut oder einbauen will in den, wenn man so sagen will, an sich doch schon fertig gewesenen oder, wie man dann sieht, niemals so etwas wie fertigen Text.
Immer wieder, mit solchen Ergänzungen und Retuschen, übermalt er sozusagen (Tadié benutzt manchmal diese Proustsche Metapher) das schon Gemalte und gibt dadurch der Farbe einen immer geheimnisvolleren Glanz oder eben dem Text eine immer flimmerndere Weite und zugleich schönere Genauigkeit. Auf diese Weise lässt sich an dem, was Proust da noch macht und oft auch nicht mehr machen kann, manchmal sehn, oder ahnen, wie der Zauber entsteht, den das alles im Roman so selbstverständlich wie unbegreiflich hat. Sicherlich, wie das oft ist bei solchen allerletzten Verbesserungen, würden wir kaum etwas merken, wenn sie fehlten; aber das ist ja nicht das Problem des Artisten; und doch kann es sein, dass wir, wenn auch so gut wie unmerklich, glücklicher sind, da es diese kleinen Vollendungen nun gibt.
Gerade an dieser Stelle, mitten in seine glücklichste Arbeit hinein, bringt Tadié eine Äußerung Prousts in einem Brief an seinen Verleger, als es darum geht, dass jemand unkorrigierte Druckfahnen von ihm haben möchte. Proust schreibt: »Der Gedanke, dass es (falls man sich überhaupt noch um meine Bücher kümmert) irgendwem gestattet sein wird, meine Manuskripte durchzusehen, sie mit dem endgültigen Text zu vergleichen, daraus Folgerungen über meine Arbeitsweise, die Entwicklung meines Denkens usw. zu ziehen, die immer falsch sein werden, ist mir jedoch nicht sehr angenehm…« – und wie in einem schüchternen Anflug von Selbstironie fügt Tadié an: »Proust hatte alles vorausgesehen.«
Ganz anders geht Tadié aber oft vor, wenn er, nachdem er alles erzählt hat, was man wissen kann, selber zusammenfassend aussprechen will, was mit Proust nun eigentlich los war. Schwer zu sagen, ob das mit dieser Sonderbarkeit der erotischen Verdrehung zu tun hat – Proust schreibt ja nicht nur eine Autobiografie, die keine ist, sondern sein Marcel liebt auch immer Mädchen, wo Proust nun wirklich nur junge Männer geliebt hat. Man kann finden, dass ihm diese Wendung schriftstellerisch nicht so anschaulich gelungen wie sonst alles, darüber lässt sich Tadié nicht weiter aus. Manchmal redet er aber über das, was Proust, also Proust nun wirklich, nicht Marcel, von der Liebe hält, von ihrem so fürchterlichen Entstehen aus der Eifersucht (das sind im Werk dann diese endlosen Passagen, die mitunter doch ein wenig nervös machen können, jedenfalls den, der nicht zu den ganz ekstatischen Anhängern Prousts gehört), von ihren grausamen Schmerzen, von dem Leid, das sie eigentlich nur bringt, und so fort. Tadié schildert eine dieser so häufigen erotischen Episoden Prousts, die immer wieder melodramatisch und tieftraurig und tragisch und lapidar enden, und folgert dann in sonderbar dürren Worten, wie auf diese Weise nun alles Einschlägige so ausgehn werde und dass von nun an auch für ihn selber endgültig feststehe, was Liebe sei. Entsprechend macht Tadié das auch, wenn er manchmal über Prousts poetologische Ideen oder Vorgehensweisen räsonniert.
Denken kann Proust nur in den Sätzen seines Romans
Man stutzt dann, und die Leseseele erkältet sich gleichsam. Wenn man Proust einmal wenigstens ansatzweise gelesen hat, und gern gelesen hat, weiß man doch, dass es im Buch weitaus schöner und freier zugeht, als solche Festlegungen vermuten lassen; Festlegungen nun, die einen dann geradezu davon abhalten könnten, ein Ungeheuer von Buch zu lesen, in dem sie womöglich nur exemplifiziert werden.
Tadié ist nicht ganz in seinem Element, wenn er das, was er doch zweifellos weiß, so auf begriffliche Nenner bringen will; und auch an Stellen, wo er über andre, eher metaphysische Ideen Prousts redet, bleibt alles ein wenig dünn. Aber das hängt sicher auch damit zusammen, dass Proust selber in diesen Dingen nicht sehr stark ist oder dass eben die Art, in der er, Proust, schreibend denkt, entschieden etwas andres ist als eine herkömmliche philosophische Artikulation und dass seine eigne so erstaunlich eindringliche und in wunderbare Weiten führende Art ihr Wesen verliert, wenn sie sich dennoch philosophisch artikulieren will. Proust denkt in den Sätzen eines Romans; eines Romans aber, in dem er gelegentlich, wenn er anders denken möchte, um ein Haar zum Verräter an dem wird, was er will und meistens eben auch tut, zu seinem, zu unserm Glück.
Verzeihlich also, wenn es Tadié ähnlich geht. Aber vielleicht will er ja an solchen Stellen nur zeigen, dass man auf diese Art gar nicht weiterkommt und dass man die Finger davonlassen soll, wenn selbst einer wie er sie sich daran beinahe verbrennt. Und so sind es also da die Vollkommenheiten und hier die Unvollkommenheiten seines alles in allem großartigen Buchs, die uns zum guten Schluss dahin bringen, dass wir uns vielleicht, auch wenn es tatsächlich noch ein paar andre gute Romane auf der Welt geben sollte, noch einmal wieder an der Recherche versuchen.
- Datum 05.02.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 05.02.2009 Nr. 07
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"Nicht nur heißt ja dort der Held Marcel wie Proust selber"
Dem Autor des Artikels sei ans Herz gelegt, das Werk einmal selber zu lesen, dann würde er feststellen, dass seine Aussage nicht zutreffend ist. Ansonsten möge er bitte eine Seitenangabe oder ein Zitat aus dem Werk liefern, um seine Behauptung zu stützen.
In meiner Ausgabe jedenfalls heißt es:
"Sie fand die Sprache wieder, sie sagte: >Mein< oder >mein lieber<, jeweils gefolgt von meinem Taufnamen, was, wenn man dem Erzähler den selben Vornamen verliehe, den der Verfasser dieses Buches trägt, ergeben hätte: >Mein Marcel< oder >Marcel, Liebling<."
Was ist denn das für ein Deutsch im Artikel!
Sie können bei dem ganz sicher sein, daß er seine Materie kennt (Komm. 1) und sein Deutsch beherrscht (Komm. 2).
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