Wie die Geschichte in Gang kommt
Armin Petras inszeniert in Berlin den Arbeiterroman »Rummelplatz« von Werner Bräunig. Ironische Botschaften aus einer versunkenen Welt
Der Neue Mensch wirkt sehr alt und sehr müde, als er die spärlich beleuchtete Bühne der Weltgeschichte betritt. Sein Mantel ist staubig, sein Lachen freudlos, und sein schleppender Gang straft die Zukunftsparolen Lügen. In Kriegsheimkehrerhaltung steht der Prolet, der offiziell Proletarier heißt, weil das stolzer klingt, auf der Schwelle zum Sozialismus. Wer ihn sieht, glaubt nicht an seine heroische Rolle in der Konkurrenz der Systeme. Von wegen: Mein Arbeitsplatz, mein Kampfplatz für den Frieden! Dieser Mensch will seine Ruhe und vielleicht ein paar Mark verdienen, notfalls im sowjetisch besetzten Erzgebirge in einem dieser Uranschächte, die der Hölle ähneln, wo aber immerhin die Bezahlung stimmt. Zeit der Handlung ist die Mitte des letzten Jahrhunderts, kurz nach dem Nullpunkt, am Anfang des Neuanfangs, als die Hoffnung auf eine Utopie so gering war, wie erst am Ende des Millenniums wieder. Vielleicht hat der Regisseur Armin Petras deshalb diesen Roman über die versunkene Uranprovinz ausgegraben: Weil der Kreis sich nun schließt und die Neuen Menschen von damals die alten von heute sind – Illusionslose auf der Suche nach einem halbwegs anständig bezahlten Job.
Ein düsterer Nachkriegsroman als kabarettistisches Nachwendedrama
Der 1964 geborene und für seine Gegenwartspersiflagen berühmte Armin Petras hat einen Roman aus den 50er Jahren dramatisiert. Rummelplatz stammt von dem gelernten Schlosser, gewesenen Hauer und früh verstorbenen Vorzeigearbeiterschriftsteller der DDR Werner Bräunig, der anhand verschiedener Lebensläufe die Aufbauzeit in der Wismut erzählt, jenem legendären Schachtsystem, wo der Rohstoff für die sowjetische Rüstungsindustrie gefördert wurde. Er erzählt von harter Maloche im Dunkeln, vom ständigen Hunger nach Licht und ein bisschen Unbeschwertheit. Damals wollte die »Ostzone« planmäßig den Faschismus überwinden – die Dichter waren aufgefordert, durch muntere Aktivistenprosa das Ihrige beizutragen. Weil Bräunig sich aber in die düstere Gemütsverfassung der frühsozialistischen Helden versetzte, wurde er von den Parteizensoren geächtet. Sein Wismut-Epos Rummelplatz konnte erst 2007 erscheinen, gut dreißig Jahre nach dem Alkoholtod des von politischen Schikanen zermürbten Autors. Diese posthume Wiedergutmachung war ein Publikumserfolg, der nun im Theater nachhallen soll.
»Wer hat denn die Welt eingerichtet, wie sie jetzt ist? Ich vielleicht?«, fragt der junge Bergmann seinen Obersteiger, der ihm die historische Mission der Arbeiterklasse zu erklären versucht. »Aber jetzt will es natürlich keiner gewesen sein. Der Krieg, die Lager, die Ruinen. Gestern noch Heil geschrien und alles kaputtgemacht. Wo sind denn nun die Nazis hin?« Das halten die Deutschen hüben wie drüben geheim. »Keinerkeiner, der es gewesen ist«, konstatiert Kleinschmidt, und über dieses Problem wird er immer wieder stolpern, denn davon handelt die Inszenierung am Maxim Gorki Theater Berlin: von der Lüge zum Wohle des Volkes und vom Vergessen im Namen der Zukunft, heiße sie nun Sozialismus oder Demokratie. Wer aber die Wirklichkeitsverleugnung einmal eingeübt hat, kann irgendwann nicht mehr anders, als seine Schuld an jeglicher Krise abzuwehren. Für ihn ist die Krise Schicksal. Möglich, dass hierin auch das Drama unserer Epoche besteht.
Bei Petras soll der Nachkriegsroman zugleich als Nachwendedrama funktionieren. Leider lässt der Regisseur seine Figuren zunächst als pointenspuckende Knallchargen auftreten. Wenn sie eine Frechheit gegen ihren Vorgesetzten loslassen, zwinkern sie einander verschwörerisch zu. Wenn ein Mädchen vorbeistöckelt, knuffen sie einander grinsend in die Rippen. Es sieht aus, als wollte der Regisseur sich durch vorauseilende Demontage seiner Helden gegen einen Sozialismusverharmlosungsverdacht absichern. Allerdings: Wer 600 Seiten in dreieinhalb Stunden runterzuschnurren gedenkt, darf sich mit subtilen Charakterstudien tatsächlich nicht aufhalten. Und allmählich merkt man auch, dass die knappen Kabarettauftritte kein Notbehelf sind, sondern eine Metaerzählung über die Unmöglichkeit, noch ernstlich die Idee der Gerechtigkeit zu propagieren, nachdem sie von Stalinisten okkupiert und durch Zwangsmaßnahmen zur Massenbeglückung diskreditiert wurde.
Karikatur der besseren Welt: Wie die verdreckten Kumpel in der Kneipe sitzen und ein selbstironisches Lob des Kommunismus anstimmen (»Das Bier wird aus der Wasserleitung fließen, prost!«). Muss denn jede Revolution scheitern? Der Regisseur jedenfalls, mit dem Geschichtswissen des Spätergeborenen begnadet, wendet die Vergangenheit auf die Gegenwart an, um eine alte Krise zu illustrieren und auf eine neue anzuspielen: die knochenbrechende Schufterei damals und die erzwungene Untätigkeit heute, ein Zuviel und ein Zuwenig an sinnstiftender Arbeit.
Ach, Arbeit! Als die Frauen noch Kittelschürzen trugen! Als sie den Beruf der Maschinenführerin zu ihrem Traum erkoren und nach der ersten geglückten Schicht einen Freudentanz vollführten! Darin besteht die Kunst des zehnköpfigen Gorki-Ensembles, dass es die seltsamen Sehnsüchte der Neuen Menschen von anno dazumal doch insgeheim ernst nimmt. Selbst in den komischsten Momenten, wenn etwa die Maschinenführerin ihre Arme ausbreitet und schwanenseehaft einherschwebt, bleibt eine gewisse Würde gewahrt.
Wir könnten uns wehren, wenn wir nur wollten
Die Wismut, von heute aus betrachtet, ist eine versunkene Welt. Ob ihre Bewohner Uransklaven oder Sonnensucher waren, darüber stritten die Gelehrten schon in der DDR: Stefan Heym eckte mit seinem Roman Schwarzenberg an, Konrad Wolf drehte den Film Sonnensucher und Horst Salomon schrieb das Theaterstück Katzengold. Warum Petras nun noch einmal in den stillgelegten Schacht namens Literatur-der-Arbeitswelt hinabsteigt, wird in jenen sinnbildhaften Szenen evident, die den Übergang aus dem Staatssozialismus in eine freiere Epoche andeuten. 1953, 1956, 1968, 1989? Zum Beispiel der Aufruhr bei der Dorfkirmes, als knüppelbewehrte Volkspolizei das Boogie-Woogie-tanzende Volk auseinandertreiben will: Der Konflikt wird auf der Bühne nicht gezeigt, nur in Brechtscher Manier mitgeteilt, denn worauf es dem Regisseur ankommt, sind geräumige Bilder, in denen die Enttäuschungen Gestalt annehmen. Hier formieren sich zornige Arbeiter zu einer Mauer des Protests. Drohend heben sie Pflastersteine, erst im letzten Moment lassen sie sie fallen und flüchten von der Bühne, zurück bleibt die Warnung: Wir könnten uns wehren, wenn wir nur wollten.
Heiner Müller hat 1955 über den glücklosen Engel der Geschichte geschrieben: »Hinter ihm schwemmt Vergangenheit an, schüttet Geröll auf Flügel und Schultern, während vor ihm sich die Zukunft staut, seine Augen eindrückt, das Wort umdreht zum tönenden Knebel, ihn würgt mit seinem Atem.« Bräunig war weniger pessimistisch, und Petras spricht seine verschämte Hoffnung, dass die Geschichte nicht zu Ende sei, unpathetisch aus. Wenn die Arbeiter das Geröll von den Flügeln des Engels räumen und die Steine auf die Bühne donnern lassen, gibt es ein halb utopisches, halb apokalyptisches Geräusch. Bedrohlich rumpelnd kommt die Geschichte in Gang.
- Datum 05.02.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 05.02.2009 Nr. 07
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