ZEITmagazin: Frau Swinton, was war das Beste, was Ihnen je in einem Kino passiert ist? Und was war das Schlimmste?

Tilda Swinton: Zwei Mal – in einer Vorführung von Andrej Tarkowskijs Film Stalker und während Apichatpong Weerasethakuls Tropical Malady – dachte ich wirklich, ich träume, und rieb mir die Augen. Und bei der Premiere eines Films, in dem ich selbst mitspielte, sah ich die Kopie über der Projektorbirne in Flammen aufgehen. Das Publikum schien sich daran aber nicht groß zu stören. Der Film auch nicht. Er wurde geflickt und danach weitergezeigt. Wenn ich über diese Momente nachdenke, scheint mir: Abgesehen von unwillkommenen sexuellen Avancen, kann im Kino eigentlich nicht wirklich etwas schiefgehen, oder?

ZEITmagazin: Was sind Ihre Lieblingskinos?

Swinton: Einmal sah ich in Ostafrika ein Betttuch, das an einem Baum aufgehängt war. Es diente als Leinwand für die alljährlich stattfindende Vorführung des immergleichen alten Westerns. Während der Film lief, flog der Speer eines Meru-Stammesmitgliedes in den Hut des Schurken. Der Speer baumelte da bis zum Ende herum, zwischendurch steckte er in den Lippen des Liebespaares. Das ist schwer zu toppen. Viele meiner Lieblingskinos gibt es nicht mehr. Das alte Arsenal in Berlin. Das Lumiere in der St. Martin’s Lane in London. Das Arts Cinema in Cambridge. All diese Orte sind, soweit ich weiß, inzwischen schicke Hotels, Coffeeshops oder Pornoklitschen.

ZEITmagazin: Schon lange redet man vom Ende des Kinos, von Video-on-Demand. Glauben Sie, dass der Film in seiner klassischen Form – vorgeführt in einem Kino – verschwinden wird?

Swinton: Niemals.

ZEITmagazin: Wofür brauchen wir Kinos?

Swinton: Um gemeinsam im Dunkeln zu sitzen.

ZEITmagazin: Und worin sehen Sie die Bedeutung von Festivals?

Swinton: Ich glaube, dass sich Festivals stets mehr ums Publikum drehen als um die Filme. Festivals bieten die Möglichkeit des Diskurses über das Kino. Sie laden uns ein, den Horizont unserer Erwartungen auszudehnen, das ist das Einmalige und Kostbare an ihnen. Die Vorstellung, mit einem unbekannten Film einen Glücksgriff tun zu können, macht aus allen Festivalbesuchern Abenteurer.

ZEITmagazin: Sie selbst haben kürzlich ein eigenes Kino und ein eigenes Festival eröffnet. Welche Idee steckt hinter dem Cinema of Dreams, das im letzten Sommer in Ihrer schottischen Heimat zum ersten Mal stattfand?

Swinton: Das Cinema of Dreams ist ein Geisteszustand, den meine Seelenverwandten und ich in der nächsten Zeit auf verschiedene irdische Orte übertragen werden. Im vergangenen August manifestierte er sich in Gestalt eines Festivals im Ballerina Ballroom, einer ehemaligen Bingohalle in Nairn, meinem Wohnort in den Highlands. Es gab keine Premieren, keinen roten Teppich oder Ähnliches. Achteinhalb Tage lang zeigten wir unsere Lieblingsfilme, von Miss Marple bis Fellini, von Fassbinder bis Paradjanov. Der deutsche Filmverleih Edition Salzgeber unterstützte uns. Im März wird dieser Geist in Peking Gestalt annehmen, als Festival von ausschließlich schottischen Filmen.