Kulturpolitik Die Krisenchance

Schluss mit Bustourismus und Event: Verstaatlicht die Museen!

Eigentlich sollte hier von Krise keine Rede sein. Schließlich geht es um Museen, und was haben Museen mit der Weltfinanzlage zu schaffen? Soll sich das Geld doch selbst verschlingen, sollen die größten Imperien an der eigenen Gier zugrunde gehen – die Museen können gelassen zusehen. Selbst wenn sich die ganze Welt in ein Finanzloch stürzt, die Schönheit bleibt, die Geschichte bleibt, es bleibt, was den Menschen wichtig ist. Im Museum.

Und doch, wir müssen über die Krise sprechen und darüber, dass keineswegs nur einige Banken, sondern auch die Museen dringend verstaatlicht gehören. Jawohl, verstaatlicht! Denn obwohl die meisten Museen dem Staat gehören, hat sich vielerorts die Privatisierung eingeschlichen. Und mit der Privatisierung die Krise.

Zum Beispiel in Hamburg: Dort hat sich die Stadt vor Jahren eine neue Kunsthalle gegönnt, die Galerie der Gegenwart. Allerdings gab es nicht genug Kunst, um den Neubau zu füllen, und die Stadt wollte kein Geld dafür ausgeben. Deshalb lieh sie sich Werke bei privaten Sammlern – und muss nun mit ansehen, wie manche dieser Sammler ihre sogenannten Dauerleihgaben zurückziehen, um mit der Kunst ihre Schulden zu tilgen.

Auf ähnliche Weise sind auch die Schirn Kunsthalle in Frankfurt oder die Albertina in Wien konjunkturabhängig geworden. Genauer: Sie sind abhängig von der Liquidität der Sponsoren. Der Staat bezahlt zwar Personal und Heizung, doch wenn es um Wechselausstellungen, gar um Kunstankäufe geht, stiehlt er sich oft aus der Verantwortung. Das sollen doch bitte schön Privatleute bezahlen. Je bereitwilliger diese aber spenden, desto weiter meint sich der Staat zurückziehen zu können. Und so ist zum Beispiel der Ausstellungsetat des Bonner Kunstmuseums, das in dieser Woche ein Symposium zum Thema Kulturfinanzierung abhält, auf 300000 Euro geschrumpft. Davon lässt sich nicht mal mehr der Sicherheitsdienst bezahlen.

Was also sollen die Museen tun? Sollen sie streiken, protestieren, von den Kommunen lauthals mehr Geld fordern? Das natürlich auch, und zwar schon deshalb, weil die für Straßenbau und Turnhallensanierung verprassten Milliarden bald eingespart werden müssen und absehbar ist, dass die Kulturetats als Erstes dran glauben müssen. Doch brauchen die Museen nicht nur mehr Staatsgeld, sie brauchen vor allem mehr Staat im Geiste.

Sie müssen sich frei machen von der ökonomischen Logik, der viele verfallen sind. Sie müssen sich lösen vom Diktat der Quote, von dem Glauben, dass allein hohe Besucherzahlen glücklich machten. Natürlich spricht nichts gegen populäre Ausstellungen, doch liegt das Heil der Museen nicht in Event, Bustourismus und totaler Vermarktung. Denn was haben die Besucher davon, wenn sie erst in langen Schlangen anstehen müssen, sich dann gegenseitig die Sicht auf die Kunst nehmen, um nach kurzer Zeit erschöpft in der Cafeteria niederzusinken?

Zumindest diese Chance steckt in der aktuellen Krise: Das Museum könnte seine Qualitätsmaßstäbe überdenken. Es müsste neu definieren, was eine gelungene Ausstellung ausmacht und wie die Kunst für die Besucher fruchtbar wird. Und wer weiß, vielleicht könnte es sogar seine Bestimmung wiederfinden: als ein Ort, an dem bleibt, was uns wichtig ist.

 
Leser-Kommentare
  1. Sehr geehrter Herr Rautenberg,

    als ehemaliger kaufmännischer Vorstand der Hamburger Kunsthalle kann ich dem Inhalt Ihres Artikels nur beipflichten. Raten möchte ich darüber hinaus, dass nun kein Nebenkriegsschauplatz über die Äußerung des Stiftungsratsmitglieds Dr. Jürgen Blankenburg zur Veräußerung der Werke von Gerhard Richter eröffnet wird. Ich habe diesen als überaus loyalen Museumsmann schätzen gelernt. Wenn es nun, ausgelöst von dieser provokativen Äußerung - nach elf Jahren der kaum mehr zu ertragenden sowie unwürdigen Debatten zur wirtschaftlichen Überlebensfähigkeit der Stiftung - endlich gelingt, einen seriösen Dialog zur Zukunft der Hamburger Museen zu führen, dann ist ihm zu danken. Es muss endlich Schluss sein, mit der kulturpolitischen Demontage der für unser Gemeinwesen so wichtigen Bildungsträger.

    Tim Kistenmacher
    Hamburg

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