Zwanzig Jahre zu spät
Jörg Burger: »Operation 5-025.3« Zeit Nr. 5
Jörg Burger schafft eine ansprechende journalistische Dramaturgie, übersieht jedoch trotz bemühter Datenrecherche, dass er nichts anderes als eine Kette von ärztlichem Versagen und Fehlentscheidungen aufzeigt.
1. Es gehört zum medizinischen Standard, dass ein Aneurysma nach der ersten Blutung notfallmäßig innerhalb von 24 Stunden behandelt werden muss, da die Neigung, wiederholt zu bluten, sehr hoch ist und das Risiko bei weiteren Blutungen zu einem nahezu hundertprozentigen Risiko für einen tödlichen Verlauf ansteigt.
2. Während der Operation unter Sicht des Aneurysmas zu entscheiden, ob und was chirurgisch möglich ist, gehört in eine Zeit, da man nicht die bildgebenden Darstellungsmöglichkeiten von heute hatte. Eine sorgfältige bildliche Darstellung des Aneurysmas durch Computertomografie, Kernspintomografie und dreidimensionale Katheterangiografie beantwortet alle Fragen für die Behandlung.
Dieser Artikel ist 20 Jahre zu spät geschrieben worden, er erwähnt mit keinem Wort die moderne Behandlungsmethode, Aneurysmen vom Inneren der Ader her mit Platinspiralen zu verschließen. Dies erfordert – journalistisch weniger spekulativ - weder einen Herz-Kreislauf-Stillstand noch eine Körperunterkühlung. Nicht erwähnt wird außerdem, dass in renommierten größeren Kliniken die Mehrzahl von Hirnaneurysmen mit dieser Methode behandelt wird, nicht selten bis zu 90 Prozent der Patienten. Neuroradiologen, die diese viel Erfahrung erfordernde Behandlung vornehmen können, gibt es leider an dem Regensburger Klinikum nicht, womit sich vielleicht einiges der Therapie von Stephan Huber erklärt.
Prof. Dr. M. Schumacher Universitätsklinik Freiburg
Der Bericht über die Operation eines Gehirnarterienaneurysmas überzeugt durch seine Genauigkeit im Detail und die sensible Darstellung der Ängste und Befürchtungen von Patient und Arzt. Doch er suggeriert auch, dass bestimmte Aneurysmen der Gehirnarterien aufwendig und riskant in Kreislaufstillstand operiert werden müssten und nur wenige Spezialisten diese Technik beherrschten. In Deutschland werden jedoch etwa 50 Prozent der Patienten mit Aneurysmen der Gehirnarterien durch interventionelle Neuroradiologen mithilfe von kleinen Kathetern behandelt. Die Katheter werden von der Leiste aus durch die Arterien in das Aneurysma gesteuert. Hierdurch eingeführte Platinspiralen verschließen dann das Aneurysma, ohne dass eine Eröffnung des Schädels oder eine besondere Narkose notwendig sind. Dieses Verfahren wird bevorzugt eingesetzt, wenn das Aneurysma für die Neurochirurgen nur mit hohen Risiken erreichbar ist. Herr Huber hätte heimatnah eine solche Behandlung in Würzburg, Erfurt, Erlangen oder Dresden erhalten können.
Es gibt allerdings auch Aneurysmen, die sich nicht mit Kathetern ausschalten lassen. Das muss im Einzelfall geprüft werden.
Prof. Dr. med. Rüdiger von Kummer Universitätsklinikum Dresden, Präsident Deutsche Gesellschaft für Neuroradiologie (DGNR)
- Datum 05.02.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 05.02.2009 Nr. 07
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren