Eiferer im Hinterhof
Die Pius-Bruderschaft fordert den Papst heraus – wer sind die umstrittenen Glaubenskämpfer? Ein Messbesuch in Hamburg
Der erste Eindruck ist der eines Missverhältnisses: Die Welt, zumal die katholische, ist in Aufruhr – und dies soll der Grund dafür sein? Der Weg zur norddeutschen Zentrale der Pius-Bruderschaft führt, vorbei an einem geschnitzten Kruzifix, in einen Hinterhof im Hamburger Norden. Ein niedriges Kirchenschiff ohne Glockenturm steht hier, ausgestattet mit schlichten Bänken und einem Zettelkasten, der über das eher karge Gemeindeleben im Priorat St. Theresia v. Avila Auskunft gibt. Acht Gläubige, überwiegend ältere und jüngere Frauen, haben an diesem Montagabend den Weg hierher zur Feier Mariä Lichtmess gefunden, gehalten in der Form einer stillen Messe, ohne Predigt und Gesang. Aus dem eintönigen Gemurmel Pater Jatzkowskis erheben sich gelegentlich einzelne Silben des lateinischen Gebets, die er betont, damit die Gemeinde den Faden neu aufnehmen kann, wenn sie ihn verloren hat.
Der Pater betet dem Altar zugewandt, mit dem Rücken zur Gemeinde. Das also ist die tridentinische Messe, um derentwillen sich vor fast 40 Jahren ein Grüppchen konservativer katholischer Priester von seiner Kirche abwandte, nachdem das Zweite Vatikanische Konzil die Verwendung der Volkssprachen im Gottesdienst gestattet hatte. »Wegen des Abfalls vom Glauben, der in Rom herrscht, müssen wir mit ansehen, wie die Seelen in Massen der Hölle zustreben«, predigte der Gründer der Bruderschaft, der später exkommunizierte französische Erzbischof Marcel Lefebvre – und die Gläubigen hier sind entschlossen, diesen verhängnisvollen Weg nicht mitzugehen.
Am Telefon war der Pater wortkarg; Interviews hat die Bruderschaft ihren Priestern einstweilen untersagt, zu ein paar »Informationen« findet sich Jatzkowski aber bereit. Es seien ja, so klagt er, stets die negativen Meldungen, die seiner Glaubensgemeinschaft öffentliche Aufmerksamkeit verschafften. Gemeint ist die öffentliche Entrüstung über die antisemitischen Äußerungen des Pius-Bischofs Williamson. Dennoch ist dies ein erstaunlicher Satz angesichts des größten Erfolges in der Geschichte der Bruderschaft. Hat nicht der Papst soeben die Exkommunikation Williamsons und dreier anderer Bischöfe aufgehoben und damit die letzte noch offene Vorbedingung der Bruderschaft für Gespräche über eine Versöhnung mit der Amtskirche erfüllt?
Die ältere Dame gehört der Gemeinde seit 20 Jahren an; sie ist aus Bremen nach Hamburg gezogen, um hier beten zu können, wie es ihr richtig erscheint. Über den katholischen Gottesdienst nach den Reformen der sechziger Jahre, dieses »Affentheater«, urteilt sie mit der Empörung einer Heimatvertriebenen. Wer dem Katholizismus eher distanziert gegenübersteht, dem werden ihre erregten Ausführungen über den Unterschied zwischen Hand- und Mundkommunion, also die Frage, wie der Priester dem Gläubigen Oblate und Messwein überreicht, wenig sagen. Aus ihrer Sicht aber geht es dabei um ihr Seelenheil; wie kann sie da Kompromisse eingehen?
Konservative Glaubensstrenge, eine harmlose, weltabgewandte Frömmigkeit und theologische Dispute, deren Bedeutung sich nur Eingeweihten erschließt – mit diesem Eindruck könnte sich der Besucher verabschieden. Aber die Pius-Bruderschaft hat eine zweite Seite, die kennenlernt, wer sich in ihr Schrifttum vertieft. Hier begegnet dem Leser eine Kampforganisation gegen »Modernismus und Liberalismus«, der jeder Gedanke an Respekt vor Andersgläubigen fremd ist. Dem modernen Katholizismus tritt sie mit Verachtung gegenüber. Der Tonfall ist mal ironisch, mal gehässig und insgesamt von sektiererischer Rechthaberei.
Manches ist kurios, etwa der Versuch, die Evolutionstheorie zu widerlegen, oder die besondere Berücksichtigung der Lehren Thomas von Aquins in der Frage, wo genau denn nun der Sitz der Erbsünde zu vermuten sei (wenig überraschende Antwort: in den Geschlechtsteilen). Anderes ist rechts außen ohne Weiteres anschlussfähig, wie die Tiraden über »die Juden unserer Tage« , die »des Gottesmordes mitschuldig« seien, oder über den Islam, der »sich zum Ziel gesetzt hat, die Erde durch Feuer und Schwert dem Halbmond zu unterwerfen«.
Vor allem aber hat die Pius-Bruderschaft genaue Vorstellungen von der Art ihrer Rückkehr in den Schoß der Kirche. Als »Vorleistung«, so forderte der deutsche Distriktoberst der Bruderschaft, Pater Franz Schmidberger, im vergangenen Jahr, möge Rom doch bitte die traditionelle Messe wieder zulassen, eine Bedingung, die der Heilige Stuhl schon damals »einigermaßen erfüllt« habe. Außerdem müssten die vier Bischöfe wieder aufgenommen werden. Dann müsse die katholische Kirche bloß noch all die Irrlehren widerrufen, denen sie seit dem Zweiten Vatikanum anhängt, damit die Bruderschaft bereitstehe, »in einer ihr verliehenen angemessenen rechtlichen Struktur« am »Wiederaufbau der zerstörten Stadt Gottes« teilzunehmen.
Und wenn diese Bedingungen nicht erfüllt werden? Dann, schreibt Schmidberger, »gilt es, heldenhaft unter dem Kreuz der Ausgrenzung auszuharren«. Anders ausgedrückt: im Hinterhof.
- Datum 05.02.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 05.02.2009 Nr. 07
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