WAS BEWEGT ... Robert Rubin? Obamas Hintermann

Einst war er Bill Clintons schillernder Finanzminister, dann stolperte er als Banker über die Krise. Seine Zöglinge machen jetzt für den Präsidenten Wirtschaftspolitik

Robert Rubin ist Rentner. Anfang des Jahres gab der ehemalige Finanzminister von Präsident Bill Clinton seinen Job als Topberater der Citigroup auf. Der einstige Star der Wall Street und Darling der Washingtoner Demokraten war am Ende über die enormen Verluste bei der Großbank gestolpert, die ohne Staatsmilliarden nicht mehr am Leben wäre. In Washington ist der Einfluss des 70-Jährigen seither aber eher noch gewachsen. Rubins Zöglinge sitzen an den Schaltstellen der Regierung Obama.

Wer ihm begegnet, den nimmt er schnell mit seiner Bescheidenheit ein. Bei einem Interview in seinem weitläufigen Büro bei der Citigroup, einige Monate bevor die Finanzkrise akut wurde, setzt er sich mit der Reporterin an den Kaffeetisch, ein wenig steif wegen seines Rückenleidens. Er spricht leise, jedes Wort wägend. In einer unsicheren Welt lautet der Titel seiner Memoiren. »Ich bin nicht sicher«, beginnen fast alle Antworten des Mannes, der Abschlüsse der beiden Elite-Universitäten Harvard und Yale vorweisen kann.

Machen ihm Unsicherheiten Angst? »Mit Unsicherheiten muss man überall umgehen. Wenn man das erst einmal akzeptiert hat, hängen Entscheidungen von Wahrscheinlichkeiten und Kompromissen ab.«

Hinter dem Zögerlichen verbergen sich ein messerscharfer Intellekt und ein starkes Durchsetzungsvermögen. In seiner Zeit als Minister ging Rubins Rolle über die eines Kabinettmitglieds hinaus. Clinton nannte ihn einmal »den besten Finanzminister seit Alexander Hamilton«. Das ist nicht wenig: Hamilton gehört neben Washington und Jefferson zu den legendären US-Gründervätern, er gilt als Initiator des amerikanischen Finanzsystems.

Er schuf das Rezept für die Boomjahre

Es war erst wenige Tage im Amt, da sah Rubin sich im Januar 1995 mit der drohenden Zahlungsunfähigkeit Mexikos konfrontiert, die das globale Finanzsystem mitzureißen drohte. Er konnte das Debakel durch geschickte Diplomatie und eine 20-Milliarden-Dollar-US-Garantie abwenden. Noch gefährlicher für die globale Wirtschaft waren die Krisen in Asien und Russland Ende der neunziger Jahre. Das führte zum Kollaps des Hedgefonds LTCM, der in eine schwere Finanzkrise hätte münden können.

Gemeinsam mit seinem Stellvertreter Larry Summers, Notenbankchef Alan Greenspan und den Experten des Internationalen Währungsfonds gelang es Rubin damals, eine größere Krise abzuwenden. Als »Komitee zur Rettung der Welt« titulierte Time Magazine das Trio damals auf dem Cover. In Asien wurde Clintons Finanzminister durch das Krisenmanagement zum Superstar. Noch Jahre später wurde Rubin bei Trips nach Korea oder Singapur nach Autogrammen gefragt.

Seine Ansätze, häufig als »Rubinomics« zusammengefasst, galten als Rezept für die Boomjahre unter Clinton: durch einen ausgeglichenen Staatshaushalt niedrige langfristige Zinsen zu erreichen und dadurch Konsum und Investitionen anzukurbeln. In seiner und Clintons Amtszeit erlebten die USA eine Phase hoher Wachstumsraten und niedriger Arbeitslosigkeit.

Als sich Clintons zweite Amtszeit dem Ende zuneigte, suchte Rubin nach einer neuen Aufgabe. Sandy Weill, der Vorstandschef der Citigroup, holte ihn als consigliere (wie die Finanzgemeinde den Job des Chefberaters anerkennend nannte) in seinen damals frisch fusionierten Mega-Finanzkonzern. Damit kehrte Rubin zu seinen Ursprüngen zurück. Bevor er Clintons Finanzchef war, hatte Rubin eine 26 Jahre lange Laufbahn an der Wall Street hinter sich gebracht – die in der Chefetage von Goldman Sachs endete.

Bei der Investmentbank, die für ihre elitäre Kultur und ihren weitreichenden Einfluss zugleich beneidet und verhasst ist, hatte sich Rubin schon als junger Mann einen Namen gemacht. Er galt als risk whiz, als Mann, der bei kalkulierbarem Risiko den Gewinn maximieren kann.

Nach seinem Wechsel nach Washington profitierte die Branche von seiner Erfahrung. Er drängte Regierungen von Schwellenländern in Asien, ihr Finanzsystem nach dem Modell der USA aufzuziehen – und öffnete den US-Banken so neue Märkte. Sein Nachfolger bei Goldman Sachs (und späterer Finanzminister George Bushs), Henry Paulson, brüstete sich damit, während seiner Zeit als Vorstandschef 70-mal nach China gereist zu sein. Goldman Sachs ist die einzige ausländische Investmentbank, die eine Zulassung für Geschäfte in China hat.

Rubins nachhaltigste Hinterlassenschaft war sein Einsatz für eine Deregulierung. Er drängte darauf, den Glass Steagall Act aufzugeben. Dieses Gesetz aus den dreißiger Jahren schrieb eine strikte Trennung zwischen Versicherungen, Geschäftsbanken und Brokerhäusern vor. Damit hatten die Volksvertreter nach dem Crash von 1929 wieder Vertrauen in das Finanzsystem bringen wollen. Das Ende für Glass Steagall kam kurz nach Rubins Abgang unter Summers.

Erst die Abschaffung des Gesetzes ermöglichte es Sandy Weill, seinen Finanzsupermarkt Citigroup zusammenzubauen – jene Institution, bei der Rubin dann seinen neuen Job antrat. Mehr als alles andere wird ihm heute angekreidet, dass er die Regulierung von Derivaten verhinderte. Als besorgte Aufseher ihn drängten, neuartige Finanzinstrumente wie Kreditderivate, deren Risiken und Nebenwirkungen weitgehend unbekannt waren, unter ihre Kontrolle zu stellen, weigerte sich Rubin. Wie Notenbankchef Alan Greenspan fürchtete er, Innovationen zu hemmen und die Wettbewerbsfähigkeit der US-Banken zu beschneiden. Rubin und Greenspan »überzeugten mich, dass eine Regulierung Chaos auslösen würde«, klagte Arthur Levitt, der damalige Chef der US-Börsenaufsicht SEC, später.

Die nicht börsengehandelten Derivate entwickelten sich zum großen Wachstumsmarkt der Finanzbranche. Im Jahr 2000 belief sich der nominale Wert der Kontrakte laut der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich auf 100 Billionen Dollar, Ende 2007 erreichten sie die sagenhafte Summe von 600 Billionen Dollar. Die komplexen Instrumente erwiesen sich am Ende für die Banken als verhängnisvoll. Kreditderivate brachten das globale Finanzsystem an den Rand des Kollaps, nachdem die Investmentbank Lehman Brothers in die Pleite gerutscht war. Sie waren die Hauptursache für den Absturz von AIG, dem einst größten Versicherer der Welt. »Diejenigen, die an eine Selbstkontrolle der Kreditinstitute geglaubt haben, um ihre Anteilseigner zu schützen, sind in einem Schockzustand«, gestand Greenspan im Oktober bei einer Befragung vor dem US-Kongress.

Der Weltretter von einst unterschätzte die Gefahren in der eigenen Bank

Citigroup gehörte zu den Banken, die das Debakel am härtesten traf. In dem Bemühen, es den Investmentbanken gleichzutun, die Rekordgewinne einfuhren, hatte Citi das Geschäft mit Hypothekenpapieren ausgeweitet und sich katastrophal verspekuliert. Auch risk whiz Rubin kam unter Beschuss. Er habe keine operative Verantwortung getragen, verteidigte sich der Angegriffene in einem Interview mit der New York Times im vergangenen Frühjahr. Manche Citi-Banker hatten einen anderen Eindruck. Sie schilderten Rubin den Times - Redakteuren als graue Eminenz hinter Weills glücklosem Nachfolger Charles Prince. Der galt als schwache Wahl. Rubin sei »wie der Zauberer von Oz, der im Hintergrund alle Fäden zieht«, sagte ein Citimanager, der anonym bleiben möchte.

Während Rubins Zeit bei Citi kam die Bank nie aus den Schlagzeilen heraus: Sie war verwickelt in Marktmanipulationsversuche. Verstöße in Japan führten dazu, dass Prince die Privatbanksparte dort schließen musste. Auch in die Bilanzskandale um Parmalat und Enron war Citi verwickelt. Herausgehalten hat sich Rubin damals nicht. Als der Energiekonzern Enron vor der Implosion stand, rief er einen Bekannten im Finanzministerium an. Ob das Ministerium Einfluss auf die Kredit-Rating-Agenturen nehmen könne, die Bewertung von Enron fallen zu lassen? Citi war einer der größten Gläubiger.

Das Telefonat war später Gegenstand einer internen Untersuchung des Senats, bei der Rubin aber kein Gesetzesverstoß vorgehalten wurde. Als die Citi-Verluste zweistellige Milliardenhöhe erreichten, wurden die Forderungen von Investoren nach einem Rauswurf Rubins lauter. Im Januar 2009 war es so weit: Man trennte sich.

Rubin ging als reicher Mann. Während sich die Verluste bei Citi bislang auf 19 Milliarden Dollar summieren und die Regierung 45 Milliarden an Steuergeldern einschießen musste und Garantien für wackelige Wertpapiere übernahm, hatte er für seine Dienste laut dem Finanznachrichtendienst Bloomberg insgesamt 150 Millionen Dollar kassiert.

Trotz des Citi-Debakels ist Rubin nicht aus dem Spiel. Er verfügt über ein großes Netzwerk. Der Mann, der als Chef des National Economic Council die Wirtschaftspolitik des neuen Präsidenten koordiniert, ist Larry Summers. Ihn hatte Rubin 1999 zu seinem Nachfolger in Clintons Finanzressort gemacht. Auch Obamas Finanzminister Tim Geithner verdankt seinen Aufstieg seiner Verbindung zu Rubin. Summers hatte Geithner einst als internationalen Stellvertreter geholt und Rubin vorgestellt, so startete die politische Laufbahn des früheren Finanzbeamten. Obamas Haushaltsdirektor, Peter Orszag, leitete bisher das Hamilton Project, eine Denkfabrik, die Rubin vor drei Jahren ins Leben rief. Und Rubins Sohn James gehörte zu dem Gremium, das Kandidaten für Schlüsselpositionen wie die Leitung der US-Börsenaufsicht SEC und die Terminmarktaufsicht CFTC auswählte. Schon vor der Wahl hatte Obama auf die »Rubinistas« – so der Washington-Spott – zurückgegriffen: Jason Furman, Obamas wirtschaftspolitischer Berater, kam auch vom Hamilton Project. Heute ist er Summers Stellvertreter.

Die ersten Bande zu Obama knüpfte Rubin bereits vor Jahren. Als er den Start seines Hamilton Project feierte, gehörte der frischgebackene Senator zu den Festrednern. Und als sich im Wahlkampf abzeichnete, dass Wirtschaftskompetenz eine ausschlaggebende Rolle spielen würde, benötigte Obama auf die Schnelle ein Team von Experten. Rubin half gern.

Das gefällt nicht allen. Gemessen an seiner Fähigkeit, anhaftende Fehler abzustreifen, komme einem »Teflon wie Superkleber« vor, lästerte Robert Kuttner, Mitgründer des liberalen Wirtschaftsinstituts Economic Policy Institute, in einem Essay für den American Prospect

»Obama hat versprochen, unterschiedliche Meinungen zu Rate zu ziehen. Aber es gibt keinen einzigen Dissidenten in dem Team«, klagt ein hochrangiger Gewerkschafter, der nicht genannt werden will. Obama hat seinen Wahlkampf mithilfe der Gewerkschaften gewonnen. Die sehen in Rubins ökonomischer Formel eine Bevorzugung des Kapitals und eine Benachteilung der Arbeiter.

Rubins Politik des niedrigen Zinses sei mitverantwortlich für die Spekulationsblasen, urteilt Rubin-Kritiker Kuttner – erst die Internetblase Ende der neunziger Jahre, dann die Immobilienblase und schließlich die Kreditblase: »Rubinomics are bubblenomics!« Die von Obama versprochenen Reformen sieht er skeptisch: »Es ist schon verwunderlich, dass eine große Zahl derjenigen, die jetzt die durch die Deregulierung entstandenen Probleme lösen sollen, ihre Karriere dem Mann verdanken, der sie letztlich ausgelöst hat.«

Auch Simon Johnson glaubt, dass Rubins Erbe lebendig ist. »Es ist Rubinomics Redux«, sagt der ehemalige Chefökonom des Internationalen Währungsfonds, der am Massachusetts Institute of Technology als Finanzprofessor lehrt. Nicht nur wegen der intellektuellen Handschrift. Ohne Rubins Vorarbeit der ausgeglichenen Haushalte könnten sich die USA die Billionenrettungsaktionen heute gar nicht leisten. »Sie haben fiskalpolitisch vorgesorgt, damit sie ihre Freunde in Notzeiten mit einem Rettungspaket raushauen können.« Er sieht Rubin keineswegs in Sack und Asche. Im Gegenteil: »Es ist Rubins später Triumph.«

 
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