Pop Staatstragend pink
Lily Allen, der Liebling der britischen Yellow Press, lässt uns auf ihrer neuen CD am Experiment des Erwachsenwerdens teilhaben
Ich hätte Lily Allen zum Käsekästchen-Spielen einladen sollen. Seit ein paar Minuten zeichnet sie Vierecke auf den Rechenblock, der vor ihr auf dem Konferenztisch des Hyatt-Hotels liegt. Die Kästchen fordern ihre ganze Konzentration, ab und an nur schaut sie vom Papier hoch, Lily Allen spricht leise und überlegt. Sie ist sehr bemüht, Kontrolle über ihre Sätze zu behalten. Das darf man als Reaktion auf die Yellow-Press-Prominenz lesen, die der 23-Jährigen in den letzten drei Jahren zuteil wurde, weil sie allzu freimütig davon berichtete, wie sie Ecstasy auf Ibiza vertickte, als sie 15 war, und wie sie es selber mit Drogen und Alkohol hält. Nicht zuletzt, weil sie so flott über Kollegen zu spotten wusste. Die Geschichte vom Problemkind Lily, das vom Vater – Comedy-Star Keith Allen – verlassen und von der Mutter allein erzogen wurde und bald die Schule schmiss, kannte eines Tages ganz Großbritannien.
Gleich, wie viel von alldem der Wahrheit entsprach, mit 2,5 Millionen verkauften CDs im Rücken hat Lily Allen ihre Jugend prima verkauft. Auf ihrem neuen Album It’s Not Me, It’s You erzählt die prominente Britin nun vom Experiment des Erwachsenwerdens unter den Augen der Öffentlichkeit, etwas weniger aufgeregt, als das traditionell sensationsfreudige Publikum sich das gewünscht haben mag. Und etwas distanzierter, als die Kritik das erwarten durfte. Im Song 22 denkt sie laut über weibliche Rollenmodelle nach, in The Fear verlacht sie die Celebrity-Kultur, zu deren schillerndsten Persönlichkeiten sie bekanntlich selber zählt; in Not Fair beklagt sie den Egoismus ihres Sexpartners. Das ist Stoff genug, um das MySpace-Mädchen von 2006 auch 2009 auf dem Radar zu haben.
Der Aufstieg zum Fräuleinwunder des Britpop ging damals rasant vonstatten. Ein halbes Jahr nachdem sie mit ihren ersten Songs auf die Internetplattform MySpace gegangen war, zeigte Lily Allens Konto 1,3 Millionen Downloads und knapp 25000 Cyber-Freunde. Die erste, von EMI veröffentlichte Single Smile schoss im Juli 2006 auf Platz eins der britischen Charts. Die Songs auf ihrem Debüt Alright, Still besaßen die Qualitäten eines durchaus intimen Dokumentarfilms. Wir schauten ins Bett, wo Lily in seinen Boxershorts und seinem T-Shirt lag. Wir amüsierten uns über die süße Rache, die sie einem Lover angedeihen ließ, weil der sie mit einer anderen betrogen hatte. Es hatte was von »England privat«.
Lily Allen zerrte ihr zerwühltes Seelenleben fortan in ihre Blogs und verarbeitete ihre Partyexistenz zu klirrender Alltagsprosa. Sie plapperte im Sound der Zeit, unterschiedslos über Privates und Politisches. Wer sich dafür interessierte, schaute nach in Lilys Internettagebuch und erfuhr von ihrer Vorliebe für Spaghetti bolognese (»Und dafür mache ich mir kein schlechtes Gewissen«), von ihren Erfolgen mit der Computerspielkonsole und wusste auch, was Lily über die Trennung von Madonna und Guy Ritchie dachte. Lily Allen machte die Mittelschicht mit einem Mausklick wieder zum Mittelpunkt der Gesellschaft.
Ganz ohne Nebengeräusche verlief ihre Erfolgsgeschichte dennoch nicht. Erst kam die Abrechnung mit einer geizigen Plattenindustrie, schließlich der dringende Wunsch nach Rückzug. Ein Fall von frühem Burn-out? Die Signale stünden auf Veränderung, so die Künstlerin. Für Alright, Still radelte das Turnschuh-Girlie Lily 2006 noch mit einem schiefen Lächeln durch eine munter collagierte Comic-Welt, das staatstragende Cover von It’s Not Me, It’s You könnte genauso gut Kylie Minogue, Britney Spears oder Madonna zeigen.
- Datum 06.02.2009 - 15:11 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 05.02.2009 Nr. 07
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