Weiterführende Links finden Sie am Ende des Artikels

Tun Sie doch was« – diesen Hilferuf von Pflegekräften aus Altenheimen hat Klaus Maria Perrar schon oft gehört. Einmal im Monat fährt der Gerontopsychiater ins Geschwister-Louis-Haus in Vossenack und zum Sophienhof in Niederzier, um dort »hermeneutische Fallbesprechungen« abzuhalten. Dann tagt ein großes Team in einer zweistündigen Sitzung. Im Mittelpunkt des Gesprächs steht ein einzelner Bewohner mit Demenz. Und das Bemühen, ihn und sein »herausforderndes« Verhalten zu verstehen. Sein Schimpfen und Rufen, sein zielloses Wandern, seine Wahnvorstellungen und Handgreiflichkeiten. So viel Zeit und Zuwendung ist keine Selbstverständlichkeit für deutsche Alten- und Altenpflegeheime.

Oft wird auf anstrengende Bewohner einfach mit der Verschreibung von Psychopharmaka reagiert. Am häufigsten werden Antipsychotika verabreicht, sogenannte Neuroleptika. Doch diese Praxis ist häufig rechtswidrig, bringt den Pflegenden keineswegs immer die erhoffte Entlastung, und vor allem: Sie schadet den Menschen oft mehr, als dass sie nützt. Von Fachleuten wird der schnelle Griff zum Rezeptblock seit Jahren kritisiert.

Doch es ändert sich einfach nichts. Wie die Untersuchungen der vergangenen Jahre zeigen, werden die Medikamente nach wie vor großzügig ausgeteilt: In 31 Altenpflegeheimen in München erhielt ein Drittel aller Bewohner Antipsychotika; in zwei Heimen in Frankfurt und Mainz standen Psychopharmaka gar für 63 Prozent der 167 Bewohner Tag für Tag parat. Und von den 2367 Bewohnern in 30 Hamburger Altenpflegeeinrichtungen erhielten mehr als 50 Prozent wenigstens ein Psychopharmakon – 30 Prozent davon waren Neuroleptika. »Da lässt sich getrost von Überversorgung sprechen«, sagt Pflegewissenschaftlerin und Studienleiterin Gabriele Meyer.

Neuroleptika sind riskante Arzneimittel – erst recht für Alte

Es ist längst mehr als ein Verdacht: Neuroleptika werden allzu häufig vor allem wegen ihrer dämpfenden Wirkung eingesetzt. Ein Arzt, der ungenannt bleiben will, sagt: »Ich kenne keine Pflegeperson, die zugeben würde, einen Bewohner ruhigstellen zu wollen. Allerdings erlebe ich häufiger den Wunsch, auch von Angehörigen, Weglauftendenzen oder beständiges Rufen medikamentös einzustellen. Aber was ist das denn anderes als Ruhigstellen?« Auch als Arzt komme man da schnell in eine schwierige Situation: »Die einen unterstellen, man dröhne die Patienten nur zu, die anderen verstehen nicht, warum man nicht endlich genügend Medikamente gibt.«

Doch Neuroleptika sind riskante Medikamente. Erst recht für alte Menschen mit Vorschädigungen am Gehirn.

Früher als bei jungen Patienten und schon nach niedrigeren Dosierungen treten bei ihnen die gefürchteten neuroleptikatypischen Bewegungsstörungen auf. Sie können sich als Parkinsonsyndrom, quälende Bewegungsunruhe, unwillkürliche Bewegungen und in Formen von Verkrampfungen und Fehlhaltungen der Muskulatur zeigen. Auch mangelnde Bewegungsfähigkeit, Apathie und Schluckstörungen können eine Folge sein und den Krankheitsverlauf verschlechtern. Große Risiken bergen die Wechselwirkungen zwischen den oft zahlreichen Medikamenten, die alte Menschen erhalten. Tatsächlich ist die Zahl der Krankenhausaufnahmen wegen unerwünschter Medikamentenwirkungen gerade bei dementen Heimbewohnern erheblich. »Zu hohe Dosen und zu schnelles Aufdosieren vor allem von Psychopharmaka, ungeeignete Arzneimittel und mangelhafte Therapieüberwachung sind die häufigsten Gründe dafür«, sagt Petra Thürmann, Expertin für klinische Pharmakologie. Bei 168 Bewohnern zweier Altenheime in Frankfurt und Mainz waren für ein Drittel der Medikamentenzwischenfälle allein die Neuroleptika verantwortlich. Start low, go slow – einschleichend und niedrig dosieren und nur vorsichtig erhöhen. Diese wichtigen Prinzipien der Alterspharmakologie werden allzu oft missachtet.

Zwar gelten die neueren atypischen Neuroleptika als nebenwirkungsärmer, gar als »gut verträglich«, doch in Wahrheit, mahnen etwa die US-Psychiater Daniel Katz und Ira Weintraub, seien deren Wirkungen nicht ausreichend erforscht. Vor vier Jahren warnte die amerikanische Arzneimittelzulassungsbehörde FDA sogar: Atypische Neuroleptika erhöhen die Sterblichkeit älterer dementer Menschen. Vergangenes Jahr erweiterte die FDA die Warnung: Auch konventionelle Neuroleptika gelten nun als riskant. Es wurden vermehrt Schlaganfälle, Lungenentzündungen, plötzliche Herztode oder Stürze beobachtet. Schon bei Kurzzeitbehandlungen, so das Ergebnis einer kanadischen Studie, sind schwere Zwischenfälle, auch Krankenhausaufnahmen, häufiger. Ähnlich besorgniserregend ist das Ergebnis einer gerade erst im Fachblatt Lancet Neurology erschienenen Langzeitstudie.

Aber die Wirksamkeit der Antipsychotika ist fraglich. Allenfalls moderate Behandlungseffekte scheinen nachweisbar, größeren Nutzen haben sie vermutlich nur bei schwerer Symptomatik. Paradoxerweise können sie sogar gerade jene Symptome auslösen, die sie eigentlich mildern sollen: psychotisches Erleben, aggressive Impulsdurchbrüche und Unruhe. Dennoch wird bei unzureichendem Behandlungserfolg häufig und viel zu schnell einfach die Dosis erhöht. Doch Psychopharmaka brauchen länger, bis sie verlässlich wirken.