Spiele Lebensgeschichte
Die Welt solle ihm zu Füßen liegen, vertraute er seiner Jugendfreundin an. Dieser Wunsch trieb ihn sein ganzes Leben an. Schon mit zwölf Jahren, als die beiden die Kleider tauschten und in der Öffentlichkeit paradierten, hielt er sich für einen Star, hatte er doch als »Prinz Muschel« in dem welterschütternden Stück Der Goldfisch auf der Bühne gestanden. Seine Mutter, die ihn anbetete und sich für ihr Wunderkind aufopferte, war daran sicher nicht ganz unschuldig, zumal er den Vater als Brötchenverdiener bald in den Schatten stellte. Zeigten sich später Leute schockiert, weil er keine richtige Schulbildung hatte, entgegnete sie mit Überzeugung, er habe durch seine Karriere wesentlich mehr gelernt. Ermöglichte ihm diese doch auch den Umgang mit »höheren Kreisen« und die Aussicht auf sozialen Aufstieg. »Er ist groß, dünn, sieht nicht besonders gut aus und hat Pickel«, schrieb eine Dame der Gesellschaft. Sein Aussehen konnte ihn also nicht empfehlen. Dafür entwickelte er das Talent, seine Gastgeber zu unterhalten. Es war sein frühreifer Witz, der ihm Türen öffnete, und in einem Alter, in dem andere noch für das Leben lernten, erfand er die Persona, mit der er privat und professionell identifiziert wurde.
Mit zwanzig war er eine öffentliche Figur, mit fünfundzwanzig eine Berühmtheit. Rebellisch, desillusioniert, intelligent, zynisch, amoralisch und intolerant, verkörperte er den Zeitgeist und zelebrierte Jugend als früher Popstar mit allem, was dazugehört: sex and drugs … – nur die Musik klang anders, und er schrieb sie selbst. Dies war aber nur eines seiner vielen Talente. Wie ein funkelnder Meteoritenschwarm gingen seine Werke auf das enthusiastische Publikum nieder. Kritiker fanden sie seicht und dekadent, die Zensurbehörde legte ihm Bremsklötze in den Weg, für ihn aber zählte nur der Erfolg beim Publikum. Wie ein Zauberkünstler überraschte er dieses stets aufs Neue, immer war er ihm eine Nasenlänge voraus und hielt ihm seinen Zerrspiegel vor. Das Tempo seiner Arbeit und seines Lebens bezahlte er mit regelmäßigen Nervenzusammenbrüchen, die er auf weiten Reisen kurierte. Wie für heutige Superstars war die ganze Welt sein Zuhause, auch so erfüllte sich der Ehrgeiz seiner Kindheit.
»Es braucht viel, um an die unbefleckte Empfängnis zu glauben, es braucht sogar noch mehr, dass ich an meinen sechzigsten Geburtstag glauben kann. Ich halte mich immer noch für unverbesserlich frühreif und zu allem fähig.« Als er das schrieb, hatte der »Erfinder der Coolness« über ein Jahrzehnt vernichtender Misserfolge erlebt. Die Welt hatte sich gewandelt, und es zeigte sich, dass sein Nonkonformismus auf den konservativen Werten einer untergegangenen Zeit basierte. Aber noch lag eine Phase der Wiederentdeckung und der Ehrungen vor ihm – eine Mischung aus später Würdigung seines Werks, historischem Interesse und dem alles verschlingenden Appetit einer neuen Unterhaltungsindustrie. Wer wars?
Wolfgang Müller
Lösung aus Nr. 6
Ella Fitzgerald (1917 bis 1996) stammte aus der Nähe von New York und war mit 16 bereits Vollwaise. Anfangs sang sie in der Band des Schlagzeugers Chick Webb, bevor sie ab 1941 als Solistin Weltkarriere machte. Fünfzig Jahre später (!) gab sie ihr letztes Livekonzert. Ihr zweiter Ehemann war der Bassist Ray Brown, mit dem sie ein Kind adoptierte
- Datum 02.04.2009 - 14:29 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 05.02.2009 Nr. 07
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