Wer das zurzeit erfolgreichste Magazin des deutschen Zeitschriftenmarktes besuchen will, steigt in Münster aus dem Intercity und fährt, vorbei an Lidl, dem Herz-Jesu-Krankenhaus und dem Landhaus Pferdetränke, stadtauswärts zum Landwirtschaftsverlag. Hier werden in einem modernen Zweckbau nicht nur Titel wie das Landwirtschaftliche Wochenblatt Westfalen-Lippe und top agrar – Das Magazin für moderne Landwirtschaft, sondern auch das Hochglanzheft Landlust produziert, das, seit es vor gut drei Jahren gegründet wurde, in seinen Zuwachsraten allen anderen Lifestylemagazinen den Rang abläuft.

Allein im vergangenen Jahr, meldete der Verband Deutscher Zeitschriftenverleger dieser Tage, konnte das im Zweimonatstakt erscheinende Heft eine Auflagensteigerung um 70,8 Prozent auf 447.000 Exemplare verbuchen. Seither rauft man sich in den Redaktionen der darbenden Weltblätter die Haare und quält sich mit der Frage, warum die deutschen Leser die Geschichten über Feldhasen und Wanderhirten des neuen Erfolgsblattes aus Münster/Westfalen offenbar mehr zu schätzen wissen als die magazingerechtesten Einsichten in den Geist der Zeiten aus der Feder der angesagtesten und teuersten Pressebengel aus Berlin-Mitte. Ja, warum?

Chefredakteurin Ute Frieling-Huchzermeyer, die uns in dunkelbraunen Strickpullover und mit robustem Schuhwerk in der schlichten Redaktionsetage des Landwirtschaftsverlages mit Kräutertee bewirtet, ist von dem Erfolg überrascht. Ute Frieling-Huchzermeyer ist auf ihre Aufgabe, dem erfolgreichsten deutschen Lifestylemagazin des noch jungen Jahrtausends vorzustehen, nicht bei irgendeinem Musterblatt in New York vorbereitet worden. Sie musste auch nicht das Postentreppchen eines Großkonzerns hinaufklettern, sondern sie war zwanzig Jahre lang Redakteurin bei der Zeitschrift top agrar, wo man sich in aller Genauigkeit mit den Problemen der Rübenrodung und der Bullenmast publizistisch auseinandersetzt.

Sie ist mit einem Landwirt verheiratet und fährt jeden Morgen 120 Kilometer von ihrem Bauernhof in die Redaktion. Und weil es in Deutschland immer weniger Höfe gibt und auch die top agrar mit schwindenden Lesern zu kämpfen hat, kam man auf die Idee, das Angebot zu erweitern und ein Magazin zu gründen, als dessen Leserinnen man sich zunächst die Damen des sehr mitgliederstarken deutschen Landfrauenverbandes vorstellen wollte.

"Ursprünglich haben wir keinen bestimmten Lesertyp angesteuert", sagt Ute Frieling-Huchzermeyer. Die Agraringenieurin will bis heute vor allem eine Zeitung machen, die alte Journalistentugenden wie Gründlichkeit und Sachhaltigkeit pflegt und nebenbei auch vor ihrer Schwiegermutter noch bestehen kann. Die siebenköpfige, rein weibliche Redaktion – eine Gartenbauingenieurin und drei Agraringenieurinnen, eine Ökotrophologin und eine ehemalige Redakteurin der Nordsee-Zeitung sowie eine Volontärin – schreibt aus ihrer eigenen Lebenswelt heraus. Und das klingt sehr unprätentiös und ausgeruht, in den Ohren des Naturentwöhnten auch poetisch durch den sprachlichen Reichtum des biologisch Konkreten.

Unbesorgt um den eiligen Leser, lässt die Landlust Menschen zu Wort kommen wie den friesischen Gehölzspezialisten Hans Georg Buchtmann, der uns die Schönheiten der Stechpalme erläutert, indem er ausführlich auf ihre "Zwerge und Riesen, Trauer- und Säulenformen" eingeht und auch die Farbvarianten der Blätter nicht auslässt, die von "Hell- über Dunkelgrün, Olivgrün und über die marginalen Formen mit breitem oder schmalem, weißem bis silbernem Rand bis hin zu Blättern, die marmoriert oder gesprenkelt sind oder mit weißsilberner oder goldgelber Mitte ausgestattet sein können".

Natürlich hat der Erfolg dieser Zeitschrift etwas mit Eskapismus zu tun. Mit der Verarmung der Sinne in den zur Hauptwelt aufgeblähten Talmi- und Bildschirmlabyrinthen, mit der Ermüdung in der Hochgeschwindigkeitsgesellschaft, mit der Dürftigkeit ihrer Unterhaltungsprodukte und dem Tempo ihrer Vermarktung. Aber auch mit der Sehnsucht nach Erdnähe, nach Genauigkeit und nach dem Unterscheidbaren in einer Medienwelt, in der sich alles und alle immer mehr zu ähneln beginnen und man manchmal das Gefühl hat, ständig dieselbe Zeitung bis in alle Ewigkeit immer wieder lesen zu müssen.