MEINUNG Zurück aus dem Krieg

Auslandseinsätze traumatisieren – das hat Deutschland zu lange verdrängt

Manchmal bedarf es eines Films, damit wir die Wirklichkeit sehen. Manchmal erzeugt eine Geschichte, eine Fiktion, größere Bereitschaft zur Einsicht als eine brutale Dokumentation. Am Montagabend zeigte die ARD eine solche Fiktion. Einen Film, von dem man sich wünscht, dass er etwas auslöst.

Willkommen zu Hause ist die Geschichte eines traumatisierten Soldaten, der seelisch verwundet vom Auslandseinsatz zurückkehrt und nicht mehr in sein altes Leben findet. Es ist nicht wichtig, ob dieser Film besonders gut ist oder nicht. Wichtig ist, dass man ihm wünscht, dass er unsere Wahrnehmung verändert. Willkommen zu Hause ist im deutschen Fernsehen einmalig. Dass dieser Film zur besten Sendezeit lief, ist ein deutliches Signal: Dieses Thema geht uns alle an. Es ist kein Randthema, es gehört in die Mitte der Gesellschaft.

Die Realität sieht so aus: Derzeit sind 6500 Bundeswehrsoldaten im Auslandseinsatz. Die Zahl derer, die mit seelischen Wunden, der sogenannten Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBD), zurückkehren, steigt ständig. Im Jahr 2006 waren es 55 Soldaten, 2007 schon 130, im vergangenen Jahr 226. Die wachsende Zahl mag auch damit zu tun haben, dass sich inzwischen mehr Soldaten trauen, sich zu offenbaren und sich in Behandlung zu begeben. Das macht die Sache aber nicht besser.

Denn das Verschweigen der Krankheit oder der psychischen Probleme zeugt nicht nur von individueller Scham. Es ist ein Spiegel des kollektiven Unvermögens, für das, was unsere Soldaten im Ausland tun, angemessene Begriffe zu finden. Seit Bundeswehrsoldaten in Auslandseinsätzen kämpfen, ringen die deutsche Öffentlichkeit und die Politik um Worte. Friedensmission? Aufbauhilfe? Kampfeinsatz? Nie wird das, was deutsche Soldaten im Ausland tun, Krieg genannt.

»Nie wieder Krieg« hat sich – zu Recht – ins deutsche historische Gedächtnis so fest eingebrannt, dass die Formel den Blick auf die Realität lange verstellt hat. In Afghanistan wird geschossen, gebombt, gestorben, Menschen werden verwundet. Und unsere Soldaten sind mittendrin. Sicher in der Absicht, zu verhindern, zu schlichten, zu vermeiden, zu helfen. Aber dort, wo sie sind, ist Krieg. Sie sind im Krieg. Sie kommen nach Hause und sind vom Krieg gezeichnet.

Mit den steigenden Zahlen kranker Soldaten in Deutschland steigen langsam auch das Problembewusstsein und die Bereitschaft der Politik, sich zu stellen. In der kommenden Woche will der Bundestag sich mit den durch Kriegseinsätze traumatisierten Soldaten befassen. In einem Antrag, den alle Fraktionen des Parlaments unterzeichnet haben, wollen die Abgeordneten mehr Hilfen für Soldaten und ihre Angehörigen beschließen. Endlich, muss man sagen. Im Jahr 2007 war die FDP-Fraktion mit einem entsprechenden Antrag noch gescheitert.

Die Gesellschaft, die Bundeswehr, die Politik, alle tun sich schwer mit den traumatisierten Rückkehrern, den Männern und Frauen, die die Angst, das Sterben, das Töten nicht aushalten. Ein körperlich verwundeter Soldat kann sich des Respekts seiner Kameraden und seiner Vorgesetzten, auch der Öffentlichkeit sicher sein. Aber psychische Wunden widersprechen dem Bild des belastbaren, starken Soldaten. »Ich wollte kein Weichei sein«, sagte ein kranker Rückkehrer nach seinem Einsatz in Afghanistan in einem Panorama- Beitrag schon im Sommer 2006. Er litt an Schlafstörungen, war grundlos gewalttätig, kapselte sich ab, fing an zu trinken. Der Geruch von verbranntem Fleisch oder das Geräusch von splitterndem Glas lösten bei ihm Panikattacken und Schweißausbrüche aus. Krieg im Kopf sozusagen.

Es dauerte lange, bis er Hilfe suchte. Und noch länger, bis er Hilfe fand. Die Bundeswehr ist nicht ausreichend vorbereitet auf Soldaten mit psychischen Kriegsschäden. Es gibt Prothesen für Arme und Beine, aber (noch) nicht ausreichend Ärzte und Therapeuten, die helfen können beim Kampf gegen die quälenden Bilder im Kopf.

Lange hat sich die deutsche Politik so verhalten wie der Vogel Strauß. Obwohl seit vielen Jahren deutsche Soldaten im Ausland sterben, wurden die Toten wie Verkehrsopfer behandelt. Und wir, die Bürger, waren, wenn wir ehrlich sind, auch irgendwie froh darüber, dem Krieg nicht ins Auge sehen zu müssen. Es dauerte bis zum Oktober 2008, bis der deutsche Verteidigungsminister erstmals einen toten Soldaten einen »Gefallenen« nannte. Das Wort war segensreich. Es hat das Wegschauen beendet und eine andere Art von Trauer ermöglicht. Ein Soldat ist gefallen. Nicht gestorben. Damit ist dieser Tod nicht mehr nur etwas Individuelles. Er geht uns alle an. Mitleid mit den Angehörigen reicht nicht. Für Gefallene haben wir Verantwortung.

 
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