Abraham Lincoln»Groß genug, um ungereimt zu sein«

Jörg Naglers überragende Lincoln-Biografie von Bernd Greiner

Als Barack Obama im November vergangenen Jahres seine Siegesrede in Chicago hielt, bezeichnete er sich selbst als den »nicht gerade wahrscheinlichsten Kandidaten« im Rennen um das Weiße Haus. Gleiches gilt für den Mann, auf dessen Bibel Obama am 20. Januar 2009 seinen Amtseid ablegte.

Dass Abraham Lincoln, am 12. Februar vor nunmehr 200 Jahren in einer winzigen Blockhütte in Kentucky geboren, zum Präsidenten aufsteigen würde, war nicht allein seiner ärmlichen Herkunft wegen unwahrscheinlich. Niemand hätte dem melancholischen, zeit seines Lebens zur Depression neigenden Mann zugetraut, das Selbstvertrauen und den Behauptungswillen für den mühevollen Aufstieg an die Spitze des Staatswesens aufzubringen und noch weniger die schier übermenschliche Kraft, deren es bedurfte, um Amerika durch einen verheerenden, alle Befürchtungen übertreffenden Bürgerkrieg zu führen und obendrein dem Land eine neue Perspektive zu geben.

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Abraham Lincoln belehrte die Zweifler und Kritiker eines Besseren. Als »Befreier der Sklaven« ist er zum Mythos geworden, als erster von Mörderhand niedergestreckter Präsident zum Märtyrer. Mit keinem anderen amerikanischen Politiker haben sich Historiker über die Jahrzehnte so ausgiebig beschäftigt. Tausende von Aufsätzen und Biografien künden davon, Tendenz steigend.

Angesichts dieser Publikationsflut die zigste Lincoln-Biografie zu schreiben grenzt schon fast an Chuzpe. Wird der Leser tatsächlich auf etwas stoßen, was andernorts nicht bereits durch die Mühle gedreht wurde? Wer Jörg Naglers Buch liest, wird derlei Skepsis alsbald vergessen. Die gerade erschienene Studie ist das mit Abstand farbigste, detailreichste Porträt Lincolns auf dem deutschen Markt. Und mit gutem Grund sollte man hinzufügen: Dieses Buch gehört in jeden gut sortierten Bücherschrank.

Nagler macht auf sehr einfühlsame Weise deutlich, was W.E.B. DuBois mit dem berühmten Satz meinte, Lincoln sei »groß genug, um ungereimt zu sein«. In bester angelsächsischer Erzähltradition wird uns ein Mensch und Politiker nahegebracht, der in vielerlei Hinsicht nicht zur Stilisierung als Lichtgestalt taugt: Siehe die erst gegen Ende seines Lebens korrigierte und mannigfach von Rassismus durchwirkte Forderung, die Sklaven nach ihrer Befreiung ins Innere Afrikas zu deportieren. Die Stärken und Schwächen des Menschen und Politikers Lincoln, Selbstzweifel einerseits, unverwüstlicher Ehrgeiz andererseits, die skrupellose Ausbeutung von Macht wie seine tiefe Skepsis gegenüber den korrumpierenden Versuchungen der Macht – all dies fügt sich zu einem vielfältigen, von einer Zentralperspektive ausbalancierten Bild eines Präsidenten, der tatsächlich einlöste, was die meisten nur einklagen. Nämlich einer Sache zu dienen, die größer war als er selbst.

Eben weil er, unaufdringlich und doch entschieden, an dieser Perspektive festhält, hat Jörg Nagler wesentlich mehr als die Bilanz eines imponierenden Lebens und einer aufregenden Epoche vorgelegt. Das Buch dringt immer wieder zum Glutkern der Aktualität vor und macht deutlich, welchen Gewinn wir noch heute aus der Diskussion des Vermächtnisses von Abraham Lincoln ziehen können.

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