Weltvergessen im Vatikan
Benedikt XVI. sucht die Versöhnung mit einer Sekte – und riskiert seinen Ruf. Weiß er eigentlich, was er tut?
Der Tag, der so schwarz enden sollte für die katholische Kirche, begann mit zwei weißen Lämmern. Am 21. Januar, dem Festtag der Heiligen Agnes, segnete Papst Benedikt XVI. gemäß altem Brauch die beiden Jungtiere, die in den Gärten seiner Sommerresidenz großgezogen worden waren, damit aus ihrer Wolle später das Pallium gewebt werden kann, eine weiße Stola mit schwarzen Kreuzen. Erzbischöfe erhalten sie als Ausweis ihrer Würde, und auch zu den Insignien des Papstes gehört ein Pallium – als Erinnerung an den Auftrag, der gerade Benedikt ein Herzensanliegen ist: Der oberste Hirte soll stets alle seine Schäflein beisammenhalten. Doch der 21. Januar wird kein Triumph für die Einheit der Kirche werden.
Am selben Tag unterzeichnete im Vatikan Kurienkardinal Giovanni Battista Re ein Schreiben unter der Überschrift Decreto, das seine Kirche binnen Kürze in einen Strudel der Zwistigkeiten stürzen sollte, wie sie ihn lange nicht gekannt hat: die Aufhebung der Exkommunikation von vier Bischöfen der ultratraditionalistischen Bruderschaft Pius X. Seinen unseligen Abschluss fand dieser Mittwoch am anderen Ende Europas, im tief protestantischen Schweden. Uppdrag granskning hieß die Dokumentation des Fernsehsenders SVT1, in der von 20 Uhr an einer der vier Pius-Bischöfe, Richard Williamson, darlegte, warum es den Holocaust nie gegeben habe. »Nehmen wir an, Sie vergasen 300 Leute, die Sie in eine Kammer gepfercht haben«, hub der Brite an, um dann in einem elaborierten Vortrag seine Ansicht zu untermauern, die Gaskammern von Auschwitz seien eine Erfindung.
Drei Tage gingen ins Land, in denen Rom hätte reagieren können, in Deutschland hatte bereits zwei Tage vor der TV-Ausstrahlung der Spiegel ausführlich über Williamsons Holocaust-Leugnung berichtet. Doch die päpstliche Botschaft in Berlin hat den Spiegel nicht abonniert. Und so verkündete der Vatikan am Samstag die Entscheidung des Papstes: Battista Res Dekret tritt in Kraft.
»Es ist eine Fügung, dass unter den Bischöfen ein Holocaust-Leugner ist«
Die Kirchengeschichte der vergangenen 30, 40 Jahre ist nicht arm an Konflikten, doch keiner gleicht dem Erdbeben dieser Tage. Die Krisen von der Pillen-Enzyklika 1968 bis zum Streit um die Schwangerenkonfliktberatung reichten zwar tief in den Klerus hinein, waren aber in der Hauptsache ein Streit zwischen Kirchenvolk hier und Amtskirche dort. Der Holocaust-Skandal trifft in den Kern der Kirche von Johannes Paul II. und Benedikt XVI., denn er verletzt ihr erst mühsam der Geschichte abgerungenes Selbstbild: Nie wieder soll der Katholizismus gegen das Judentum stehen, diese »älteren Brüder«, wie Benedikt selbst die Juden nannte. Kurienkardinäle, Bischöfe und Erzbischöfe in nicht gekannter Zahl erklären sich öffentlich gegen den Schritt des Papstes. Dieser Konflikt kommt politisch aus dem Zentrum der Kirche, dem Vatikan, und er trifft sie theologisch ins Herz.
Was jedoch trieb den Papst? Handelt es sich bloß um einen Betriebsunfall? Eine Schlamperei im labyrinthischen Gewirr der Klerikalbürokratie, in der die eine Hand nicht weiß, wen die andere gerade segnet? »Es sind Fehler im Management der Kurie gemacht worden«, räumt unumwunden Kardinal Walter Kasper ein, zuständig für die Kontakte zum Judentum. Und zu Recht verweist der Vatikan darauf, dass die Aufhebung der Exkommunikation keine Anerkennung für die verheerenden Standpunkte des Bischofs Williamson bedeute. Doch sosehr die mediale Aufmerksamkeit für Williamson überzogen sein mag, so wenig ist die vatikanische Verteidigung nachvollziehbar, die Hinwendung des Papstes zur Pius-Bruderschaft sei für sich genommen kein Grund zum Anstoß. Drastisch drückt es der Schweizer Jesuit Christian Rutishauser aus, der zu Kardinal Kaspers Delegation bei katholisch-jüdischen Gesprächen zählt: »Es ist eine Fügung des Heiligen Geistes, dass unter den vier Bischöfen ein Holocaust-Leugner war. Auf diese Weise hat die Pius-Bruderschaft ihr wahres Gesicht gezeigt.« Die Gruppe trage »stark sektenhafte Züge« und sei »wegen ihres antijüdischen Geistes gefährlich, nicht allein wegen eines einzelnen Holocaust-Leugners«.
Trotzdem arbeitet seit Jahren die päpstliche Kommission Ecclesia Dei an der Aufhebung der Exkommunikation für die Pius-Bruderschaft, erst unter Leitung von Joseph Ratzinger, inzwischen unter dem kolumbianischen Kardinal Hoyos. Das Entgegenkommen des Vatikans folgte einem Drehbuch, es verrät eine theologische Strategie: Weil ihm die Kirche heilig ist, stellt Benedikt selbst die Einheit mit rechten Sektierern über die gebotene Vorsicht. »Das haben uns ein kirchenfixierter Kardinal und ein einheitsfixierter Papst eingebrockt«, sagt ein hoher Mann aus dem deutschen Klerus.
Der Aufruhr wäre also weder in seiner Ursache noch seiner Wirkung zu verstehen ohne eine entscheidende Schwäche dieses Papstes: Benedikts Schwierigkeit, die heikle Rivalität von Macht und Geist, von Theologie und Politik in seinem Amt zu balancieren. Seit seiner Rede an der Regensburger Universität, die Muslime weltweit als Schmähung des Propheten Mohammed auffassten, denkt und spricht der Papst zunächst als Theologe – wird aber als Politiker verstanden.
Doch während die Provokation von Regensburg eine muslimische Welt traf, der der Westen ohnehin skeptisch gegenübersteht, und während seine Kritik an den Protestanten, sie seien keine Kirche »im eigentlichen Sinne« nur die christliche Konkurrenz zu verletzen schien, fordert der Umgang mit dem Judentum auch die säkulare Politik an einem Punkt unverhandelbarer Prinzipien heraus: Das Bewusstsein für die Bedeutung des Holocaust gehört längst nicht mehr nur in Deutschland zum Grundkonsens. Der 27. Januar, der Tag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz, wurde von den Vereinten Nationen zum Holocaust-Gedenktag erklärt, der UN-Generalsekretär erinnert an den Tag mit einer Botschaft. Und so prallen im Konflikt um die Pius-Bruderschaft Weltkirche und Weltgemeinschaft aufeinander.
In Deutschland wird er gewissermaßen stellvertretend ausgetragen. Dass die Bundeskanzlerin einen Papst öffentlich zur Umkehr auffordert, ist noch nie dagewesen. Wie in der Kirche, so sind es auch in der Politik gerade die eher bedachten Köpfe, die entgeistert reagieren. »Lieber Herr Pater, was ist denn bei Euch in Rom los?«, mailte der Katholik und frühere SPD-Vorsitzende Hans-Jochen Vogel an den Leiter der deutschen Sektion von Radio Vatikan, den Papstvertrauten Eberhard von Gemmingen, »wir fassen es hier alle nicht.« Und der Protestant Hans-Dietrich Genscher, als Außenminister der Inbegriff des Ausgleichs, schmetterte dem Vatikan entgegen: »Wir sind Papst? – Aber bitte nicht so!«
Die jüngste Fehlentscheidung reißt die Frage auf, die diesen Papst von seinem Amtsantritt an begleitet hat: Wer behält am Ende die Oberhand in diesem Pontifikat, Joseph Ratzinger, der Glaubenspolizist, oder Benedikt, der einnehmende Intellektuelle auf dem Papstthron? Erst im Rückblick auf die erste, jetzt wohl beendete Phase seiner Amtszeit fällt auf, wie phänomenal der Erfolg dieses rund Achtzigjährigen war: In der volkstümlichen Variante wie am Weltjugendtag und in der intellektuellen wie am Feuilleton-Katholizismus abzulesen – Benedikt vermochte zu inspirieren. »Ich hatte so eine Hoffnung, dass da ein Geistesriese kommt und neue Anstöße gibt«, sagt ein wichtiger deutscher Kleriker, »und das schmilzt jetzt dahin.« Der Skandal markiert in jedem Fall eine Zäsur. Anders als bei seinem Vorgänger Johannes Paul ist Benedikts Charisma eines des Geistes, nicht des Herzens. Benedikt nimmt daher größeren Schaden durch gedankliche Fehltritte, als es Johannes Paul tat.
Die Fülle und Härte der Forderungen, mit denen sich der Papst jetzt konfrontiert sieht, lassen den Adressaten unwillkürlich als hartleibigen, ja starrsinnigen Verfechter einer letzten Lehre erscheinen. Dabei hat dieser Pontifex wie wohl keiner seiner Vorgänger eine Bereitschaft erkennen lassen, eigene Schroffheiten zu korrigieren. Der Feind jedes Relativismus hat seine Positionen schon mehrmals relativiert: Nach der Regensburger Muslim-Rede ebenso wie nach der Kritik an der Wiederzulassung der alten Karfreitagsfürbitte mit ihrer Formel »Lasst uns auch beten für die treulosen Juden«. Eine entschärfte (wenn auch nicht gänzlich unproblematische) Fassung verfasste Benedikt binnen eines halben Jahres sogar selbst. Und auch zu den Pius-Brüdern schob er bereits bei seiner Mittwochsaudienz vergangene Woche erste Worte der Sorge nach.
Doch die Pius-Brüder sind nicht zu bekommen ohne das fatale Erbe eines düsteren Katholizismus: den reaktionären Antimodernismus aus dem Geist der Judenfeindlichkeit. So wenig Benedikt den Antijudaismus teilt, so sehr weiß er sich mit den Pius-Brüdern, deren Gründer der französische Erzbischof Marcel Lefebvre war, in einem größeren Kampf einig, dem gegen eine verfehlte Moderne. Die Lefebvristen sehen sich in einem Ringen gegen den Geist der Revolution von 1789, der in ihrem Stammland Frankreich die Heilige Einheit aus Thron und Altar zerstört. Benedikts Kampf gegen den Relativismus wiederum ist nicht zu verstehen ohne seine verstörenden Erfahrungen mit der Revolte von 1968.
Als junger Theologe war Joseph Ratzinger, damals Mitte dreißig, begeisterter Verfechter des Zweiten Vatikanischen Konzils, er stand für Offenheit und Erneuerung. Er warb für eine leidempfindliche und weltzugewandte Kirche, die den Panzer der Orthodoxie aufbricht, ohne ihre Dogmatik preiszugeben. Ihre Botschaft sollte in die moderne Gesellschaft abstrahlen – sie sollte sie zur Räson rufen und ihr ins Gewissen reden. Aber eines sollte sie nicht: sich ihr verweigern.
Doch als Studenten die Hörsäle stürmten, sah Ratzinger darin auch einen Angriff auf den Glauben: »Gott wurde ausgeschaltet und durch das politische Handeln der Menschen ersetzt.« Wie die Revolutionäre von 1789 bastelten die Studenten aus der Frohen Botschaft eine politische Religion für weltliche Zwecke. Das aber war Selbstermächtigung, das war marxistischer Messianismus, der dem Schöpfer in die Ordnung pfuschte.
Und wieder ist die Frage: Wer spricht denn da, Ratzinger oder Benedikt?
In den Jahren nach 68 brachen theologische Zerwürfnisse auf, die vom Reformeifer des Zweiten Vatikanums verdeckt worden waren. Ratzinger, damals Erzbischof von München und Freising, verhinderte, dass sein früherer Kollege Johann Baptist Metz nach München berufen wurde. Das Veto offenbarte eine tiefe theologische Differenz. Für Metz war Auschwitz das Schlüsselereignis, das die katholische Theologie in eine Grundlagenkrise stürzte. Die Auslöschung der europäischen Juden, so Metz, müsse die Rede von Gott verändern. Nie wieder dürften die Christen theologisch hinter Auschwitz zurück. Ratzinger hingegen nannte andere Zäsuren – die Reformation und die Französische Revolution.
Doch seltsam – in den Jahren vor der Papstwahl erlebte die Öffentlichkeit einen gesprächsfreudigen Ratzinger, der der Rolle des Großinquisitors überdrüssig schien. Er traf sich mit alten Widersachern, diskutierte sogar mit Baptist Metz und Jürgen Habermas – einem Philosophen, der in Ratzingers Kategoriensystem eben noch als gottloser Liberaler verbucht worden war. Nach seiner Wahl zum Papst reichte er sogar seinem ärgsten Gegner, dem Theologen Hans Küng, die Hand zum Gespräch, auch wenn die Differenzen blieben. Und wieder lautete die Frage: Wer behält die Oberhand, Ratzinger oder Benedikt?
Ein wahrscheinlich letztes Mal, nach dem Konzil, nach 68 und nach seiner Wahl zum Papst, steht Benedikt jetzt an einer Wegscheide. Der Augenblick ist nicht frei von Tragik. Ratzinger, der Konservative, war nie so verbohrt, wie es seine Kritiker oft glauben machen wollten. Und Benedikt, der Missionar, hatte nie bessere Chancen, die Kirche in seinem Sinne zum Leuchten zu bringen. In der postmodernen Welt von heute sind auch aufgeklärte Geister empfänglich für die Idee einer Kirche, die ihr theologisches Profil schärft, die ihren »göttlichen Charakter« nicht versteckt, die mehr sein will als eine spirituell dekorierte Arbeiterwohlfahrt. Jetzt droht der Papst selbst dafür zu sorgen, dass die kurze Renaissance des Katholischen zu Ende geht.
- Datum 05.02.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 05.02.2009 Nr. 07
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