Harald Martenstein Von Lust und Ekel
Das Dschungelcamp ist humaner als Fußball, findet unser Kolumnist
Manchmal fühle mich in dieser Gesellschaft wie der "Fremde" in dem Roman von Camus. Die wochenlange Aufregung und Empörung über das Dschungelcamp und den Fernsehtrash konnte ich einfach nicht begreifen. In allen Zeitungen stand, das Dschungelcamp sei unterste Schublade. Die Kritiker redeten dabei über das Dschungelcamp mit den gleichen Worten, wie Walter Ulbricht sie in der DDR für die Beatles verwendet hat, die doch inzwischen als sehr niveauvoll gelten. Walter Ulbricht sagte: "Beatmusik ist primitiv, Beatmusiker kennen weder Scham noch Würde."
Vor allem die primitiven Sachen sind doch manchmal ziemlich gut. Man muss nicht immer das Primitive so schlechtmachen. Ich sage nur: afrikanische Kunst. Außerdem offenbarten die Kritiker eine erstaunliche Detailkenntnis, was die Szenen aus dem Dschungelcamp betrifft. Sie haben sich das, bevor sie sich empörten, erst einmal ganz genau angeschaut. Dies hat mich an die sechziger Jahre erinnert, als die ersten Sexzeitschriften an den Kiosken hingen. Auch da hat es bei den Kritikern, bei aller Empörung, doch immer eine erstaunliche Detailkenntnis gegeben.
Dann habe ich das Dschungelcamp betrachtet und einen Artikel geschrieben, in dem ich das Dschungelcamp mit Fußball verglichen habe. Ich finde, der Vergleich ist zulässig. In beiden Fällen tun Leute für Geld und für Ruhm etwas völlig Sinnloses. Und andere Leute finden dies unterhaltsam. Ich kann nicht begreifen, wieso es sinnvoller sein soll, eine glitschige Lederkugel mit den Füßen in ein Netz zu schieben, als mit dem Mund einen Plastikstern von einem Kuchen zu pflücken, auf dem Fliegen sitzen.
Ich finde, das Dschungelcamp ist viel humaner als Fußball. Im Fußball wird ans Schienbein getreten und mit dem Kopf gestoßen und gespuckt und gebissen, im Dschungelcamp tun sich die Wettstreiter nicht körperlich weh. Sie dürfen jederzeit aufhören. Vor jeder Prüfung kommen ein Arzt und ein Moderator und klären den Teilnehmer über die Risiken auf, sie fragen, ob der Teilnehmer es sich gut überlegt habe und ob er nicht aufhören möchte.
Wenn aber im Fußball ein Spieler auf einen brutalen, bösartigen Verteidiger zurennt, kommt kein Arzt, hält das Spiel an und sagt: "Deine Achillessehne kann reißen. Dein Jochbein kann brechen. Du wirst dich vor Millionen Leuten voller Schmerzen im Schlamm wälzen. Willst du dich wirklich mit diesem Materazzi anlegen? Es bringt doch auch die Kultur und die Menschheit nicht weiter, es ist nur Unterhaltung und Kommerz, denk mal an deine Würde! Und zieh diese lächerlichen kurzen Hosen aus."
- Datum 18.03.2009 - 11:31 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 05.02.2009 Nr. 07
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Wieder mal: Bravo, Martenstein!
Der Vergleich mit dem Fußball ist wunderbar. Nee, noch besser: der ist treffend.
Netter Gedanke, Herr Martenstein. Leider haben Sie nur einen Gedanken nicht aufgegriffen: Fußball ist Kunst.
Ein wirbelndes Solo eines Diego Messi, ein strammes Distanztor des Thomas Hitzlsperger, ein eleganter Zweikampf von Frank Lampard - all das kommt dem künstlerischen Idealbild tausendmal näher als ein C-Promi, dem die zu verspeisenden Maden aus dem Mund hängen.
Mein 10jähiger Sohn (kein Rechtschreibfan...) ist seit Ihrem Versuch über den Fähler immer mal wieder interessiert, was Sie so schreiben. Er kennt zwar weder Camus noch seinen "Fremden" - so wie ich - spielt aber seit 6 Jahren Fußball. Sein Kommentar zu Ihrem Vergleich: "So ganz unrecht hat der Martenstein nicht". Ich denke ähnlich, mein Mann (der Fußballtrainer) hat sich dem Studium Ihres Artikels allerdings bisher standhaft verweigert...
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