Fossiler Schlangenfund Paläokonda
Forscher entdeckten die Überreste einer riesigen Schlange. Sie lebte vor 60 Millionen Jahren in Südamerika
Wem Schlangen nicht geheuer sind, der sollte froh sein, heute zu leben. Im Vergleich zu dem Giganten, der vor rund 60 Millionen Jahren durch die urzeitlichen Tropenwälder Südamerikas kroch, erscheinen der Python oder die Anakonda der Gegenwart wie Schoßtiere. Angesichts ihrer jüngsten Entdeckung sind die Tropenforscher und Paläontologen des Teams um David Polly und Jonathan Bloch jedenfalls überzeugt: »Es ist die größte bekannte Schlange.«
Die fossilierten Gebeine der Riesenschlange hatten die Forscher bei Grabungen in der Kohlenmine von Cerrejón im Nordosten Kolumbiens geborgen. Durch die genaue Vermessung der gewaltigen Wirbelknochen und den Vergleich mit heutigen Großschlangen konnten die Wissenschaftler ungefähr die Eckdaten des Goliaths ermitteln. Selbst eine vorsichtige Schätzung bescheinigt ihm ein beeindruckendes Format: Das ausgestreckte Reptil habe mindestens 13 Meter gemessen und mehr als 1,1 Tonnen gewogen, notiert die Forschertruppe in der neuesten Ausgabe von Nature. Zum Vergleich: Die heute lebende Große Anakonda wird 6 bis 7 Meter lang. »Im Bereich des größten Körperumfangs dürfte eine liegende Titanoboa cerrejonensis einem ausgewachsenen Menschen bis zur Hüfte gereicht haben«, versichert Wirbelspezialist Polly, »eine erstaunliche Größe.«
Nach Meinung der Wissenschaftler handelte es sich bei dem Koloss nicht um eine Giftschlange, sondern um einen Würger wie die Anakonda, der seine Opfer bis zum Exitus in den Schwitzkasten nahm. Seine bevorzugte Beute waren vermutlich große Schildkröten und Krokodile. Selbst solche Mahlzeiten verschlang der Räuber wohl am Stück.
Die gigantischen Körpermaße der Titanoboa bieten indessen nicht nur einen neuen Einblick in die tropische Tierwelt jener Urzeit. Sie verraten auch einiges über das Klima der Periode. Der CO₂-Gehalt der Atmosphäre dürfte mit rund 2000 ppm (parts per million) mehr als fünf Mal so hoch gewesen wie in der Gegenwart, vermuten Bloch und seine Kollegen. Jedenfalls waberte einst über den Regenwäldern Südamerikas deutlich mehr Hitze als heute. Stimmen die Annahmen der Wissenschaftler, müssen damals rund 32 Grad Celsius geherrscht haben, vier mehr als heute. Andernfalls, so ergaben die Berechnungen, hätte die Riesenschlange nicht überleben können. Titanoboa brauchte eine durchschnittliche Jahrestemperatur von 30 bis 34 Grad Celsius.
Denn die Umgebungstemperatur bestimmt bei wechselwarmen Reptilien auch die Körpertemperatur. Sinkt sie, so erschlaffen bei Kaltblütern auch die biochemischen Reaktionen des Stoffwechsels, die den Organismus mit Energie versorgen. Das Urzeit-Reptil war wohl auf große Wärmezufuhr angewiesen, um seinen Monsterkörper durchzuwärmen. Nur große Hitze konnte die Funktionen seines Organismus auf Betriebstemperatur halten.
Für die Wissenschaftler ist der Fossilfund somit ein schönes Beispiel für den Einfluss des Klimas auf die Evolution der Lebewesen. »Die tropischen Ökosysteme Südamerikas sahen vor 60 Millionen Jahren offenbar überraschend anders aus«, sagt Teamchef Jonathan Bloch. »Es waren Regenwälder wie heute, aber das Klima war noch heißer, und die kaltblütigen Reptilien dieser Zeit waren deutlich größer.« Das Ergebnis der Hitzeperiode, meint der Forscher, »waren die größten Schlangen, die der Erdball je gesehen hat – und hoffentlich jemals sehen wird«.
- Datum 01.04.2009 - 15:20 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 05.02.2009 Nr. 07
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