Die Biografie ist eine Form neubürgerlicher Literatur, sie ist Zeichen von Gegenwartsflucht. Inmitten einer erweichten, unfasslichen Welt bietet sie Orientierung, wo doch jede Orientierung vergeblich ist. Allzu nachhaltig hat der Mensch seine Nichtigkeit und die der anderen erfahren müssen durch die Moderne, um noch an die Vollzugsgewalt des Einzelnen glauben zu können. Und doch stapeln sich Biografien auf den Verkaufstischen der Buchhändler, dicke, unhandliche Bücher über Tote, vom Glanz des Abschieds veredelte Werke.

So lässt sich ein kleiner, heller Aufsatz von Siegfried Kracauer namens Die Biographie als neubürgerliche Kunstform von 1930 zusammenfassen. Sie galt ihm als mindere Gattung, die eine auseinanderfallende, unübersichtliche Welt durch die Darstellung schöpferischer Individuen vergangener Zeiten vereinfachte. Auf Kosten der Gegenwart und auf Kosten eines Geschichtsverständnisses, das sich zumindest ansatzweise komplexer, systemischer Zusammenhänge bewusst wäre. Im Ohrenbackensessel, fern der Gegenwart, 2000 klein gedruckte Seiten über Goethes Leben lesen?

Von solch monumentaler Breite jedenfalls ist Nicholas Boyles Goethe-Biografie aus dem Jahr 1999. Sie war Zeichen einer neu entflammten Lust am Dichterleben, die sich in den darauffolgenden Jahren ungehemmt Bahn brechen sollte: Zwei gute und ausführliche Kleist-Biografien erschienen jüngst, man hat Stefan George auf 800 Seiten wiedererweckt, Schiller und Kafka in jeweils zwei Bänden auf insgesamt 1500 Seiten usw. Auch hat es sich offenbar eingebürgert, den Lebenden schon zu Lebzeiten etwas vom langen Leben abzutrotzen: Christa Wolf, Martin Walser und Günter Grass erfreuen sich bereits ihrer Lebensnacherzählungen.

Diesen Winter also Lessing. Auf nur 1024 Seiten. Doch das täuscht. Hugh Barr Nisbets Biografie zeichnet sich durch eine unerfreulich kleine Schriftgröße und kleine Zeilenzwischenräume aus, man hätte mit Leichtigkeit zwei Bände in gleicher Seitenlänge damit füllen können. Es handelt sich um ein durchweg gelehrtes Werk. Und Ausführlichkeit ist kein Makel, sofern sie nicht Selbstzweck ist. Der erste Satz aber lautet: »Der Wunsch nach einer neuen, umfassenden Lessing-Biographie ist seit dem mittleren zwanzigsten Jahrhundert wiederholt laut geworden.« Zwar sei eine lesbare Lebensbeschreibung von Dieter Hildebrandt (nur 508 Seiten) aus dem Jahre 1979 verfügbar, doch die letzte richtig große, richtig ausführliche Lessing-Biografie (zweibändig!) stamme aus dem Jahre 1919. Die gelte es zu ersetzen.

Nisbet, emeritierter Germanistik-Professor aus Cambridge, geht sodann mit einer jede Vernunft überschreitenden Genauigkeit ans Werk. Wer wen ganz genau beeinflusst haben mag bei diesem oder jenem entlegenen Fragment: ob Nicolai zuerst Mendelssohn, dann Mendelssohn Lessing, dann Lessing wieder Nicolai oder umgekehrt. Die Werke Lessings werden nacherzählt und interpretiert, dabei wachsen die Interpretationen, die über weite Strecken aus der Wiedergabe von Forschungsdebatten bestehen, zu kleinen Büchern in diesem Buch heran. Die Persönlichkeit Lessings indes, um die es, möchte man meinen, recht eigentlich (beziehungsweise recht neubürgerlich) geht, tritt im philologischen Gestrüpp in den Hintergrund.

Keine Kontur gewinnt Lessing, der Polemiker, der den Hamburger Hauptpastor Goeze bis aufs Blut reizte oder Gottsched, dessen Regelpoetik er bekanntermaßen scharf kritisierte: »Niemand, sagen die Verfasser der Bibliothek, wird leugnen, dass die deutsche Schaubühne einen großen Teil ihrer ersten Verbesserung dem Herrn Professor Gottsched zu danken habe. Ich bin dieser Niemand; ich leugne es geradezu. Es wäre zu wünschen, dass sich Herr Gottsched niemals mit dem Theater vermengt hätte.«

Keine Kontur gewinnt Lessing, der Spieler, der sein Geld verzockte; der Rastlose, der Städte und Freunde verließ, ohne Adieu zu sagen; der Leidende, der so spät sein privates Glück in einer Ehe fand, um es sogleich wieder zu verlieren. Sein Sohn stirbt kurz nach Geburt, die Mutter an den Folgen, und Nisbet kommentiert diese menschliche Tragödie spartanisch: »Zweifellos hat Evas Tod seinen (Lessings) beschleunigt. Erstaunlich ist unter diesen Umständen, wieviel er in den wenigen ihm noch verbleibenden Jahren zustande gebracht hat.« Derlei Minimalpsychologie durchzieht das Werk. Dieses Leben wird nicht erzählt, es wird referiert, wir erfahren zwar, dass Lessing den Berliner Montagsclub aufgesucht hat, aber gewinnen keinen lebhaften Eindruck von der Salonkultur des 18. Jahrhunderts, imaginieren keine Lebenswelt, die nicht die unsere ist. Dabei sollte die Biografie zumindest so literarisch wie wissenschaftlich sein.